„Die Zitrone hat noch Saft“ – Taylor Phinney überrascht bei der Bahn-WM mit persönlicher Bestzeit und träumt von Olympia 2028
Bahn
Taylor Phinney hat bei der Bahn-WM 2026 in Shanghai ein bemerkenswertes Comeback gefeiert. Zwar reichte es für den US-Amerikaner in der Einerverfolgung nur zum achten Platz, doch seine Leistung über die 4.000 Meter übertraf selbst seine eigenen Erwartungen deutlich. Mit 36 Jahren und fast sieben Jahre nach seinem Rücktritt vom professionellen Straßenradsport verbesserte Phinney seine persönliche Bestzeit um mehr als elf Sekunden. Für den früheren Weltmeister ist das ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass seine Rückkehr in den Spitzensport noch lange nicht abgeschlossen ist.
Am Freitag stoppte die Uhr für Phinney bei 4:05,529 Minuten. Damit unterbot er seine bisherige Bestmarke von 4:16,6 Minuten um mehr als elf Sekunden. Für eine Medaille reichte diese Zeit angesichts der hochklassigen Konkurrenz zwar nicht, doch der Amerikaner zeigte sich begeistert. Schließlich hatte er nur vergleichsweise wenig Zeit gehabt, um nach jahrelanger Pause wieder die notwendige Form für die Bahn aufzubauen.
„Verdammt, ich bin begeistert!“ – Phinney übertrifft seine eigenen Erwartungen
Wie viel ihm die Leistung in Shanghai bedeutete, machte Phinney unmittelbar nach dem Rennen in den sozialen Medien deutlich.

Taylor Phinney feiert bei der Bahn-WM 2026 in Shanghai ein beeindruckendes Comeback. Der 36-jährige US-Amerikaner verbessert seine persönliche Bestzeit in der Einerverfolgung um mehr als elf Sekunden und nimmt die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles ins Visier.
„Jooo, ich kann selbst kaum fassen, was da gerade passiert ist! Fast zehn Sekunden schneller als meine bisherige Bestzeit in der Einerverfolgung. Klar, Platzierungen, Technologie und so weiter, aber verdammt, ich bin begeistert!“, schrieb der 36-Jährige auf Instagram.
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Den Weltmeistertitel sicherte sich Jonathan Milan. Der Italiener stellte bereits in der Qualifikation mit 3:58,850 Minuten einen neuen Weltrekord auf und gewann anschließend auch das Finale. Phinney startete im selben Qualifikationsdurchgang wie Milan und konnte dadurch unmittelbar erleben, welches Leistungsniveau die internationale Spitze inzwischen erreicht hat.
Für den Amerikaner war das besonders wertvoll, denn sein Comeback verfolgt ein klares Ziel: Er möchte sich für den US-amerikanischen Bahnvierer bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles empfehlen.
Schon vor dem Rennen hatte sich Phinney eine anspruchsvolle Zeit vorgenommen. Dass er diese Vorgabe derart deutlich unterbieten würde, überraschte ihn allerdings selbst.
„Ich hatte gehofft, unter 4:10 Minuten zu bleiben. Aber als ich draußen war, stimmte die Atmosphäre und die Bahn lief richtig gut“, erklärte er.
„Bei diesem Feld unter die ersten Zehn zu fahren, ist ein riesiges Ergebnis. Darauf bin ich sehr stolz und dafür habe ich das ganze Jahr hart gearbeitet.“
Der achte Platz ist damit für Phinney weit mehr als eine Platzierung im Mittelfeld. Er zeigt ihm, dass er trotz seines Alters und der langen Unterbrechung noch immer in der Lage ist, sich mit einigen der besten Bahnfahrer der Welt zu messen.
Vom zweifachen Weltmeister zum Rücktritt mit 29 Jahren
Dass Phinney ausgerechnet auf der Bahn seine Rückkehr in den internationalen Spitzensport feiert, ist kein Zufall. Schließlich begann seine außergewöhnliche Karriere auf dem Oval, wo er schon in jungen Jahren zu den größten Talenten des amerikanischen Radsports zählte.
Bereits mit 17 Jahren gewann er den US-amerikanischen Meistertitel in der Einerverfolgung. In den Jahren 2009 und 2010 folgten zwei Weltmeistertitel in derselben Disziplin. Damit etablierte sich Phinney früh als einer der vielversprechendsten Ausdauerfahrer seiner Generation.
Anschließend verlagerte er seinen Schwerpunkt auf den Straßenradsport. Bei BMC Racing und später bei EF Education First entwickelte er sich zu einem erfolgreichen Profi, der insbesondere im Kampf gegen die Uhr seine Qualitäten unter Beweis stellte.
2012 feierte er einen Etappensieg beim Giro d'Italia. Im selben Jahr verpasste er bei den Olympischen Spielen in London als Vierter im Einzelzeitfahren nur knapp eine Medaille.
Seine weitere Entwicklung wurde jedoch durch einen schweren Sturz im Jahr 2014 beeinträchtigt. Bei der USA Pro Challenge erlitt Phinney einen Beinbruch, der seine Karriere nachhaltig veränderte.
Zwar gelang ihm später die Rückkehr ins professionelle Peloton, doch an die vielversprechende Entwicklung seiner frühen Jahre konnte er nicht mehr vollständig anknüpfen. 2019 beendete er schließlich im Alter von nur 29 Jahren seine Laufbahn als Straßenprofi.
In den folgenden Jahren hielt er sich weitgehend vom professionellen Radsport fern. Erst durch seine Beschäftigung mit dem Gravel-Rennsport entdeckte er die Freude am Wettkampf wieder.
Zusätzliche Motivation lieferte die Aussicht auf die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles. Die Möglichkeit, noch einmal im eigenen Land um eine Olympiateilnahme zu kämpfen, wurde zu einem entscheidenden Antrieb für seine Rückkehr auf die Bahn.
„Ich will alles“ – die Begegnung mit Milan und Ganna sorgt für Nervosität
Trotz seiner langjährigen Erfahrung als Weltmeister und Straßenprofi war Phinney vor seinem Start in Shanghai keineswegs frei von Nervosität.
Vor allem die Namen seiner Konkurrenten führten ihm vor Augen, wie anspruchsvoll die Aufgabe werden würde. Mit Filippo Ganna und Jonathan Milan standen zwei der stärksten Einerverfolger der Welt auf der Startliste.
„Als ich gestern die Startliste sah und in den ersten Läufen zwischen Ganna und Milan stand, spürte ich ehrlich gesagt einen Druck auf der Brust“, schrieb Phinney.
Die Unsicherheit hatte einen nachvollziehbaren Grund: Nach seiner langen Pause fehlten ihm aktuelle Vergleichswerte, anhand derer er seine eigene Leistungsfähigkeit auf diesem Niveau realistisch hätte einschätzen können.
„Vor dem Start hatte ich keinen aktuellen Vergleichswert dafür, so schnell zu fahren und auf diesem Niveau anzutreten. Deshalb dachte ich, es könnte entweder ganz gut laufen oder ich sollte mich auf das Schlimmste einstellen.“
Sobald das Rennen begonnen hatte, fand Phinney jedoch überraschend schnell seinen Rhythmus.
Nach einem etwas zu offensiven Start gelang es ihm, seine Geschwindigkeit über weite Strecken konstant zu halten. Erst auf den letzten beiden Runden konnte er das zuvor eingeschlagene Tempo nicht mehr vollständig aufrechterhalten.
„Nachdem ich etwas zu schnell begonnen hatte, hielt ich die Rundenzeiten bei 15,0 Sekunden und kam erst auf den letzten beiden Runden aus dem Tritt. Ich bin hochmotiviert, weiterzumachen, und Tim Decker unendlich dankbar. Mein Mentor hat mich in nur zehn Monaten wieder an diesen Punkt gebracht.“
Damit würdigte Phinney ausdrücklich die Arbeit seines Mentors, der ihn innerhalb von nur zehn Monaten wieder auf ein Niveau geführt hatte, auf dem er bei einer Radsport-WM konkurrenzfähig sein konnte.
Einen zusätzlichen Höhepunkt erlebte der Amerikaner unmittelbar nach seiner eigenen Fahrt, als Milan mit seinem historischen Weltrekord die Maßstäbe in der Einerverfolgung noch einmal verschob.
Für Phinney war es ein besonderer Moment, die außergewöhnliche Leistung des Italieners aus nächster Nähe verfolgen zu können – unmittelbar nachdem er selbst eine persönliche Bestzeit aufgestellt hatte.
„Jonathan Milan direkt nach meinem Lauf einen Weltrekord fahren zu sehen, war das Sahnehäubchen. Zu sehen, wie es geht, gleich nachdem ich es selbst gespürt habe … Ich will alles, los geht’s! Die Zitrone hat noch Saft.“
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Olympia 2028 als großes Ziel: Der US-Bahnvierer muss sich steigern
Während Phinney in der Einerverfolgung einen persönlichen Erfolg feiern konnte, verlief die Mannschaftsverfolgung für die Vereinigten Staaten weniger erfreulich.
Der amerikanische Bahnvierer schied in Shanghai bereits in der ersten Runde aus und verpasste damit die Teilnahme am kleinen Finale. Am Ende belegte die Mannschaft den siebten Platz.
Zum amerikanischen Aufgebot gehörten neben Phinney auch Grant Koontz und Anders Johnson. Mit Ashlin Barry stand zudem eines der größten Nachwuchstalente des US-Radsports am Start.
Der erst 19-Jährige hatte kurz zuvor bei der Straßen-Radsport-WM in Montreal den Weltmeistertitel im U23-Straßenrennen gewonnen und war anschließend nach China gereist.
Auch auf der Bahn überzeugte Barry mit einer starken Leistung. In der Einerverfolgung absolvierte er die 4.000 Meter in 4:02,304 Minuten und belegte damit den fünften Platz. Es war das beste amerikanische Ergebnis in dieser Disziplin bei den Titelkämpfen in Shanghai.
Für Phinney und seine Teamkollegen bleibt bis zu den Olympischen Spielen in Los Angeles allerdings noch einiges zu tun. Der siebte Platz in der Mannschaftsverfolgung verdeutlicht, dass die USA im internationalen Vergleich weiter aufholen müssen, um 2028 um die Medaillen kämpfen zu können.
Phinneys persönliche Entwicklung liefert dafür zumindest ein positives Signal. Innerhalb von nur zehn Monaten hat der frühere Weltmeister den Weg zurück auf internationales Spitzenniveau gefunden und seine bisherige Bestzeit deutlich verbessert.
Mit 36 Jahren, fast sieben Jahre nach seinem ursprünglichen Karriereende und zwei Jahre vor den Olympischen Spielen im eigenen Land steht der Amerikaner damit vor einem außergewöhnlichen neuen Kapitel seiner Laufbahn.
Seine Botschaft nach Shanghai fällt jedenfalls eindeutig aus: Das Comeback soll weitergehen – und Phinney ist überzeugt, dass noch deutlich mehr in ihm steckt.

Nic GayerRedakteur
Nic Gayer ist seit 2022 im Journalismus tätig und begann seine Laufbahn als freier Redakteur im Lokaljournalismus für eine Tageszeitung. Für Radsportaktuell.de berichtet er über den professionellen Radsport und begleitet das Geschehen von der WorldTour bis zu wichtigen nationalen und internationalen Rennen. Sein Schwerpunkt liegt auf Vorberichten, Rennzusammenfassungen und Analysen, mit denen er Entwicklungen im Peloton klar einordnet.
Bei seiner Arbeit wird Nic von den Kolleginnen und Kollegen der Schwesterplattform CyclingUpToDate unterstützt, wodurch er regelmäßig direkten Zugang zu Teams, Fahrern und offiziellen Terminen erhält. Er arbeitet aus der Nähe von München und steht kurz vor dem Abschluss als Bachelor of Arts in Sportjournalismus. In seiner Berichterstattung legt er großen Wert auf sorgfältige Quellenprüfung, präzise Einordnung und aktualisiert Inhalte, sobald neue, gesicherte Informationen vorliegen.
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