Wenn ein Team die Kräfteverhältnisse im Peloton neu ordnet, ist Erfolg allein nie die ganze Geschichte. Im Radsport holt Dominanz unweigerlich die Vergangenheit zurück ins Blickfeld.
In diesem Kontext hält Analyst
Thijs Zonneveld die Prüfung von
UAE Team Emirates - XRG für logisch und unausweichlich. Nicht wegen dessen aktueller Leistungen, betont er, sondern wegen der handelnden Personen und dessen, was der Radsport bereits erlebt hat.
„Ich finde es gut, dass die Frage gestellt wird“,
sagt Zonneveld laut Zitaten, die Wieler Revue gesammelt hat. „An der Spitze stehen zwei Leute, die in der Vergangenheit
Doping ermöglicht haben.“
Die Aussage wurde vielfach als konfrontativ gelesen. Tatsächlich beschreibt sie eher, warum UAE’s Dominanz im modernen Radsport so schnell Misstrauen auslöst.
Warum Führungshistorie weiterhin zählt
Zonnevelds Hinweis bezieht sich auf die langen Karrieren der UAE-Führungskräfte
Mauro Gianetti und Joxean Fernandez Matxin, die beide in Phasen des Profiradsports aktiv waren, die später von weitverbreitetem Doping geprägt wurden.
Gianettis aktive Laufbahn umfasst einen berüchtigten medizinischen Vorfall bei der Tour de Romandie 1998, als er nach dem mutmaßlichen Einsatz einer experimentellen sauerstofftragenden Substanz kollabierte und ins Krankenhaus kam. Ein Anti-Doping-Verstoß wurde nie nachgewiesen, es folgte keine Sanktion, doch das Ereignis prägte sich in das kollektive Gedächtnis des Radsports ein.
Als Teammanager führte Gianetti später Mannschaften wie Saunier Duval in Phasen, in denen Fahrer wie Riccardo Riccò und Leonardo Piepoli positiv auf blutbildende Mittel getestet wurden. Auch hier wurde Gianetti nie sanktioniert, doch der Kollaps des Teams während der Tour de France 2008 prägt bis heute den Blick auf seine Managerlaufbahn.
Matxins Werdegang überschneidet sich mit derselben Epoche. Er bekleidete sportliche Führungsrollen in Teams, die später von Dopingskandalen erfasst wurden, ohne je persönlich angeklagt oder sanktioniert worden zu sein. Sein Name taucht in diesen Debatten nicht wegen erwiesenen Fehlverhaltens auf, sondern wegen seiner Nähe zu einigen der dunkelsten Kapitel des Sports.
Diese Historie, so Zonneveld, erklärt, warum UAE’s heutiger Erfolg durch eine andere Linse betrachtet wird als jener vieler Rivalen.
UAE-Manager Matxin ist einer der „zwei Leute an der Spitze“, auf die Zonneveld anspielt
Prüfung ist keine Anklage
Entscheidend zieht Zonneveld eine klare Linie zwischen Verdacht und Beweis. „Man muss schauen, welche Belege es gibt“, sagte er. „Und die sind null. Ja, sie fahren schnell, aber das ist kein Beweis.“
Diese Unterscheidung ist der Dreh- und Angelpunkt seines Arguments. Die Vergangenheit erklärt, warum Fragen gestellt werden, liefert aber keine Antworten zur Gegenwart.
Mit anderen Worten: UAE’s Dominanz löst Skepsis aus, weil der Radsport das schon erlebt hat. Doch die Wiederholung der Frage ist kein Beleg für Fehlverhalten.
Strukturelle Macht statt geheimer Vorteile
Wenn nicht Doping – was erklärt dann das Ausmaß von UAE’s Überlegenheit? Zonneveld verweist nicht auf Physiologie, sondern auf Struktur.
„Das gesamte WorldTour-Peloton wollte Isaac Del Toro und Jan Christen, aber beide wählten dasselbe Team“, sagte er. „Das hat offensichtlich mit Geld zu tun.“
Im modernen Radsport übersetzt sich finanzielle Stärke direkt in Kaderbreite. Breite schafft Kontrolle. Kontrolle wird zu nachhaltiger Dominanz. UAE’s Fähigkeit, mehrere Spitzentalente gleichzeitig zu verpflichten, ermöglichte ein System, das Rivalen auf verschiedenen Terrain- und Rennprofilen überrollt.
Von außen wirkt ein solcher Vorteil mitunter unnatürlich. Innerhalb des Sports ist er zunehmend vertraut.
Warum sich die Vergangenheit kaum wiederholt
Ex-Profi und Kommentator
Jose De Cauwer hält wenig von der Vorstellung, alte Fehler ließen sich heute an der Spitze einfach wiederholen.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese beiden, Gianetti und Matxin, so dumm wären, sich dessen erneut schuldig zu machen“, sagte er.
Dieses Vertrauen gründet auf dem radikalen Wandel des Sports. Biologischer Pass, ausgeweitete Testprogramme und externe Überwachung machen organisierte, teamweite Dopingpraktiken außerordentlich schwer zu verbergen.
Zonneveld teilt diese Sicht. „Mehr noch: Ich kann mir kaum vorstellen, dass man heute noch Dopingprogramme fahren könnte, bei denen plötzlich ein ganzes Team besser fährt und es nicht herauskommt“, sagte er. „Als Individuum gibt es noch Spielraum, den biologischen Pass zu manipulieren, aber über ein gesamtes Team? Das kann ich mir einfach nicht vorstellen.“
Wenn Dominanz zum Auslöser wird
Das Paradox, vor dem UAE Team Emirates - XRG steht, ist nicht neu. Im Radsport war anhaltende Dominanz historisch oft der Funke, der Zweifel neu entfacht – unabhängig von vorhandenen Beweisen.
Teams, die gelegentlich gewinnen, werden gefeiert. Teams, die unablässig gewinnen, werden hinterfragt.
Zonneveld positioniert sich bewusst in der Mitte. Prüfung, argumentiert er, ist angesichts der Sporthistorie und der Lebensläufe der Verantwortlichen angemessen. Ohne Belege muss sie jedoch genau das bleiben.
Ohne Nachweis lässt sich UAE’s Erfolg am ehesten als Produkt von Geld, Rekrutierung und Umsetzung in einem Maßstab erklären, den nur wenige Teams erreichen. Tempo allein, so Zonneveld, bleibt Leistung, nicht ein Urteil.