„Ich bin selbst der Erste, der überrascht ist“ – Jonathan Milan pulverisiert Weltrekord und holt Gold bei der Bahn-Radsport-WM

Radsport
durch Nic Gayer
Jonathan Milan pulverisierte seinen eigenen Weltrekord
Jonathan Milan hat bei der Bahn-Radsport-WM 2026 in Shanghai für einen historischen Moment gesorgt. Noch bevor das Finale der Einerverfolgung überhaupt begonnen hatte, hatte der Italiener bereits einen neuen Weltrekord aufgestellt. Anschließend krönte der Sprinter von LIDL-Trek seine außergewöhnliche Vorstellung mit dem Weltmeistertitel und sicherte sich damit zwei Jahre nach seinem ersten Triumph im dänischen Ballerup erneut das Regenbogentrikot in dieser Disziplin.
In der Qualifikation absolvierte Milan die 4.000 Meter in unglaublichen 3:58,850 Minuten und unterbot damit als erster Fahrer überhaupt die Marke von 3:59 Minuten. Seinen eigenen Weltrekord von 3:59,153 Minuten, den er bei seinem Titelgewinn 2024 aufgestellt hatte, verbesserte er um 0,303 Sekunden. Auch im anschließenden Finale ließ er keinen Zweifel an seiner Überlegenheit aufkommen: Mit 4:00,769 Minuten setzte sich der Italiener deutlich gegen den Dänen Frederik Madsen durch, der 4:06,038 Minuten benötigte. Im Rennen um Bronze gewann Filippo Ganna das Duell gegen Rasmus Pedersen aus Dänemark.

„Ein perfekter Tag“ – Milan übertrifft seine eigenen Erwartungen

Für Milan war der historische Erfolg der Höhepunkt einer Saison, in der er sich wieder intensiver dem Bahnradsport gewidmet hatte. Auf der Straße gehört der Italiener längst zu den stärksten Sprintern des internationalen Pelotons. Dennoch hatte er sich besonders auf seine Rückkehr ins Velodrom gefreut und sich vorgenommen, seinen bisherigen Weltrekord in der Einerverfolgung anzugreifen.
Jonathan Milan bei der Tour de Pologne 2026.
Jonathan Milan schreibt bei der Bahn-Radsport-WM 2026 in Shanghai Geschichte: Mit 3:58,850 Minuten stellt der Italiener einen neuen Weltrekord in der Einerverfolgung auf und sichert sich anschließend seinen zweiten Weltmeistertitel in dieser Disziplin.
Dass er die Vier-Minuten-Grenze allerdings so deutlich unterbieten würde, hatte selbst der 26-Jährige nicht erwartet.
„Ich bin selbst der Erste, der überrascht ist“, erklärte Milan gegenüber der Gazzetta dello Sport.
Seinen Rekordlauf bezeichnete er rückblickend als „perfekten Tag“. Dabei wurde ihm das außergewöhnliche Tempo seiner Fahrt erst nach und nach bewusst.
Eine entscheidende Rolle spielten die Zwischenzeiten, die ihm Italiens Nationaltrainer Dino Salvoldi während der Qualifikation anzeigte.
„Ich fuhr eine Übersetzung von 69x15, die ich auch im Finale verwendet habe. Bei jeder Zwischenzeit sah ich auf dem Tablet von Trainer Salvoldi, dass er mir ein Tempo von 14,5 Sekunden pro Runde anzeigte. Da wurde mir klar, dass ich schnell unterwegs war. Wirklich begriffen habe ich es aber erst, als ich die Ziellinie überquerte und auf die Anzeigetafel blickte.“
Besonders bemerkenswert war die Leistung auch deshalb, weil Milan die Bahn in Shanghai zuvor nicht unbedingt als besonders schnell eingeschätzt hatte. Dennoch erreichte er während seiner Rekordfahrt eine Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 60,3 Kilometern pro Stunde.
Damit gelang ihm eine Leistung, die seinen Namen endgültig in die Geschichtsbücher der Einerverfolgung einträgt.

In einer Reihe mit Coppi, Moser und Wiggins – Milan bleibt bescheiden

Die Einerverfolgung gehört zu den traditionsreichsten Disziplinen des Bahnradsports. Im Laufe ihrer Geschichte haben einige der größten Namen des internationalen Radsports bei Weltmeisterschaften triumphiert.
Zu den früheren Titelträgern zählen unter anderem Fausto Coppi, Francesco Moser und Bradley Wiggins. Mit seinem zweiten Weltmeistertitel und dem erneuten Weltrekord hat sich Milan nun ebenfalls einen besonderen Platz in dieser langen Erfolgsgeschichte gesichert.
Einen direkten Vergleich mit den berühmten Vorgängern möchte der Italiener allerdings nicht ziehen.
„Ich finde, ein Vergleich zwischen mir und ihnen ist nicht angebracht. Trotzdem bin ich stolz darauf. Erwähnen möchte ich auch Filippo Ganna, denn sein Beispiel hat mich dazu inspiriert, mit dem Bahnradsport anzufangen, genauso wie Elia Viviani und Davide Plebani.“
Gerade Ganna nimmt in Milans sportlicher Entwicklung eine besondere Rolle ein. Der mehrfache Weltmeister in der Einerverfolgung gehört seit Jahren zu den prägenden Persönlichkeiten des italienischen Bahnradsports und war für Milan bereits früh ein wichtiges Vorbild.
In Shanghai standen die beiden Italiener erneut gemeinsam auf dem Podium. Während Milan Gold gewann, sicherte sich Ganna im kleinen Finale die Bronzemedaille.

„Wir haben jahrelang Freundschaft, Leid und Freude miteinander geteilt“ – Milan über Ganna

Einer der emotionalsten Momente des Abends folgte unmittelbar nach dem Finale. Milan und Ganna umarmten sich und feierten gemeinsam die Erfolge, die sie für den italienischen Radsport eingefahren hatten.
Die beiden verbindet weit mehr als ihre gemeinsame Leidenschaft für die Einerverfolgung. Über viele Jahre haben sie im italienischen Nationalteam zusammen trainiert, große Rennen bestritten und sowohl sportliche Höhepunkte als auch schwierige Momente erlebt.
Entsprechend viel bedeutete Milan die gemeinsame Freude nach seinem Weltrekord und dem erneuten Titelgewinn.
„Wunderschön. Ich bin sofort zu ihm geeilt: Wir haben jahrelang Freundschaft, Leid und Freude miteinander geteilt“, berichtete der frischgebackene Weltmeister.
Die Verbindung zwischen den beiden Italienern wird künftig sogar noch enger. Ab der Saison 2027 werden Milan und Ganna nicht mehr nur im Nationaltrikot, sondern auch auf der Straße gemeinsam für LIDL-Trek antreten.
Für Milan ist dieser bevorstehende Wechsel seines Landsmanns ein besonderer Grund zur Vorfreude.
„Ich freue mich, dass wir in der nächsten Saison gemeinsam für LIDL-Trek fahren und damit ein neues Kapitel unserer Karriere aufschlagen. Ich hoffe, wir bestreiten viele Rennen zusammen, angefangen bei den großen Klassikern.“
Neben der langjährigen Freundschaft spielt auch der sportliche Konkurrenzkampf eine wichtige Rolle. Beide Fahrer profitieren nach Milans Einschätzung davon, sich gegenseitig zu Höchstleistungen anzutreiben.
„Auch jetzt spornen Ganna und ich uns gegenseitig an. Das hilft uns beiden, besser zu werden und unsere Grenzen zu überwinden.“
Damit könnte ihre Zusammenarbeit bei LIDL-Trek nicht nur für die beiden Italiener selbst, sondern auch für die ambitionierten Klassikerpläne der deutschen Mannschaft von großer Bedeutung werden.

Nach Silber in der Mannschaftsverfolgung: Italien will Dänemark bei Olympia 2028 herausfordern

So erfolgreich die Einerverfolgung für Milan verlief, so groß war zuvor die Enttäuschung über das Ergebnis in der Mannschaftsverfolgung gewesen.
Dort musste sich Italien im Finale der Bahn-Radsport-WM erneut der überragenden dänischen Mannschaft geschlagen geben. Dänemark sicherte sich damit bereits den vierten Weltmeistertitel in Folge in dieser Disziplin, während für die Italiener die Silbermedaille blieb.
Mit Blick auf die beginnende Qualifikationsphase für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles stellt sich deshalb die Frage, ob Italien den Rückstand auf seine stärksten Konkurrenten wieder verkürzen kann.
Milan kennt die außergewöhnlichen Qualitäten der Dänen aus zahlreichen direkten Duellen. Auch bei der Radsport-WM in Shanghai stellten sie ihre Stärke sowohl in der Mannschafts- als auch in der Einerverfolgung unter Beweis.
Dennoch will der Italiener aus der Niederlage keine negativen Schlussfolgerungen ziehen. Vielmehr betrachtet er das Ergebnis als zusätzlichen Ansporn, gemeinsam mit seinen Teamkollegen weiter an der eigenen Leistungsfähigkeit zu arbeiten.
„Sie sind unglaublich stark, das wissen wir, und das haben sie auch im Einzelwettbewerb gezeigt. Aber wir dürfen uns nicht entmutigen lassen. Wir müssen genau das Gegenteil tun und an uns glauben. Die Herausforderung steht. Mehr noch: Sie geht weiter. Wir messen uns schon seit Jahren miteinander.“
Für Milan endet die Radsport-WM in Shanghai damit mit einem außergewöhnlichen persönlichen Erfolg und einer klaren sportlichen Perspektive. Während er in der Einerverfolgung mit Weltrekord und Regenbogentrikot neue Maßstäbe gesetzt hat, bleibt der Kampf mit Dänemark in der Mannschaftsverfolgung eine der großen Herausforderungen auf dem Weg nach Los Angeles 2028.
Und mit dem bevorstehenden gemeinsamen Kapitel bei LIDL-Trek dürfte auch die Zusammenarbeit mit Ganna in den kommenden Jahren noch einmal eine neue Dimension erreichen.
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