Taylor Phinney hat seine Ehefrau Kasia Niewiadoma-Phinney nach dem umstrittenen Zwischenfall unmittelbar vor Demi Vollerings entscheidender Attacke auf der achten Etappe der
Tour de France Femmes vehement verteidigt. Der ehemalige US-Profi bezeichnete die Fahrweise von Celia Gery als „dirty“ und verglich die Szene sogar mit Manövern, die eher bei Juniorenrennen oder Kriterien auf Parkplätzen zu erwarten seien.
Phinney verfolgte aus der Ferne, wie Niewiadoma-Phinney in Nizza das Gelbe Trikot an Vollering verlor und vor der Schlussetappe nun acht Sekunden hinter der Niederländerin liegt. Gerade die räumliche Distanz machte die Situation für den früheren Profi offenbar besonders emotional.
Phinney analysiert die Aufnahmen immer wieder: „Ich stehe zu K“
Phinney räumte ein, dass er sich aufgrund der Situation immer wieder mit den Aufnahmen der umstrittenen Kurve beschäftigte und die Szene detailliert analysierte.
Kasia Niewiadoma-Phinney verlor in Nizza das Gelbe Trikot an Demi Vollering. Ehemann Taylor Phinney kritisiert Celia Gerys umstrittenes Manöver mit deutlichen Worten.
„Nehme mir heute Nacht frei vom Drehen und Schneiden des HABCAST“, schrieb er in seinen
Instagram Stories. „Gestern war All Time und heute Stressfull as Hell... wirklich hart, in solchen Momenten nicht an der Seite von Queen K zu sein... Gerade etwas zu besessen vom Analysieren des Videomaterials. Egal – ich stehe zu K. Ganz klar.“
„Das Peloton erinnert sich daran, wer mit Klasse fährt“
Niewiadoma-Phinney hatte der französischen Meisterin Gery bereits unmittelbar nach der Etappe vorgeworfen, sie beim Angriff von Vollering bewusst in Richtung der Absperrung gedrängt zu haben. Nach eigener Aussage musste die Polin dadurch aufhören zu treten. Das Vorgehen von FDJ United-SUEZ bezeichnete sie anschließend als „kindisch“.
Bei seiner Bewertung der Situation berief sich Phinney auch auf seine eigenen Erfahrungen aus mehreren Jahren im WorldTour-Peloton. Dabei stellte er insbesondere die Frage nach dem gegenseitigen Respekt innerhalb eines Radrennens.
„Ja, es stimmt, das ist Radsport, und Leute können fahren, wie sie wollen – mit Respekt für andere oder ohne“, schrieb Phinney. „Ich habe viele Fahrer getroffen, die ohne Respekt fuhren. Das Peloton erinnert sich daran, wer mit Klasse fährt und wer nicht.“
Anschließend richtete der ehemalige Profi seine Aufmerksamkeit auf Gerys Positionierung, nachdem diese ihre Führungsarbeit für Vollering bereits beendet hatte. Zu einem Bild der entscheidenden Situation schrieb Phinney: „Der Job dieser Person an der Spitze ist getan. Stell dir vor, ein Anfahrer eines Sprinters würde dasselbe machen?“
FDJ-Sportdirektor Lars Boom bestätigte inzwischen, dass Gerys Bewegung Bestandteil des taktischen Plans gewesen war. Die französische Meisterin hatte demnach die Anweisung erhalten, nach ihrer Führungsarbeit für Vollering auf die linke Seite zu wechseln. Dadurch sollten hinter der Niederländerin Lücken entstehen, während Niewiadoma-Phinney versuchte, ihr zu folgen.
Zum Zeitpunkt der umstrittenen Situation war Vollering bereits an ihrer Teamkollegin vorbeigefahren. Während Gery beim Zurückfallen nach links zog, wollte Niewiadoma-Phinney mit höherer Geschwindigkeit außen an ihr vorbeiziehen.
„Ist das Dirty Riding? Für mich ja“
Für Phinney zeigen die Aufnahmen, dass Gery die Linie aktiv schloss und nach ihrer Führungsarbeit nicht lediglich zurück ins Feld driftete.
„Kasia holt den Speed außen, doch Gery tritt, um sie rauszudrücken, schließt den Kurvenausgang und zwingt Kasia zum Bremsen“, beschrieb Phinney seine Interpretation der Bilder.
Einen konkreten Regelverstoß wollte der ehemalige Profi Gery allerdings nicht unterstellen. Seine sportliche Bewertung des Manövers fiel dennoch eindeutig aus.
„Ist das Radsport? Ja, ist es. Ist es illegal? Glaube ich nicht. Ist es Dirty Riding? Für mich ja.“
Auch der ehemalige Profi und heutige niederländische Radsportanalyst Thijs Zonneveld hatte Gerys Vorgehen zuvor kritisiert. Nach seiner Analyse erschwerte die Französin Niewiadoma-Phinneys Reaktion auf Vollerings Attacke bewusst.
Phinney ging in seinen Instagram-Posts noch einen Schritt weiter und stellte grundsätzlich infrage, ob ein solches Manöver dem sportlichen Niveau eines der größten Rennen im Frauenradsport angemessen sei.
„Erinnert an etwas Kleinkariertes, das man in einem Juniorenrennen oder einem Parkplatz-Kriterium sieht, nicht an einen Move eines der besten Teams der Welt im größten Rennen des Jahres.“
Canyon//SRAM hat wegen des Vorfalls inzwischen offiziell Beschwerde beim Weltradsportverband UCI eingelegt. Vollering stellte sich dagegen hinter ihre Teamkollegin. Die Niederländerin erklärte, sie habe selbst nicht gesehen, was sich hinter ihr abgespielt habe, sei aber überzeugt davon, dass Gery nicht absichtlich gehandelt habe.
Nur acht Sekunden zwischen Niewiadoma-Phinney und Vollering
Niewiadoma-Phinney verlor durch den Zwischenfall in der Kurve zunächst mehrere Radlängen. Mit Unterstützung von Elisa Longo Borghini gelang es ihr jedoch, die entstandene Lücke wieder zu schließen.
Weiter oben auf der steilen Rampe setzte Vollering allerdings zu einer weiteren Attacke an. Diesmal konnte Niewiadoma-Phinney nicht mehr reagieren, und die Niederländerin erarbeitete sich die letztlich entscheidende Lücke.
Vollering zog über die Kuppe hinweg davon, behauptete ihren Vorsprung in der Abfahrt und hielt das Tempo anschließend bis zur Promenade des Anglais hoch. Im Ziel lag sie 17 Sekunden vor Niewiadoma-Phinney.
Zusammen mit den Zeitbonifikationen gelang Vollering damit eine bemerkenswerte Wende im Gesamtklassement. Mit einem Rückstand von 15 Sekunden war sie in die achte Etappe gestartet, am Ende des Tages führte sie die
Tour de France Femmes mit acht Sekunden Vorsprung an.
Für Phinney kam diese Wendung weniger als 24 Stunden nach einem vollkommen gegensätzlichen Erlebnis. Am Mont Ventoux hatte er aus der Ferne verfolgt, wie seine Frau mit einer Soloattacke mehr als eine Minute auf Vollering gutmachte und dadurch das Gelbe Trikot eroberte.
Vor der abschließenden, 99,2 Kilometer langen Etappe rund um Nizza muss Niewiadoma-Phinney nun einen Rückstand von acht Sekunden aufholen. Es ist ihre letzte Gelegenheit, das Gelbe Trikot zurückzuerobern und die Tour doch noch zu gewinnen.
Phinney wird den entscheidenden Kampf erneut aus der Ferne verfolgen. Seine Haltung zu jenem Zwischenfall, der den jüngsten Führungswechsel zumindest mitprägte, hat der ehemalige Profi zuvor jedoch unmissverständlich deutlich gemacht.