„Ich glaube nicht, dass man diese Situationen vergleichen kann“ – Visma-Teamchef Richard Plugge weist Burnout-Vorwürfe nach einer Reihe prominenter Abgänge zurück

Radsport
Donnerstag, 19 Februar 2026 um 15:00
richardplugge
Burnout ist eines der lautesten Schlagwörter in der Radsport-Debatte zu Beginn des Jahres 2026 – und Team Visma | Lease a Bike steht zunehmend im Zentrum.
Nach dem überraschenden Karriereende von Simon Yates, der zuvor eingelegten Auszeit von Fem van Empel und dem langen Schatten von Tom Dumoulins Rückzug aus dem Sport mehren sich die Fragen, ob das High-Performance-Modell der Mannschaft einen zu hohen mentalen Preis fordert.
Nun hat Teamchef Richard Plugge direkt Stellung bezogen.
„Ich finde nicht, dass man die Situationen von Fem van Empel, Tom Dumoulin und Simon Yates miteinander vergleichen kann“, sagte Plugge im Gespräch mit Wieler Revue. Damit wies er die wachsende Tendenz zurück, die Fälle unter einem einheitlichen Burnout-Narrativ zusammenzufassen.

Eine Debatte, sehr unterschiedliche Umstände

Der Rücktritt von Yates Anfang Januar war der Funke, der die Diskussion neu entfachte. Ein amtierender Grand-Tour-Anwärter, der mit einem Jahr Restlaufzeit im Vertrag aufhört, rief sofortige Nachfragen hervor. Sein Zwillingsbruder Adam erklärte später, die Entscheidung sei intern schon länger Thema gewesen, nach außen wirkte sie jedoch abrupt.
Van Empels frühere Motivationsverlust und Auszeit hatten bereits Sorgen ausgelöst, während Dumoulins sehr öffentlicher Umgang mit Druck in den vergangenen Saisons eines der prominentesten Beispiele mentaler Ermüdung im modernen Radsport bleibt.
Für Kritiker wirkte das Muster unangenehm. Vismas Ruf als detailgetriebenstes, datenoptimiertes Team des Pelotons machte die Mannschaft zum offensichtlichen Fokus der breiteren Burnout-Debatte.
Plugge mahnte jedoch zur Differenzierung. „Aber wir setzen uns sehr wohl mit dem Phänomen Burnout im Radsport auseinander“, ergänzte er und anerkannte die Bedeutung des Themas, während er das Team von vereinfachenden Schlüssen abgrenzte.

Proaktiver Ansatz, keine Verdrängung

Statt das Problem wegzuwischen, verwies Plugge auf strukturelle Maßnahmen, die das Team seit Jahren implementiert, um die mentale Balance zu schützen.
„Ich glaube, wir waren das erste Team, das Familien die Teilnahme an Höhentrainingslagern erlaubt hat“, erklärte er. Dieser damals ungewöhnliche Schritt sollte die isolierende Wirkung langer Höhenblöcke abfedern und fernab der Rennen emotionale Stabilität sichern.
Dieser Ansatz, so Plugge, spiegele eine Philosophie wider, die über Trainingspläne und Marginal Gains hinausgeht. „Wir achten definitiv darauf, und es funktioniert“, sagte er und verankerte Wohlbefinden als integralen, nicht peripheren Bestandteil der Performance.
Die Mannschaft hat bereits Flexibilität gezeigt, wenn Grenzen erreicht sind. Jonas Vingegaard, oft als Verkörperung von Vismas akribischer Struktur gesehen, signalisierte intern in der vergangenen Saison, dass Teile seines Programms zu viel wurden. Statt durchzuziehen, wurde nachjustiert.
Solche Beispiele sind zentral für Plugges Verteidigung: Der Erfolg werde, so seine Botschaft, nicht blind verfolgt.

Druck im modernen Radsport

Der größere Kontext ist nicht zu ignorieren. Die Leistungsanforderungen im WorldTour-Kalender steigen weiter, das Monitoring wird konstanter, die Erwartungen wachsen Jahr für Jahr. Selbst Fahrer außerhalb des Visma-Umfelds räumen ein, wie schwer es geworden ist, die Top-Motivation über mehrere Saisons zu halten.
In diesem Klima ziehen prominente Ausstiege zwangsläufig Verbindungen nach sich, ob berechtigt oder nicht. Der Abgang des langjährigen Trainers Tim Heemskerk in diesem Winter nährte, wenngleich anderer Natur, die Spekulationen über interne Spannungen in einer der meistbeobachteten Organisationen des Radsports.
Plugges Botschaft ist jedoch eindeutig: Die Situationen sind individuell, nicht systemisch, und lassen sich nicht einfach bündeln.
Ob diese Differenzierung vor dem Gericht der öffentlichen Meinung trägt, bleibt abzuwarten. Vorerst macht Vismas Führung deutlich, dass sie hinter den Schlagzeilen Komplexität, nicht Krise, sieht – während das Peloton mit der mentalen Belastung des Spitzensports ringt.
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