„Ich habe nicht vergessen, was sie tat, als ich vor zwei Jahren am Boden lag“ – Demi Vollering kontert Kasia Niewiadoma-Phinney

Radsport
durch Nic Gayer
Sonntag, 09 August 2026 um 17:30
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Die Tour de France Femmes ist in ihrer Schlussphase auf und neben dem Rad regelrecht explodiert. Demi Vollering und Kasia Niewiadoma-Phinney liefern sich einen kompromisslosen Kampf um das Gelbe Trikot, der nach den Ereignissen der achten Etappe längst über das rein Sportliche hinausgeht. Niewiadoma-Phinney übte nach dem umstrittenen Zwischenfall scharfe Kritik an FDJ United-SUEZ. Vollering konterte nun ihrerseits – und erinnerte dabei an die Tour de France Femmes 2024, die zwischen den beiden ebenfalls mit einem Abstand von nur wenigen Sekunden entschieden wurde.
Die Taktik von FDJ United-SUEZ sah am Samstag vor, Celia Gery am Hinterrad von Vollering in den Schlussanstieg zu bringen und anschließend das Tempo zu reduzieren. Dabei wurde Niewiadoma-Phinney in Richtung Straßenrand gedrängt. Nach der Etappe entwickelte sich daraus eine gereizte und konfrontative Stimmung. Niewiadoma-Phinney sparte nicht mit Kritik – und die Diskussion um die französische Meisterin eskalierte anschließend insbesondere in den sozialen Medien.

FDJ beklagt Todesdrohungen gegen Celia Gery

„Ich finde, das ist für Celia sehr unangenehm. Ich habe die Videoaufnahmen gesehen und sehe da nicht viel. Sie lässt noch Platz“, erklärte FDJ-Sportdirektor Lars Boom gegenüber Sporza.
Der Eklat der Tour de France Femmes 2026.
Die Szene, die für heftige Diskussionen sorgt: Celia Gery drängt Kasia Niewiadoma-Phinney in Richtung Straßenrand, während Demi Vollering vorne die entscheidende Lücke öffnet.
Was als Diskussion über ein taktisches Manöver und dessen sportliche Fairness begonnen hatte, nahm anschließend jedoch eine völlig andere Dimension an. Laut Boom wurde Gery in den sozialen Netzwerken massiv angefeindet.
„Sie wird in den sozialen Medien komplett zerrissen und erhält Todesdrohungen. Das ist wirklich beschämend.“
Der Vorfall hat eine breite Debatte ausgelöst. Dabei wird nicht nur darüber diskutiert, ob Gerys Aktion Konsequenzen hätte haben müssen, sondern auch darüber, welchen Einfluss das Manöver tatsächlich auf den Ausgang der Etappe und damit möglicherweise auf die gesamte Tour de France Femmes hatte.

Vollering stellt sich vor Gery: „Wir müssen sie schützen“

Vor dem Start der Schlussetappe in Nizza wurde auch Vollering auf die Kontroverse angesprochen. Die Niederländerin geht mit lediglich acht Sekunden Vorsprung im Gelben Trikot in den letzten Renntag und reagierte mit deutlichen Worten auf die Kritik an ihrer jungen Teamkollegin.
„Mir tut Celia vor allem leid, weil sie einfach mehr als ihr Bestes gegeben hat“, sagte Vollering im Interview vor dem Start, zitiert von Wielerflits. „Sie konnte nie ahnen, dass so ein Shitstorm losbricht. Wir leben heutzutage in einer kranken Welt. Das ist zu traurig für Worte. Es macht mich unglaublich wütend. Sie ist noch so jung und so frisch in diesem Sport. Wir müssen sie schützen.“
Vollering machte keinen Hehl daraus, dass die Situation auch für sie selbst schwierig ist. Ihr Team und ihre Teamkolleginnen stehen massiv in der Kritik – eine Lage, die auch Boom als äußerst belastend beschrieben hatte.
Für Vollering steht jedoch außer Frage, welchen Stellenwert Gery innerhalb der Mannschaft besitzt. Gerade auf der entscheidenden letzten Etappe rechnet die Trägerin des Gelben Trikots erneut mit der Unterstützung der Französin.
„Ich finde es richtig beschissen, dass so etwas passiert. Wir sind Sportlerinnen geworden, weil wir den Sport lieben. Wir haben uns nicht ausgesucht, solche Kommentare und Reaktionen abzubekommen. Ich werde sie heute dringend brauchen, denn sie ist die perfekte Teamkollegin und würde keiner Fliege etwas zuleide tun.“

Vollering erinnert Niewiadoma-Phinney an das Tour-Drama von 2024

Vollering beschränkte sich allerdings nicht darauf, ihre Teamkollegin zu verteidigen. Gleichzeitig griff sie ein sensibles Kapitel aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit mit Niewiadoma-Phinney auf und zeigte sich enttäuscht von den Aussagen ihrer großen Rivalin nach der achten Etappe.
„Ich habe großen Respekt vor Kasia, aber ich war etwas enttäuscht, als ich ihr Interview gestern nach dem Ziel sah. Sie hat meine Teamkollegin angegriffen. Das finde ich nicht fair, wenn man so emotional ist. Ich meine, ich habe nicht vergessen, was sie getan hat, als ich vor zwei Jahren am Boden lag. Sie ist nicht diejenige, die über Fairplay sprechen sollte.“
Vollering spielte damit auf die Tour de France Femmes 2024 an. Damals führte die Niederländerin das Rennen an, ehe sie auf der fünften Etappe stürzte. In einem relativ flachen Finale verlor die damalige SD-Worx-Fahrerin viel Zeit und musste das Gelbe Trikot abgeben.
Letztlich kostete sie dieser Zeitverlust auch den Gesamtsieg. Vollering beendete die Tour lediglich vier Sekunden hinter Niewiadoma-Phinney. Damals wurde allerdings auch intensiv darüber diskutiert, dass Vollering nach ihrem Sturz nur unzureichende Unterstützung von ihrem eigenen Team erhalten hatte.
Trotz ihrer deutlichen Worte betonte Vollering, dass sie ihrer Rivalin die damaligen Ereignisse nicht dauerhaft vorwerfe. Für sie müsse bei aller sportlichen Rivalität im Vordergrund stehen, dass hinter den Fahrerinnen Menschen stehen.
„Aber ich halte ihr nichts nach. Am Ende dürfen wir nicht vergessen, dass wir abseits des Rads alle Menschen sind. Celia ist noch so jung. Das ist aus meiner Sicht nicht fair.“

Nur acht Sekunden: Vollering erwartet Kampf „von Start bis Ziel“

Auf der Straße ist die Tour unterdessen noch längst nicht entschieden. Vor der letzten Etappe trennen Vollering und Niewiadoma-Phinney lediglich acht Sekunden. Der finale Renntag beinhaltet vier Anstiege zum Col d'Eze und bietet damit ausreichend Terrain für einen weiteren Angriff auf das Gelbe Trikot.
Vollering erwartet entsprechend einen kompromisslosen Kampf und stellt sich darauf ein, dass Niewiadoma-Phinney keineswegs bis zum letzten Anstieg warten muss.
„Wir sind alle komplett bereit und werden alles tun, um das Gelbe Trikot zu verteidigen. Ich bin auf alles vorbereitet. Vielleicht passiert es schon vor dem vierten Anstieg zum Col d'Eze; ich bin bereit, von Start bis Ziel Vollgas zu geben.“
Dass die Verteidigung des Maillot Jaune keineswegs zum Selbstläufer wird, hatte sich bereits am Mont Ventoux gezeigt. Dort konnte Niewiadoma-Phinney ihre Stärken am Berg ausspielen und Vollering deutlich distanzieren.
Die Niederländerin geht dennoch mit Zuversicht in den entscheidenden Tag. Gleichzeitig möchte sie verhindern, dass der Gedanke an den Gesamtsieg ihr Rennen vollständig bestimmt.
„Ich bin hundertprozentig fit. Aber ich will mich auch nicht zu sehr auf den Sieg versteifen. Am Ende musst du bei null anfangen und auf alles hoffen“, schloss Vollering.
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