„Ich habe mein Potenzial nicht voll ausgeschöpft“ – Domenico Pozzovivo überrascht mit 43 Jahren und träumt vom Giro d'Italia 2027
Radsport
Domenico Pozzovivo blickt mit gemischten Gefühlen auf seine außergewöhnlich lange Karriere zurück. Obwohl der Italiener mehr als zwei Jahrzehnte im Profipeloton verbracht hat, ist er überzeugt, seine körperlichen Möglichkeiten in seinen besten Jahren nie vollständig ausgeschöpft zu haben. Umso bemerkenswerter ist seine jüngste Erkenntnis: Nach seiner Rückkehr aus dem Ruhestand erzielte der inzwischen 43-Jährige im Training die besten Leistungswerte seiner gesamten Laufbahn.
Für Pozzovivo zeigt diese Entwicklung, welche neuen Möglichkeiten moderne Ernährungsstrategien und Trainingsmethoden auch älteren Radprofis eröffnen. Gleichzeitig warnt der erfahrene Kletterspezialist davor, die zunehmenden mentalen Belastungen des modernen Radsports zu unterschätzen. Während die körperlichen Voraussetzungen für lange Karrieren immer besser werden, könnte es für die jüngere Fahrergeneration zunehmend schwieriger werden, den hohen Anforderungen über viele Jahre standzuhalten.
Überraschendes Comeback mit 43 Jahren: Pozzovivo sammelt über 500 UCI-Punkte
Der frühere Giro-d'Italia-Etappensieger feierte 2026 im Trikot von Solution Tech - NIPPO - Rali ein bemerkenswertes Comeback. Obwohl er erst Ende April in den Rennbetrieb zurückkehrte, sammelte er mehr als 500 UCI-Punkte und bewies, dass er auch im fortgeschrittenen Radsportalter noch konkurrenzfähig ist.

Domenico Pozzovivo feierte 2026 mit 43 Jahren ein bemerkenswertes Comeback im Profiradsport. Nach mehr als 500 gesammelten UCI-Punkten hofft der Italiener auf eine weitere Saison und seine 18. Teilnahme am Giro d'Italia 2027.
Im Interview mit bici.PRO sprach der Italiener, der am 30. November seinen 44. Geburtstag feiert, über verpasste Chancen zu Beginn seiner Laufbahn, die Veränderungen im Profiradsport und seine Überlegungen, auch 2027 noch Rennen zu bestreiten.
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„Damals fehlte uns das nötige Wissen“ – Warum Pozzovivo seiner Vergangenheit nachtrauert
Pozzovivo gab 2005 sein Profidebüt und entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem der konstantesten Bergfahrer beim Giro d'Italia. 2012 gewann er die Etappe nach Lago Laceno, 2014 und 2018 belegte er jeweils den fünften Platz in der Gesamtwertung. Selbst ein schwerer Trainingsunfall im Jahr 2019, bei dem er von einem Auto angefahren wurde und mehrere Knochenbrüche erlitt, konnte seine Karriere nicht dauerhaft stoppen. 2022 erreichte er im Alter von 39 Jahren noch einmal den achten Gesamtrang bei der Italien-Rundfahrt.
Als Pozzovivo Ende 2024 seinen Rücktritt erklärte, schien seine Laufbahn endgültig beendet. Doch nach einem Jahr ohne Wettkämpfe entschied er sich für eine Rückkehr mit Solution Tech - NIPPO - Rali und bewies auf Anhieb, dass er weiterhin um Spitzenplatzierungen kämpfen konnte.
Beim Giro dell'Appennino wurde er Dritter, bei der Tour of Hellas belegte er den zweiten Platz in der Gesamtwertung. Auch bei der Czech Tour und beim Grande Premio Internacional Beiras e Serra da Estrela erreichte er jeweils den dritten Gesamtrang. An lediglich 35 Renntagen sammelte Pozzovivo mehr als 500 UCI-Punkte. Damit leistete er einen wichtigen Beitrag zum 26. Platz seines Teams in der UCI-Mannschaftswertung, der die Hoffnung auf eine Einladung zum Giro d'Italia 2027 aufrechterhält.
„Ich hatte davon gesprochen, die Marke von 500 Punkten zu erreichen, und nun habe ich sie sogar übertroffen“, erklärte Pozzovivo gegenüber bici.PRO. Dieses Ziel hatte er sich bereits bei seinem Wechsel zur Mannschaft gesetzt.
„Schade, wie die Saison zu Ende ging. Sonst hätte ich noch mehr Punkte sammeln können. Zwischen der Tracheitis vor dem Giro dell'Emilia und dem Sturz beim Japan Cup, bei dem ich mir diese Handverletzung zuzog, habe ich trotzdem mehr erreicht, als ich erwartet hatte.“
Noch überraschender als seine Rennergebnisse waren für den Italiener allerdings die Leistungswerte aus dem Training. Dabei hatte er sein Comeback mit einer deutlich entspannteren Einstellung begonnen als in früheren Karrierephasen. Neben dem Profisport stehen inzwischen auch seine Verpflichtungen als Vater im Mittelpunkt seines Alltags.
„Wie ich schon oft gesagt habe, habe ich auch familiäre Verpflichtungen und ziehe meine Tochter groß“, erklärte er. „In meiner Situation betrachtet man alles aus einer anderen Perspektive und erkennt, dass der Radsport in meinem Alter nicht mehr Mittelpunkt des Lebens sein kann. Paradoxerweise ist man dadurch auch mental freier vom Ergebnisdruck. Und körperlich waren die Werte, die ich im Training erzielt hatte, die besten meiner gesamten Karriere.“
Als entscheidenden Faktor für seine außergewöhnliche körperliche Verfassung sieht Pozzovivo die Fortschritte in der Sportwissenschaft. Moderne Trainingssteuerung und Ernährung ermöglichen es ihm, seine Leistungsfähigkeit wesentlich gezielter auszuschöpfen. Gleichzeitig betont er, dass eine entsprechende genetische Veranlagung unverzichtbar sei.
„An erster Stelle steht eine genetische Veranlagung, die es ermöglicht, mit zunehmendem Alter ein bestimmtes Leistungsniveau zu halten. Das bringt nicht jeder mit“, sagte Pozzovivo. „Der Rest steckt schon in deiner Frage: eine passende Ernährung und Trainingsmethoden, mit denen man seine körperlichen Möglichkeiten optimal ausschöpfen kann.“
Gerade diese Erkenntnisse lassen ihn heute mit einem gewissen Bedauern auf seine erfolgreichsten Jahre zurückblicken. Denn während er körperlich damals noch größere Reserven besaß, fehlten ihm nach eigener Einschätzung die wissenschaftlichen Möglichkeiten, sie vollständig zu nutzen.
„Paradoxerweise kann das bei jemandem wie mir, der mehrere Epochen des Radsports erlebt hat, ein paar Reuegefühle hinterlassen. Als ich jünger war und körperlich noch mehr leisten konnte, besonders vor dem Unfall 2019, habe ich mein Potenzial nicht voll ausgeschöpft. Letztlich ist die Erklärung einfach: Damals fehlte uns das nötige Wissen.“
„Es war eine andere Zeit“, fügte er hinzu. „Nahrungsergänzung, Ernährung, Technologie, Trainingsmethoden: All das habe ich erst in der Spätphase meiner Karriere kennengelernt. Diese Entwicklungen haben meinen Leistungsrückgang erheblich verlangsamt.“
„Der moderne Radsport zehrt viel früher an den Kräften“ – Pozzovivo warnt vor mentaler Erschöpfung
Die Entwicklungen, die Pozzovivo eine außergewöhnlich lange Karriere ermöglichen, haben gleichzeitig den professionellen Radsport grundlegend verändert. Junge Talente erreichen heute immer früher das höchste Leistungsniveau, während der Konkurrenzdruck und die Anforderungen an die Fahrer kontinuierlich steigen.
Pozzovivo hat im Laufe seiner Karriere mehrere Generationen von Spitzenfahrern erlebt – von Ivan Basso und Alberto Contador bis zu Tadej Pogacar und Remco Evenepoel. Dennoch hält er es für problematisch, aus den Erfolgen einzelner Ausnahmetalente allgemeingültige Schlussfolgerungen über die Entwicklung des Radsports zu ziehen.
„Verallgemeinerungen auf Grundlage einzelner Fälle können ein Fehler sein. Das gilt für außergewöhnliche Langlebigkeit ebenso wie für den Versuch, die Leistungen herausragender Fahrer wie Tadej Pogacar oder Remco Evenepoel auf eine viel größere Gruppe zu übertragen“, erklärte er.
„Auf bescheidene Weise ist meine lange Karriere etwas, das man nicht oft sieht. Aber es stimmt auch, dass der moderne Radsport Raum für lange Karrieren bietet. Das Problem ist, dass sich die mentalen und körperlichen Aspekte gemeinsam entwickeln müssen.“
Aus eigener Erfahrung weiß Pozzovivo, dass das biologische Alter nicht zwangsläufig über das Ende einer Profikarriere entscheiden muss. Im Gegenteil: Die Erfahrung vieler Rennjahre könne sogar dabei helfen, Belastungen besser einzuschätzen und unnötige Fehler zu vermeiden.
„Körperlich habe ich keine Zweifel: Man kann viele Jahre lang Rennen fahren, selbst in einer Sportart, die so anspruchsvoll geworden ist wie der Radsport“, sagte er. „Meine Erfahrung zeigt auch, dass man mit zunehmendem Alter weniger Fehler macht. In gewisser Weise schützt einen das.“
Deutlich kritischer beurteilt er hingegen die psychischen Anforderungen des heutigen Profisports. Der hohe Druck und die ständige Wiederholung derselben Trainings- und Wettkampfroutinen könnten dazu führen, dass Fahrer mental wesentlich früher an ihre Grenzen gelangen als körperlich.
„Mental zehrt der moderne Radsport viel früher an den Kräften. Gegen die mentale Erschöpfung und die Müdigkeit, immer wieder dasselbe zu tun, kann man nur begrenzt etwas ausrichten. Deshalb ist es verständlich, dass die Karrieren kürzer sind. Sich auf junge Fahrer zu konzentrieren, kann eine Strategie sein, um ihre Fähigkeiten bestmöglich zu nutzen, solange sie noch den Ehrgeiz haben, Rennen zu fahren.“
Wie außergewöhnlich Pozzovivos körperliche Belastbarkeit weiterhin ist, zeigen auch seine Trainingsumfänge. In seinen letzten Saisons vor dem vorläufigen Karriereende absolvierte er durchschnittlich zwischen 32.000 und 33.000 Kilometer pro Jahr und sammelte dabei rund 600.000 Höhenmeter. Selbst während seines Jahres außerhalb des Profipelotons legte er ungefähr 24.000 Kilometer zurück. Für 2026 rechnet er mit insgesamt 28.000 bis 30.000 Kilometern und etwa 500.000 Höhenmetern.
Interessanterweise erreichte Pozzovivo seine höchsten Leistungswerte nicht während der Wettkampfsaison, sondern bereits in der Vorbereitung auf sein Comeback.
„Meine besten Leistungen in der gerade zu Ende gegangenen Saison habe ich tatsächlich vor meiner Rückkehr in den Rennbetrieb gezeigt“, verriet er. „Ich habe mich ständig getestet und gefordert, teils aus Freude daran, teils fürs Training. Während der Rennsaison fiel es mir sehr schwer, die Spitzenwerte aus dem ersten Teil des Frühjahrs wieder zu erreichen.“
Giro d'Italia 2027 mit 44 Jahren? Pozzovivo will seine Karriere fortsetzen
Ein unglücklicher Zwischenfall beendete Pozzovivos Comeback-Saison schließlich im Oktober beim Japan Cup. Nachdem Attila Valter unmittelbar vor ihm gestürzt war, rutschte das Fahrrad des Ungarn unter Pozzovivos eigenes Rad. Der Italiener wurde von der Straße getragen und zog sich eine Handverletzung zu, die operativ behandelt werden musste. Damit war seine Saison vorzeitig beendet.
Trotz dieses Rückschlags denkt Pozzovivo keineswegs daran, seine Karriere endgültig abzuschließen. Voraussetzung für eine weitere Saison sei allerdings, dass er die entspannte Herangehensweise beibehalten könne, die seine Rückkehr in den Profiradsport geprägt habe.
„Ich möchte auf jeden Fall weitermachen, sofern ich dieselbe Einstellung und dieselben Voraussetzungen bewahren kann“, erklärte er. „Wenn mir das gelingt, kann ich mir eine weitere Saison vorstellen, ohne dass es eine Saison zu viel wird.“
Seine bevorzugte Mannschaft bleibt Solution Tech - NIPPO - Rali. Pozzovivo ist dem Team besonders dankbar, dass es ihm nach seinem zwischenzeitlichen Rücktritt noch einmal eine Chance im professionellen Radsport gegeben hat.
„Ich würde gern bei ihnen weitermachen. Schließlich waren sie es, die den Mut hatten, in einen Fahrer meines Alters zu investieren, der schon so viele Jahre im Rennsport hinter sich hat.“
Mit dem 26. Platz in der UCI-Teamwertung besitzt Solution Tech - NIPPO - Rali zudem weiterhin die Möglichkeit, eine Einladung zum Giro d'Italia 2027 zu erhalten. Allerdings sind weder Pozzovivos Vertragsverlängerung noch eine Wildcard für die Italien-Rundfahrt bislang bestätigt.
Sollte beides zustande kommen, könnte der Italiener im kommenden Mai mit 44 Jahren seine 18. Teilnahme am Giro d'Italia feiern – mehr als zwei Jahrzehnte nach seinem Debüt im Jahr 2005.
„Ich hoffe, dass sich im November alles klären lässt. Das wäre im Vergleich zu meinen letzten Saisons tatsächlich ungewöhnlich“, sagte Pozzovivo. „Es wäre sehr wichtig für mich, schon vor dem Winter mein Programm zu kennen und zu wissen, wann und wie ich meine Bestform erreichen möchte.“
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„Paul Seixas war unglaublich stark“ – Nachwuchstalent knackt Pozzovivos Bestzeit
Neben seiner eigenen Zukunft sprach Pozzovivo auch über eine bemerkenswerte Leistung von Paul Seixas. Der junge Franzose hatte ihm an einem Anstieg, der Teil der Strecke von Il Lombardia ist, einen zuvor von Pozzovivo gehaltenen KOM – die Bestzeit auf einem Strava-Segment – abgenommen.
Als der Italiener gefragt wurde, ob inzwischen Tadej Pogacar seinen Rekord gebrochen habe, korrigierte er den Fragesteller und verwies auf Seixas.
„Ach, aber Paul Seixas hat es geschafft! Er war unglaublich stark und erzielte geradezu monströse Werte“, erklärte Pozzovivo anerkennend.
Für den erfahrenen Italiener steht derzeit allerdings die Klärung seiner eigenen sportlichen Zukunft im Vordergrund. Eine Vertragsentscheidung noch im November würde ihm ermöglichen, mit einem konkreten Rennprogramm in die Wintervorbereitung zu starten – eine Planungssicherheit, die ihm in den vergangenen Jahren häufig gefehlt hatte.
Sollte Solution Tech - NIPPO - Rali tatsächlich eine Einladung zum Giro d'Italia 2027 erhalten und Pozzovivo seine Karriere fortsetzen, könnte der 44-Jährige im Mai zum 18. Mal bei der Italien-Rundfahrt am Start stehen. Seine außergewöhnliche Laufbahn wäre damit um ein weiteres Kapitel reicher.

Nic GayerRedakteur
Nic Gayer ist seit 2022 im Journalismus tätig und begann seine Laufbahn als freier Redakteur im Lokaljournalismus für eine Tageszeitung. Für Radsportaktuell.de berichtet er über den professionellen Radsport und begleitet das Geschehen von der WorldTour bis zu wichtigen nationalen und internationalen Rennen. Sein Schwerpunkt liegt auf Vorberichten, Rennzusammenfassungen und Analysen, mit denen er Entwicklungen im Peloton klar einordnet.
Bei seiner Arbeit wird Nic von den Kolleginnen und Kollegen der Schwesterplattform CyclingUpToDate unterstützt, wodurch er regelmäßig direkten Zugang zu Teams, Fahrern und offiziellen Terminen erhält. Er arbeitet aus der Nähe von München und steht kurz vor dem Abschluss als Bachelor of Arts in Sportjournalismus. In seiner Berichterstattung legt er großen Wert auf sorgfältige Quellenprüfung, präzise Einordnung und aktualisiert Inhalte, sobald neue, gesicherte Informationen vorliegen.
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