Elisa Longo Borghini musste auf der achten Etappe der
Tour de France Femmes einen Großteil der Verfolgungsarbeit übernehmen, während
Demi Vollering vorne dem Etappensieg und dem Gelben Trikot entgegenfuhr. Kasia Niewiadoma-Phinney hing zwar am Hinterrad der Italienerin, konnte sich trotz deren Aufforderung jedoch nicht an der Nachführarbeit beteiligen.
Die Kapitänin von UAE Team ADQ hatte Niewiadoma-Phinney nach Vollerings erster Beschleunigung an der steilen Schlussrampe zunächst wieder an die Niederländerin herangeführt. Als Vollering mit ihrem nächsten Antritt jedoch die entscheidende Lücke riss, übernahm Longo Borghini die Verfolgung – mit der damaligen Trägerin des Gelben Trikots an ihrem Hinterrad.
Longo Borghini bittet Niewiadoma-Phinney um Hilfe
„Ich habe versucht zu jagen und Kasia auch um Hilfe gebeten, aber vielleicht war sie auch am Limit“, erklärte Longo Borghini nach dem Zieleinlauf.
Vollering erreichte das Ziel schließlich 17 Sekunden vor Longo Borghini und Niewiadoma-Phinney. Zusammen mit den Bonussekunden verwandelte die Niederländerin ihren Rückstand von 15 Sekunden in einen Vorsprung von acht Sekunden auf die Titelverteidigerin vor dem großen Finale am Sonntag.
Longo Borghini übernimmt die Verantwortung in der Verfolgung
FDJ United-SUEZ hatte das Feld der Favoritinnen auf den letzten Kilometern bereits mit hohem Tempo deutlich verkleinert, ehe Vollering ihre Attacke lancierte. Niewiadoma-Phinney verlor zunächst den Anschluss, schaffte mit Unterstützung von Longo Borghini jedoch die Rückkehr. Bei Vollerings nächster Beschleunigung ging die entscheidende Lücke dann erneut auf.
Longo Borghini übernahm dahinter auf dem Weg zur Kuppe die Tempoarbeit. Niewiadoma-Phinney blieb an ihrem Hinterrad, konnte sich allerdings nicht an der Führung beteiligen.
Dabei ging es für die Italienerin keineswegs ausschließlich darum, Vollering wieder einzuholen. Longo Borghini kämpfte gleichzeitig um ihre eigene Position im Gesamtklassement. Im Duell mit Marlen Reusser um einen Platz auf dem Podium konnte jede Sekunde entscheidend sein.
Vorne vergrößerte Vollering ihren Vorsprung währenddessen kontinuierlich. Longo Borghini fand für die Vorstellung der Niederländerin anschließend einen eindrucksvollen Vergleich: „Sie war in den letzten Kilometern im Grunde ein Motorrad.“
Dass Niewiadoma-Phinney ihr bei der Verfolgung keine Ablösung geben konnte, interpretierte die Italienerin nicht als mangelnde Bereitschaft. Vielmehr vermutete sie, dass die Titelverteidigerin nach dem intensiven Finale schlicht keine ausreichenden Reserven mehr besaß.
„Vielleicht war sie auch am Limit“, lautete Longo Borghinis Einschätzung. Schließlich hatte Niewiadoma-Phinney bereits nach Vollerings erster Attacke viel Energie investieren müssen, um die entstandene Lücke wieder zu schließen.
Von der Kuppe bis zum Ziel blieben die beiden schließlich zusammen. „Ab dem Moment, in dem wir die Kuppe erreicht haben, sind wir im Grunde gemeinsam ins Ziel gefahren“, erklärte Longo Borghini.
„Sie war unglaublich stark, die Demi“
Für die Italienerin sprang trotz der erfolglosen Jagd auf Vollering der zweite Platz heraus. Damit feierte sie ein weiteres Topresultat, nachdem sie erst am Vortag am Mont Ventoux den dritten Rang belegt hatte.
Mit ihrer eigenen Leistung war Longo Borghini entsprechend zufrieden. „Ich fühlte mich in Nizza richtig gut. Sie war ein bisschen eine verdammte Nervensäge, sie ist mir in den letzten 50 Metern weggefahren“, scherzte die Italienerin.
Unmittelbar danach machte sie jedoch deutlich, wie hoch sie Vollerings Leistung tatsächlich einschätzte. „Ich mache da natürlich nur Spaß. Sie war unglaublich stark, die Demi.“
Durch ihren zweiten Platz verbesserte sich Longo Borghini auf den vierten Rang der Gesamtwertung. Ihr Rückstand auf die neue Gesamtführende Vollering beträgt 3:05 Minuten. Reusser liegt mit 1:12 Minuten Rückstand weiterhin auf Platz drei, womit Longo Borghini weniger als zwei Minuten vom Podium entfernt ist.
Die Italienerin hatte zuvor bereits wertvolle Zeit eingebüßt, nachdem ihr während der Zeitfahrprüfung die Kette abgesprungen war und sie deshalb das Fahrrad wechseln musste. Ihre starken Auftritte am Mont Ventoux und in Nizza haben sie vor der abschließenden Bergetappe jedoch wieder in Schlagdistanz zum Podium gebracht.
Auch deshalb stand für Longo Borghini nach dem Zieleinlauf nicht ihre eigene Verfolgungsarbeit, sondern die Vorstellung der neuen Trägerin des Gelben Trikots im Mittelpunkt. „Demi verdient heute wirklich viel Anerkennung, sie hat eine unglaubliche Leistung gezeigt.“
Podium bleibt am Schlusstag in Reichweite
Das 99,2 Kilometer lange Finale rund um Nizza entscheidet am Sonntag über den Ausgang der
Tour de France Femmes 2026. Vollering geht mit acht Sekunden Vorsprung auf Niewiadoma-Phinney in den letzten Renntag. Reusser folgt mit 1:12 Minuten Rückstand, Longo Borghini liegt bei 3:05 Minuten.
Für die Italienerin ergibt sich damit ein klares Ziel. Nachdem sie am Ende der achten Etappe vergeblich versucht hatte, Vollering wieder einzuholen, bietet sich ihr am Sonntag noch eine letzte Gelegenheit, Reusser vom dritten Gesamtrang zu verdrängen und auf das Podium zu fahren.
„Es wird hart und, wie ich neulich gesagt habe, man fährt einfach Vollgas und dann sieht man weiter“, kündigte Longo Borghini an.
Nach Platz drei am Mont Ventoux und Rang zwei auf der achten Etappe startet Longo Borghini somit weiterhin mit realistischen Chancen auf Reussers Podiumsplatz in das große Finale. Niewiadoma-Phinney steht dagegen vor einer anderen Aufgabe: Die Titelverteidigerin muss acht Sekunden auf Vollering gutmachen, nachdem ihr in Nizza bei der entscheidenden Verfolgung offenbar die nötigen Reserven fehlten, um Longo Borghini bei der Tempoarbeit zu unterstützen.