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„Er muss anfangen, Eintagesrennen zu fahren“ – Ex-Nationaltrainer fordert radikales Umdenken bei Jonas Vingegaard für 2027

Radsport
durch Nic Gayer
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Jonas Vingegaard hat bereits alle drei Grand Tours gewonnen und seine Karriere bislang nahezu vollständig auf die großen Rundfahrten des internationalen Radsports ausgerichtet. Doch nach Ansicht des früheren dänischen Nationaltrainers Anders Lund ist es an der Zeit, neue Wege einzuschlagen. Für die Saison 2027 wünscht sich der heutige Eurosport-Experte, dass Vingegaard seinen bisherigen Rennkalender grundlegend überdenkt und sich verstärkt Herausforderungen abseits der mehrwöchigen Rundfahrten stellt.
Die Tour de France soll dabei weiterhin das wichtigste Saisonziel des Dänen bleiben. Gleichzeitig plädiert Lund für ein deutlich umfangreicheres Klassikerprogramm mit Starts bei Strade Bianche, den Ardennenklassikern, der Radsport-WM und der Lombardei-Rundfahrt. Vingegaard müsse endlich versuchen, seine außergewöhnlichen Fähigkeiten auch bei den bedeutendsten Eintagesrennen unter Beweis zu stellen.

„Er braucht eine Saison, in der er sich wirklich ernsthaft darauf einlässt“

„Er muss anfangen, Eintagesrennen zu fahren“, forderte Lund gegenüber Eurosport.
Jonas Vingegaard in Aktion.
Jonas Vingegaard soll nach Ansicht des früheren dänischen Nationaltrainers Anders Lund 2027 deutlich mehr Eintagesrennen bestreiten. Neben der Tour de France sieht Lund Starts bei Strade Bianche, den Ardennenklassikern und der Radsport-WM in Sallanches vor.
Dabei gehe es nicht darum, gelegentlich einen Klassiker in den Rennkalender aufzunehmen. Vielmehr müsse Vingegaard sich über einen längeren Zeitraum gezielt mit den besonderen Anforderungen dieser Rennen auseinandersetzen.
„Er braucht eine Saison, in der er sich wirklich ernsthaft darauf einlässt. Es reicht nicht, einmal unter Druck bei der Lombardei-Rundfahrt oder der Europameisterschaft an den Start zu gehen und jeweils zu scheitern.“

Große Rundfahrterfolge, aber kaum Ergebnisse bei den Klassikern

Angesichts seiner beeindruckenden Bilanz bei den Grand Tours fällt Vingegaards Erfolgsbilanz bei Eintagesrennen überraschend bescheiden aus. Sein bislang bestes Ergebnis bei einem WorldTour-Klassiker erzielte er 2021 mit dem achten Platz bei der Clasica de San Sebastian. Seinen einzigen Sieg bei einem Eintagesrennen feierte der Däne 2022 beim Drome Classic.
Seitdem waren seine Auftritte bei den Klassikern äußerst selten. 2023 bestritt Vingegaard überhaupt kein Eintagesrennen. Im darauffolgenden Jahr stand lediglich die Clasica de San Sebastian auf seinem Programm, die er allerdings nicht beendete. Auch sein Start bei der Europameisterschaft 2025 endete vorzeitig mit einer Aufgabe. In der Saison 2026 verzichtete er vollständig auf Eintagesrennen.
Für Lund ist deshalb klar, dass Vingegaard in diesem Bereich noch Entwicklungspotenzial besitzt. „Diese Disziplin muss er erst noch lernen. Die Voraussetzungen dafür sollte er mitbringen, aber bisher hat er es noch nicht geschafft, sie richtig zu nutzen.“
Dabei hatte Vingegaard seine Klasse bei den großen Rundfahrten auch 2026 eindrucksvoll demonstriert. Vor seinem Sturz bei der Tour de France gewann er Paris-Nizza, die Volta a Catalunya und den Giro d'Italia. Mit dem Triumph bei der Italien-Rundfahrt vervollständigte er zugleich seine Sammlung an Gesamtsiegen bei allen drei Grand Tours.
„Rundfahrten beherrscht er, das wissen wir“, betonte Lund. „Bei einigen Eintagesrennen, die er bisher bestritten hat, scheint ihm die Dynamik nicht zu liegen. Oder es gibt noch etwas, das er lernen muss.“

Strade Bianche, Ardennenklassiker und Tour de France: So sieht Lunds Wunschprogramm aus

Den Einstieg in Vingegaards neue Klassikerstrategie würde Lund bereits im März bei Strade Bianche ansetzen. Das anspruchsvolle Rennen über die toskanischen Schotterstraßen könnte dem Dänen die Gelegenheit bieten, sich ohne die ganz große Favoritenrolle an ein hochklassiges Eintagesrennen heranzutasten.
Anschließend sieht Lund Starts bei Tirreno-Adriatico und der Baskenland-Rundfahrt vor, bevor Vingegaard bei den drei großen Ardennenklassikern antreten soll: Amstel Gold Race, La Fleche Wallonne und Lüttich-Bastogne-Lüttich.
„Er könnte durchaus mit der Strade Bianche beginnen“, erklärte Lund. „Dort wäre er natürlich ein großer Name, könnte aber trotzdem etwas unter dem Radar bleiben – so sehr das bei Vingegaard eben möglich ist. Andere wären die größeren Favoriten, zum Beispiel Pogacar.“
Nach dem anspruchsvollen Frühjahr würde Vingegaard zunächst eine längere Rennpause einlegen. Sein Comeback wäre bei der Tour Auvergne-Rhone-Alpes vorgesehen, die als Vorbereitung auf den wichtigsten Höhepunkt des Sommers dienen soll: die Tour de France.
Bei der Frankreich-Rundfahrt 2026 hatte Vingegaard seine Ambitionen vorzeitig begraben müssen. Auf der 15. Etappe stürzte er und brach sich das Schlüsselbein. Damit endete sein Versuch, nach dem Giro d'Italia auch die Tour de France erfolgreich zu bestreiten. Zum Zeitpunkt seines Ausscheidens lag er auf dem zweiten Platz der Gesamtwertung hinter Tadej Pogacar.
Für Lund steht deshalb außer Frage, dass Vingegaard auch 2027 mit voller Konzentration auf die Tour hinarbeiten sollte. „In der kommenden Saison muss er die Tour ernsthaft in Angriff nehmen. Er schuldet es sich selbst, sich ganz auf dieses Rennen vorzubereiten und zu sehen, was dabei herauskommt“, sagte der frühere Nationaltrainer.
Dennoch sieht er keinen Widerspruch zwischen einer optimalen Tour-Vorbereitung und einem erweiterten Klassikerprogramm. „Gleichzeitig muss er Eintagesrennen als etwas Neues und Motivierendes in sein Programm aufnehmen. Dort kann er sich weiterentwickeln und während der Saison Erfahrungen sammeln.“

Radsport-WM 2027 in Sallanches als großes Ziel nach der Tour

Auch nach der Tour de France würde Lund seinem Landsmann keine längere Rennpause gönnen. Stattdessen soll Vingegaard bereits bei der Clasica de San Sebastian wieder an den Start gehen. Im weiteren Verlauf der Saison sieht sein Wunschprogramm die Radsport-WM in Frankreich, die beiden kanadischen WorldTour-Rennen in Quebec und Montreal sowie den Giro dell'Emilia und die Lombardei-Rundfahrt vor.
Besonders die Radsport-WM 2027 in Sallanches könnte für Vingegaard eine reizvolle Herausforderung darstellen. Das Straßenrennen der Männer wartet mit rund 5.700 Höhenmetern und mehreren Anstiegen an der Cote de Domancy auf. Das anspruchsvolle Profil könnte dem Rundfahrtspezialisten entgegenkommen, der bislang noch nie an einem Straßenrennen der Elite bei einer Radsport-WM teilgenommen hat.
Insgesamt würde Vingegaard nach Lunds Vorstellungen 2027 bei zehn Eintagesrennen an den Start gehen. Wie groß dieser Schritt wäre, verdeutlicht ein Blick auf die vergangenen Jahre: In den drei Saisons von 2024 bis 2026 bestritt der Däne zusammengenommen lediglich zwei Eintagesrennen. Lunds Vorschlag käme damit einem grundlegenden Wandel in Vingegaards Rennplanung gleich.
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