Michael Matthews spricht nicht über ein einzelnes Rennen, keinen missglückten Sprint und auch nicht über eine frustrierende Saison. Er spricht über etwas Grundsätzlicheres – etwas, das seiner Ansicht nach leise beeinflusst, wie Teams fahren, wie Fahrer belohnt werden und wie der Radsport für alle aussieht, die ihn verfolgen.
Im Gespräch im
Roadman Podcast fällt Matthews ein schonungsloses Urteil über die Richtung, die der Sport eingeschlagen hat. Er argumentiert, dass die heutigen Anreizstrukturen das Verhalten verändern – und zwar auf eine Weise, die sich immer weniger mit dem deckt, wie sich der Radsport nach außen präsentiert.
Wenn Anreize nicht mehr zum Spektakel passen
Im Zentrum seiner Frustration steht das Punktesystem.
„Ehrlich gesagt, das ist für mich das, was den Radsport wirklich kaputtmacht: diese Punkte“, sagte Matthews. Für ihn reicht das Problem weit über Abstiegsduelle oder Termindruck hinaus. Es geht darum, wie Teams Erfolg intern definieren – und wie sie diesem Erfolg hinterherjagen.
Matthews trennt dabei klar zwischen Einsatz und Ergebnis. Er behauptet nicht, dass Mannschaften weniger investieren. Er sagt, sie werden zu einem anderen Ansatz gedrängt. „Man sieht so viele Teams, nicht nur Astana, die ihren Kader jetzt so aufstellen, dass möglichst viele Fahrer gegeneinander fahren, und was macht das mit der Teamkultur?“, fragte er.
Der Wandel, den Matthews beschreibt, ist subtil, aber weitreichend. Ambition misst sich plötzlich an Akkumulation statt an klarer Absicht. „Ihr Ziel ist jetzt, so viele wie möglich in die Top Ten zu bringen“, erklärte er und skizzierte damit eine Rennlogik, in der Platzierungen sammeln fast genauso viel zählt wie Siege jagen.
Für Matthews entsteht der größte Schaden bei den Fans, die den Sport verstehen wollen. „Man versucht den Fans zu vermitteln, dass es ein Teamsport ist, und dann sieht man im Finale drei Sprinter desselben Teams, die gegeneinander sprinten“, sagte er.
Sein Fazit fällt eindeutig aus: „Für mich zerstört das den Radsport. Ich bin zu 100% absolut dagegen.“
Die Kritik trifft den von der Union Cycliste Internationale beaufsichtigten Rahmen ins Mark, doch Matthews’ Sorge geht über Reglemente hinaus. Ihm geht es um den Verlust eines gemeinsamen Ziels innerhalb der Teams – ausgelöst durch Anreize, die zunehmend internen Wettbewerb belohnen.
Warum Sprinten nicht mehr wie Sprinten aussieht
Denselben Wandel erkennt Matthews auch in der Art, wie Rennen heute entschieden werden. „Diese Tage ist Sprinten nicht mehr wirklich so“, sagte er.
Statt eines reinen Tests der Endgeschwindigkeit prägen moderne Finals immer stärker Überleben, Positionierung und die Frage, wer nach härteren, aggressiver gefahrenen Tagen überhaupt noch leistungsfähig ist. „Damit ich einen Sprint gewinne… muss ich der fitteste Fahrer im Ziel einer härteren Gruppe sein“, erklärte Matthews.
Er spricht dabei offen über seine Grenzen. „Ich werde keinen Massensprint gewinnen, sagen wir, gegen die Philipsens und diese Jungs“, sagte er mit Blick auf Jasper Philipsen. Sein Weg zu Ergebnissen führt heute über Selektion – nicht über reine Pace.
Matthews gibt außerdem zu, dass er klassischen Massensprints wenig abgewinnen kann. „Ehrlich gesagt mag ich die Massensprints einfach nicht mehr so“, sagte er. „Du brauchst einen starken Lead-out… sonst bist du nur in der Waschmaschine… und es ist einfach Chaos.“
Aus seiner Sicht verschwindet der reine Sprinter nicht zufällig. „Alle haben irgendwie gelernt, dass der reine Sprinter heutzutage eine aussterbende Spezies ist“, erklärte er und verwies auf robustere Sprinttypen und immer weniger eindeutige Sprintchancen.
Dominanz, die sich nicht ankündigen muss
Jenseits von Struktur und Taktik sprach Matthews auch über eine psychologische Verschiebung, die seiner Meinung nach das Racing auf Topniveau prägt.
Neben den dominanten Figuren des Sports zu fahren, erzeugt einen Druck, der sich nicht immer in Attacken oder Beschleunigungen zeigt. „Dem ist es nicht mal wichtig, dass ich da bin, er betrachtet mich nicht als Faktor“, sagte Matthews und beschrieb das Gefühl, wenn Favoriten durch entscheidende Moves rotieren, ohne die Nebenleute wahrzunehmen. „Ich schaue dich nicht mal an, weil ich dich nicht als Gefahr sehe.“
Diese Hierarchie, so deutete er an, entsteht lange vor dem Startschuss. Öffentlich geteilte Trainingsdaten von Fahrern wie Tadej Pogacar, Mathieu van der Poel und Wout van Aert wirken zugleich als Motivation und Botschaft. „Sie nutzen das als Extra-Schub für sich selbst, aber auch, um den anderen zu zeigen: ‚Ich fliege‘“, sagte Matthews.
Seine Aussagen sind kein nostalgischer Reflex und keine Verweigerung des Wandels. Sie lesen sich vielmehr als Anpassung. Ein Fahrer erklärt, wie sich der Boden unter dem Peloton verschoben hat – und warum Erfolg heute einen anderen Ansatz verlangt, selbst wenn dieser von Anreizen geprägt ist, die er grundsätzlich ablehnt.
Matthews’ Urteil ist hart, aber aufschlussreich. Der moderne Radsport, so seine Einschätzung, verzerrt sich nicht durch fehlenden Einsatz oder mangelnde Ambition. Er wird durch das geformt, was der Sport heute belohnt – und durch die leisen Folgen, die daraus entstehen.