„Ich sehe keinen Grund, warum ich davon nicht träumen sollte“ – Michael Storer peilt das Podium beim Giro d’Italia an – trotz der Gefahr durch Jonas Vingegaard

Radsport
Donnerstag, 07 Mai 2026 um 19:00
Michael Storer
Vor einem Jahr fuhr Michael Storer unauffällig zu einem weiteren Top-10-Ergebnis beim Giro d’Italia. Jetzt glaubt der Kapitän des Tudor Pro Cycling Teams, deutlich höher zielen zu können.
Im Gespräch mit Velora vor dem Giro d’Italia 2026 bekannte Storer offen, dass er eine Steigerung gegenüber seinen 10. Plätzen 2024 und 2025 anpeilt – trotz des überragenden Favoriten Jonas Vingegaard bei Team Visma | Lease a Bike. „Ich sehe nicht, warum ich nicht davon träumen sollte“, sagte Storer mit Blick auf einen möglichen Podiumskampf in Rom.
Gleichzeitig machte der Australier klar, dass er die Größe der Aufgabe realistisch einschätzt. „Jedes Jahr ist anders“, erklärte er.
Storers Selbstvertrauen basiert zudem nicht auf blindem Optimismus. Vielmehr rührt es daher, dass seine bisherigen Giro-Auftritte sein wahres Niveau nicht vollständig abbildeten. „Niemand wusste eigentlich, dass ich beim Giro letztes Jahr oft gestürzt bin“, enthüllte Storer. „Ich hatte vier verschiedene Stürze. Das hat mir schon etwas Substanz gekostet.“

Mehr als nur ein weiterer Top-10-Fahrer

Storers 10. Rang beim Giro 2025 galt weithin als solide, aber unspektakuläre Grand-Tour-Bilanz. Intern wirkt die Einschätzung inzwischen jedoch deutlich anders.
Der Australier ist überzeugt, dass die wiederholten Stürze seinen Auftritt stark beeinträchtigten und womöglich ein höheres Leistungsniveau kaschierten. Das ist vor 2026 relevant, denn Storer reist nun wohl in der konstant stärksten Form seiner Karriere an. In den letzten zwölf Monaten hat er sich klar als Tudor-Referenz für die Gesamtwertung etabliert, gewann die Tour of the Alps 2025 und entwickelte sich weiter zu einem der verlässlichsten Kletterer abseits der absoluten Elite.
Auch sein Frühjahr war erneut vielversprechend, inklusive einer weiteren starken Tour of the Alps, bei der sowohl Storer als auch Teamkollege Mathys Rondel vor dem Giro als ernsthafte Kletterfaktoren auftraten.
Michael Storer gewinnt Mailand–Turin 2026
Michael Storer gewinnt Mailand–Turin 2026

Tudors Doppelspitze

Anstatt sich in Italien komplett auf einen Fahrer auszurichten, setzt Tudor auf eine geteilte Führungsrolle zwischen Storer und Rondel. Der 22-jährige Franzose bestreitet nach starken Auftritten bei Paris–Nizza und der Tour of the Alps seine erste Grand Tour, und Storer unterstützt den Doppelansatz voll. „Wir fahren mit geteilter Kapitänsrolle ins Rennen“, erklärte der Australier. „Es ist immer besser, zwei Fahrer vorne zu haben, als dass ich allein bin oder Mathys allein ist.“
Zudem habe Rondels Entwicklung das Selbstvertrauen bei Tudor vor dem Rennen gestärkt. „Mathys hat gezeigt, dass er in WorldTour- und einwöchigen Rennen auf GC fahren kann, und er wird immer stärker“, sagte Storer. „Ich denke, er hat sehr viel Potenzial.“
Die Struktur spiegelt auch Tudors breitere Entwicklung als Team wider. Statt den Giro nur mit Blick auf opportunistische Etappensiege anzugehen, ist die Schweizer Mannschaft zunehmend überzeugt, im Kampf um die Gesamtwertung hinter Vingegaard ernsthaft mithalten zu können.
„Ich denke, dieser Ansatz ist auch fürs Team ein Vorteil“, so Storer. „Er gibt Mathys und mir mehr Motivation, wirklich bis ins Finale zu fahren. Und es ist gut, dass wir beide in guter Form sind, um diesen Giro anzugehen.“

Realistischer Ehrgeiz oder Außenseiterträume?

Storer selbst bleibt realistisch angesichts der bevorstehenden Herausforderung. „Ich will es besser machen als die letzten beiden Male mit dem 10. Platz im GC“, sagte er. „Aber gleichzeitig ist die Konkurrenz super, super hart.“
Der Australier hob speziell Fahrer wie Adam Yates und Giulio Pellizzari als Namen hervor, die er an der Spitze erwartet. „Adam Yates wird definitiv richtig, richtig stark sein und ist ein guter Tipp fürs Schluss-Podium“, prognostizierte Storer.
Zu Pellizzari fügte er mit einem Lachen hinzu: „Ich denke, Pellizzari ist – na, ich hoffe – der Hauptgegner. Das heißt, ich fahre ein gutes Rennen, wenn ich mit ihm dort oben bin.“

Warum dieser Giro-Streckenverlauf Storer liegt

Auch das Profil könnte Storers Ambitionen entgegenkommen. Der Giro 2026 enthält mehrere Bergankünfte mit erwartet großen GC-Abständen, darunter Blockhaus, Pila, Cari und Piancavallo – alles Etappen, die laut Storer seinen Kletterqualitäten liegen sollten. „Die Bergankünfte dürften mir auf dem Papier ziemlich gut liegen“, erklärte er.
Das offensichtliche Risiko bleibt das flache Einzelzeitfahren über 42 Kilometer auf Etappe 10, das die Gesamtwertung deutlich umkrempeln könnte, bevor der entscheidende Alpenblock beginnt. „Wenn du im Zeitfahren einen schlechten Tag hast, ist das viel schlimmer als ein schlechter Tag auf einer Straßenetappe“, gab Storer zu. „Da ist niemand, der dir helfen kann.“
Dennoch deuten Storers Aussagen auf einen Fahrer hin, dessen Grand-Tour-Mentalität sich in den vergangenen zwei Saisons spürbar verändert hat. „Es gibt auch andere Prozessziele, die ich während des Rennens erreichen will“, erklärte er. „Also ist es nicht so, dass ich unzufrieden bin, wenn es ergebnismäßig schlechter läuft – vielleicht bin ich trotzdem glücklich mit dem Rennverlauf.“
Der Giro startet für Storer zudem in völlig unbekanntem Terrain, mit der Grande Partenza in Bulgarien. „Ich denke, das wird eine interessante Erfahrung“, sagte er.
Für Tudor zeichnet sich derweil das größere Bild ab. Das Team gibt sich bei Grand Tours nicht mehr mit der bloßen Teilnahme zufrieden. Mit Storer und Rondel in starker Kletterform vor dem Giro ist die Schweizer Mannschaft zunehmend überzeugt, im wachsenden Kampf hinter Vingegaard und den etablierten WorldTour-GC-Teams ihren Platz zu haben.
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