Eine flache Grand-Tour-Etappe mit Ziel in Mailand ist normalerweise ein sicheres Rezept für einen Massensprint, doch die 15. Etappe des Giro d’Italia stellte alles auf den Kopf. Völlig überraschend hielt eine Vier-Mann-Ausreißergruppe das Feld in Schach und sprintete um den Sieg, den sich
Fredrik Dversnes eindrucksvoll holte. Während einige frustrierte Fahrer Windschattenvorteile durch Motorräder beklagten, sieht Lotto-Intermarché-Sportdirektor
Bart Wellens die Ursachen in der brutalen Mischung aus großer Hitze, aufgestauter Müdigkeit nach der schweren Bergetappe am Vortag und einem tückischen Stadtkurs – der perfekte Nährboden für eine Sensation.
Motorrad-Drama oder verpatzte Nachführarbeit?
Unmittelbar nach der Etappe lagen die Nerven im Peloton blank. Fahrer wie Tim Torn Teutenberg und Elmar Reinders monierten offen, die vier Angreifer hätten einen unfairen aerodynamischen Vorteil durch Medien- und Rennmotorräder vor ihnen auf der Straße erhalten.
Wellens, der jeden Kilometer dieses Giros aus dem Mannschaftswagen verfolgt, ist hingegen überzeugt, dass die Sprinter-Teams das technische Profil des abschließenden Stadtkurses unterschätzt haben.
„Ich glaube, sie haben den Rundkurs komplett falsch eingeschätzt“, sagte Wellens gegenüber
Sporza. „Der Vorsprung war auf zwei Minuten runter, und wir sagten im Auto schon, dass es sehr schwer werden würde, sie noch zu stellen. Man sah, wie die Fahrer auf Position zehn bis fünfzehn sich komplett verausgabten, nur um das Hinterrad zu halten.“
Angestaute Müdigkeit und brutale Hitze
Die körperliche Belastung der zweiten Giro-Woche spielte ebenfalls eine große Rolle. Tags zuvor stand eine der härtesten Etappen dieser Ausgabe an, und zusammen mit der drückenden Hitze waren viele Anfahrerzüge leergefahren, bevor die Nachführarbeit überhaupt richtig begann.
„Die warme Witterung zermürbt gerade alle“, erklärte Wellens. „Viele Jungs haben gestern enorm gelitten. Es gab drei Sprinter-Teams, die nach Stürzen in Bulgarien und Neapel in diesem Rennen heute etwas gutmachen wollten. Sie wollten ihre Stärke zeigen, aber die Beine haben nicht mitgespielt.“
Zudem verwies Wellens auf die Logistik als versteckten Energieräuber im Peloton. „Es ist schon jetzt ein extrem zehrender Giro mit all den langen Transfers zwischen den Etappen. Es ist die Summe aus allem. Die vier vorne haben die Köpfe runtergenommen und vom Start weg Vollgas gefahren. Am Ende ist Dversnes ein vollkommen verdienter Sieger.“