In einer Ära der Marginal Gains, Pacing-Modelle und Zahlen auf jedem Vorbau schwimmt
Matthew Riccitello gegen den Strom – und hat Erfolg. Mit 23 Jahren hat der US-Kletterer bereits einen der markantesten Grand-Tour-Durchbrüche der jüngeren Vergangenheit geliefert. Seine Rennweise würde jedoch auch vor der Datenrevolution nicht deplatziert wirken.
Riccitellos Aufstieg im vergangenen Jahr basierte auf Ergebnissen, nicht auf großen Worten. Der Gesamtsieg bei der Sibiu Tour kündigte ihn als Rundfahrer an, doch richtig landete er bei der Vuelta a España, wo er die Nachwuchswertung gewann und Gesamtfünfter wurde. Diese Leistung brachte ihm den Wechsel zum Decathlon CMA CGM Team ein und verankerte ihn fest auf der GC-Landkarte.
Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Richtung, sondern vor allem die Methode.
Im Podcast von Matt Stephens sprach Riccitello offen über seine Herangehensweise. „Im Rennen nutze ich eigentlich weder Powermeter noch Herzfrequenzmesser“, erklärte er. „Ich schaue nicht darauf, um Entscheidungen zu treffen. Nach dem Rennen werte ich es aus. Im Training arbeite ich wieder mit Zahlen, aber nicht während der Rennen selbst.“
Nach Gefühl fahren in einer Zahlen-Ära
Diese Unterscheidung ist entscheidend. Riccitello lehnt Daten nicht grundsätzlich ab. Er trainiert damit, analysiert sie im Nachgang und kennt ihren Wert. Er wehrt sich nur dagegen, im Wettkampf Entscheidungen von Zahlen diktieren zu lassen.
Diese Philosophie widerspricht dem System, das den Etappenrennsport seit mehr als einem Jahrzehnt prägt. Der Aufstieg von Team Sky und später INEOS hat das Peloton umgeformt. Powermeter wurden vom optionalen Werkzeug zur Grundausstattung. Bergtempo wurde vorgeplant. Belastung wurde gesteuert, gedeckelt und kontrolliert. Ohne Zahlen in einer Grand Tour eine GC-Rolle zu fahren, galt fast als undenkbar.
Riccitellos Vuelta erinnerte daran, dass es noch einen anderen Weg gibt. Am vorletzten Tag wurde er Sechster an der Bola del Mundo, einem der härtesten Anstiege des Rennens. Er tat es ohne Powermeter am Rad. „Bei der Vuelta gab es einige Tage, an denen ich nicht einmal einen Powermeter am Rad hatte. Einfach, um das Rad etwas leichter zu machen“, sagte er. „An der Bola del Mundo fragte mich jemand, wie viel Watt ich dort getreten habe. Ich so: keine Ahnung.“
Das ist kein Imponiergehabe. Es ist Absicht. „Ich interessiere mich für Daten und nutze sie im Training“, ergänzte Riccitello. „Aber im Rennen halte ich es nicht für entscheidend, diese Zahlen zu haben.“
Ein junger Fahrer mit Old-School-Kante
Mit dieser Haltung gehört Riccitello zu einer kleinen modernen Minderheit. Vor der Sky-Ära war der Sport nicht wissenschaftsfeindlich, aber Instinkt durfte Entscheidungen im Rennen leiten. Fahrer loteten Grenzen in Echtzeit aus statt sie vorab zu berechnen. Gefühl, nicht Wattobergrenzen, beurteilten Attacken.
Riccitellos Stärke passt genau dazu. Seine Fähigkeit, wiederholte Antritte zu verkraften, sieht er als Kernqualität – und genau deshalb reizen ihn Grand Tours. Je länger ein Rennen, desto besser liegt es ihm. Platz fünf in Madrid war kein Endpunkt, sondern eine Startmarke.
Für Decathlon CMA CGM liegt der Reiz auf der Hand. Ein Kletterer, der in einer dreiwöchigen Rundfahrt nicht nur überlebt, sondern aufblüht – und dabei frei genug ist zu reagieren, wenn die Straße statt der Anzeige den Takt vorgibt.
Der Radsport hat die Daten nicht verabschiedet und wird es nie tun. Doch Riccitellos Erfolg deutet an, dass für das Gefühl weiterhin Raum bleibt. In einem Peloton, das noch immer im Schatten des Sky-Erbes fährt, könnte genau dieses Gleichgewicht sein leiser Trumpf sein.