„Ich fühle mich bestätigt und bin zugleich wütend“ – Ex-Radprofi Molly Weaver spricht über alte Wunden und „zerstörte Karrieren“ bei Picnic PostNL

Radsport
durch Nic Gayer
Picnic PostNL
Die Berichte über eine mutmaßliche Kultur der Angst, Einschüchterung und Kontrolle bei Team Picnic PostNL ziehen immer weitere Kreise. Nachdem zahlreiche ehemalige und aktuelle Fahrerinnen und Fahrer schwere Vorwürfe gegen die Strukturen innerhalb der niederländischen Mannschaft erhoben haben, meldet sich nun auch die frühere Profifahrerin Molly Weaver zu Wort. Die Britin, die vor rund zehn Jahren für das Frauenteam an den Start ging, sieht sich durch die jüngsten Enthüllungen in ihren eigenen Erfahrungen bestätigt und stellt sich ausdrücklich hinter die Betroffenen.
„Letzte Woche wurde bekannt, dass es bei Team Picnic PostNL – während meiner Zeit dort bekannt als Liv Plantur beziehungsweise Sunweb – ein Problem gibt. Ich glaube, es wurde von einer ‚Kultur der Angst und des Misstrauens‘ gesprochen. Nennen wir es also so“, schrieb Weaver in einem ausführlichen Instagram-Beitrag. Mit ihren Aussagen reagierte sie auf die Berichte über die Zustände innerhalb der Mannschaft und erinnerte zugleich daran, dass ähnliche Vorwürfe bereits vor Jahren öffentlich geworden waren.

Molly Weaver über ihre Zeit bei Sunweb: „Ich fühle mich bestätigt und bin zugleich wütend“

Die heute 32-Jährige stand von Mitte 2015 bis 2017 beim damaligen Team Liv-Plantur beziehungsweise Team Sunweb unter Vertrag. Doch schon innerhalb ihres ersten Jahres geriet Weaver zunehmend in Konflikt mit den Strukturen der Mannschaft. Besonders der aus ihrer Sicht weitreichende Versuch, sowohl ihr Berufsleben als auch ihren privaten Alltag zu kontrollieren, belastete die junge Fahrerin erheblich.
Die aktuellen Berichte lösen bei ihr deshalb widersprüchliche Gefühle aus. „Ich fühle mich bestätigt und bin zugleich wütend“, erklärte Weaver. „Wer mich noch aus meiner Zeit als Rennfahrerin kennt, weiß, dass ich 2016 mehrere Artikel veröffentlichte. Darin legte ich bei Cycling Tips, wie das Medium damals hieß, vieles von dem offen, worüber jetzt wieder gesprochen wird.“
Schon damals hatte sie ihre Erfahrungen öffentlich gemacht und auf Missstände aufmerksam gemacht, die ihrer Ansicht nach innerhalb der Organisation bestanden. Nun, fast ein Jahrzehnt später, sieht sie viele dieser Schilderungen durch die Aussagen anderer Betroffener bestätigt. Dennoch fällt es ihr schwer, sich erneut ausführlich mit dieser Zeit auseinanderzusetzen. „Eigentlich habe ich dem, was ich damals gesagt habe, nichts hinzuzufügen. Alte Wunden aufzureißen, möchte ich nicht besonders gern.“

„Genau so wurde ich damals ebenfalls genannt“ – Weaver verteidigt die Betroffenen

Besonders entschieden wendet sich Weaver gegen Versuche, die jüngsten Anschuldigungen pauschal als erfunden abzutun. Insgesamt 71 Erfahrungsberichte von Frauen und Männern aus dem Umfeld der niederländischen Mannschaft stehen im Mittelpunkt der Diskussion. Für die Britin ist klar, dass ihre eigenen Erlebnisse den Vorwürfen zusätzliches Gewicht verleihen. Gleichzeitig kritisiert sie diejenigen, die aus ihren persönlichen positiven Erfahrungen schließen, dass andere Betroffene nicht die Wahrheit sagen könnten.
„Ich habe allerdings viele Beiträge von ehemaligen und aktuellen Fahrerinnen, Fahrern und Mitarbeitern gesehen, die die Vorwürfe zurückweisen und diejenigen, die sich geäußert haben, als Lügner bezeichnen. Genau so wurde ich damals ebenfalls genannt.“
Weaver erinnert daran, welchen persönlichen und beruflichen Preis sie für ihre damalige Offenheit bezahlen musste. Aus ihrer Sicht gibt es keinen nachvollziehbaren Grund, warum Fahrerinnen oder Fahrer derart schwerwiegende Vorwürfe ohne tatsächliche Grundlage erheben sollten. Schließlich könne eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Team erhebliche Konsequenzen für die weitere Karriere haben.
„Ich weiß nicht, welches Motiv jemand haben sollte, solche Dinge zu erfinden. Davon hat man schließlich nichts. Als ich aus eigener Erfahrung an die Öffentlichkeit ging, legte ich auch Probleme offen, die meinem Ruf schaden konnten. Damit hatte ich praktisch jede Chance verspielt, jemals wieder im Frauenpeloton zu arbeiten.“

„Ein fauler Apfel verdirbt den ganzen Korb“ – Kritik an den Strukturen des Teams

Weaver bestritt noch bis Januar 2018 Radrennen, ehe sie ihre Karriere wenige Monate nach ihrem Abschied von der niederländischen Mannschaft im Alter von nur 23 Jahren beendete. Rückblickend betont sie, dass ihre Kritik keineswegs sämtliche Menschen innerhalb der Organisation betreffe. Viele Teamkolleginnen und Verantwortliche habe sie in guter Erinnerung. Entscheidend sei jedoch gewesen, dass bereits das Verhalten einiger weniger Personen ausgereicht habe, um das gesamte Umfeld nachhaltig zu belasten.
Noch einmal mit vergleichbaren Vorwürfen an die Öffentlichkeit zu gehen, kommt für sie deshalb nicht infrage. „Ich bin also nicht naiv genug, das ein zweites Mal zu tun. Stattdessen möchte ich einfach allen zur Seite stehen, denen dieses Team in irgendeiner Weise geschadet hat“, stellte Weaver klar.
Gleichzeitig ist es ihr wichtig, die positiven Seiten ihrer damaligen Zeit nicht vollständig auszublenden. „Es war keineswegs alles schlecht, und auch die Menschen in der Organisation waren nicht alle schlecht. Ich habe einige schöne Erinnerungen an diese Zeit und war von vielen großartigen Menschen umgeben.“
Gerade deshalb hält sie es für falsch, die unterschiedlichen Erfahrungen gegeneinander auszuspielen. Dass einige Fahrerinnen und Fahrer ihre Zeit im Team positiv erlebt hätten, entkräfte aus ihrer Sicht nicht die schweren Vorwürfe anderer. Vielmehr müsse die Gesamtheit der Schilderungen betrachtet werden, um die Auswirkungen problematischer Strukturen zu verstehen.
„Die Geschichten beider Seiten ergeben ein Bild. Aber ein fauler Apfel verdirbt den ganzen Korb, und dieses System hat offenbar viele hervorgebracht. Man kann nicht versuchen, Menschen um jeden Preis zu kontrollieren, und dann überrascht sein, wenn das seinen Preis hat.“

„Zerstörte Karrieren und seelische wie körperliche Schäden“ – Weaver warnt vor den Folgen

Wie tief die Erfahrungen aus ihrer aktiven Zeit bis heute nachwirken, wird besonders deutlich, wenn Weaver über die langfristigen Folgen für Betroffene spricht. Sie selbst litt unter den damaligen Umständen und ist überzeugt, dass die Strukturen innerhalb der Mannschaft nicht nur einzelne Fahrerinnen und Fahrer belasteten, sondern auch Karrieren zerstörten.
„Es betraf nicht alle von uns und auch nicht ständig. Aber nur weil du selbst nicht betroffen warst, heißt das nicht, dass alle anderen lügen. Wahrscheinlich hattest du einfach großes Glück. Zerstörte Karrieren und seelische wie körperliche Schäden sind mehr als nur eine Schlagzeile oder eine Debatte in den Kommentaren eines Beitrags in den sozialen Medien.“
Weaver steht mit ihren Schilderungen keineswegs allein. Inzwischen haben sich Dutzende ehemalige und aktuelle Mitglieder der Mannschaft zu den mutmaßlichen Missständen geäußert. Auch der frühere Radprofi Nicolas Roche übte deutliche Kritik und erklärte, das Management sei für den Radsport nicht geeignet gewesen.
Besonders eindringlich fielen zudem die Aussagen von Ramon Sinkeldam aus. Der Niederländer schilderte, dass Fahrer innerhalb des Teams dazu angehalten worden seien, angebotene Unterstützung bei psychischen Problemen abzulehnen. Einem Profi sei darüber hinaus vermittelt worden, dass es keine kluge Entscheidung wäre, Vater zu werden. Selbst nach Siegen auf höchstem Niveau habe es mitunter an Glückwünschen und Anerkennung gefehlt.
Für Weaver zeigen diese Berichte, wie wichtig ein grundlegender Wandel im Umgang mit Fahrerinnen und Fahrern ist. Sie hofft, dass die öffentliche Diskussion nicht bei gegenseitigen Anschuldigungen stehen bleibt, sondern tatsächlich Verbesserungen für die Betroffenen und den Radsport insgesamt bewirkt.
„Wie Menschen behandelt werden, ist wichtig. Auch die Narben, die man anderen zufügt, sind wichtig“, mahnte die Britin. „Wir können alle daraus lernen und uns gemeinsam für positive Veränderungen einsetzen. Ich hoffe, dass dies für die Beteiligten der nächste Schritt ist – so wie ich es mir schon damals gewünscht habe.“
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