„Es wurde nie gefragt, ob ich meine Periode hatte“ – Ex-Profi Esmee Peperkamp erhebt schwere Vorwürfe gegen Picnic PostNL

Radsport
durch Nic Gayer
Team Picnic PostNL
Die ehemalige Radprofifahrerin Esmee Peperkamp hat schwere Vorwürfe gegen das Frauenteam Picnic PostNL erhoben. Die 29-jährige Niederländerin berichtet von anhaltenden körperlichen und psychischen Folgen ihrer Zeit bei der Mannschaft. Nach ihren Angaben wurden gesundheitliche Beschwerden nicht ausreichend berücksichtigt, strenge Teamvorgaben über das persönliche Wohlbefinden gestellt und ein Arbeitsumfeld geschaffen, in dem Fahrerinnen aus Angst vor möglichen Konsequenzen schwiegen.
Peperkamp stand von 2021 bis 2025 bei der Mannschaft unter Vertrag, die zuvor unter dem Namen DSM antrat. Nachdem sie ihre Erfahrungen zunächst anonym geschildert hatte, entschied sie sich nun, öffentlich darüber zu sprechen. In einem Interview mit dem niederländischen Sender NOS erklärte sie, weshalb sie so lange geschwiegen hatte und warum sie sich jetzt zu diesem Schritt entschlossen hat.

„Ich hatte Angst vor den Reaktionen“ – Peperkamp bricht ihr Schweigen

„Ich hatte Angst vor den Reaktionen“, sagte Peperkamp auf die Frage, warum sie ihre Identität nun öffentlich mache. „Ich möchte die Last loswerden, die ich mit mir herumtrage, und glaube auch, dass ich mit meiner Geschichte den Menschen in meinem Umfeld helfen kann.“
Das jahrelange Schweigen habe sie zunehmend belastet. Besonders schwierig sei es gewesen, ihre gesundheitlichen Probleme gegenüber anderen zu erklären, ohne über deren mögliche Ursachen sprechen zu können.
„Es nagt an mir. Ich musste etwas geheim halten, das mein Leben in den vergangenen Jahren geprägt hat. Und es wirkt sich noch immer auf mich aus. Meine Gesundheit ist nicht besonders gut, und es war schwer, anderen zu erklären, wie es dazu kommen konnte.“
Mit ihren Aussagen rückt Peperkamp insbesondere den Umgang mit der Gesundheit von Fahrerinnen in den Mittelpunkt. Ihre Schilderungen betreffen sowohl die medizinische Betreuung als auch Ernährungsrichtlinien und den Umgang mit individuellen Beschwerden.

RED-S und ausbleibende Menstruation: Schwere Vorwürfe gegen die medizinische Betreuung

Nach eigenen Angaben hat Peperkamp seit 2021 keine Menstruation mehr. Während ihrer Zeit bei Picnic PostNL entwickelte sie demnach ein relatives Energiedefizit im Sport, kurz RED-S (Relative Energy Deficiency in Sport).
Das Syndrom entsteht, wenn dem Körper über längere Zeit nicht genügend Energie zur Verfügung steht, um sowohl die sportliche Belastung als auch grundlegende Körperfunktionen ausreichend zu versorgen. Mögliche Folgen betreffen unter anderem den Hormonhaushalt, das Immunsystem und die allgemeine Gesundheit.
Peperkamp berichtet, dass sie bis heute unter den Auswirkungen leide.
„Meine Gesundheit verschlechtert sich weiter, weil mein Körper noch immer nicht genügend Hormone produziert“, erklärte sie. „Wenn der Körper zu wenige Hormone bildet, leidet das Immunsystem und man wird anfälliger für Infektionen.“
Die Niederländerin ist überzeugt, dass ihre gesundheitlichen Probleme durch den Umgang innerhalb der Mannschaft verstärkt wurden.
„Dadurch wurde es schlimmer. Zum Beispiel wurde nie gefragt, ob ich meine Periode hatte.“
Zwar habe das Team jährlich medizinische Untersuchungen durchgeführt, eine Kontrolle ihres Hormonspiegels sei nach ihren Angaben jedoch ausgeblieben. Peperkamp sieht darin ein schwerwiegendes Versäumnis.
„Das hätte verhindert werden können“, sagte sie und bezeichnete die medizinische Betreuung als „unzureichend“.
Auch bei anderen körperlichen Beschwerden habe sie sich nicht ausreichend unterstützt gefühlt. Als sie wegen Schmerzen eine Anpassung ihrer Sitzposition auf dem Rennrad wünschte, sei ihr mitgeteilt worden, dass sie warten müsse, bis ein Bikefitter verfügbar sei.
Bis dahin habe sie die Aufforderung erhalten: „Gewöhn dich einfach daran.“

„Mir wurde sehr schlecht“ – Peperkamp kritisiert strenge Ernährungsvorgaben

Neben der medizinischen Betreuung kritisiert Peperkamp auch den Umgang mit ihrer Ernährung. Nach ihren Angaben hatte sie erhebliche Schwierigkeiten, die vom Team vorgeschriebenen Sportprodukte zu vertragen.
Erst nach drei Jahren seien bei ihr ein Reizdarmsyndrom und eine Laktoseintoleranz diagnostiziert worden. Bis dahin habe sie regelmäßig Energieriegel, Gels und Sportgetränke zu sich nehmen sollen, obwohl diese bei ihr starke Beschwerden auslösten.
„Mir wurde sehr schlecht. So übel, dass ich nichts mehr essen konnte. Ich musste mich auch übergeben. Manchmal fühlte ich mich tagelang krank und aß dann nur sehr wenig“, schilderte die ehemalige Fahrerin.
Trotz dieser Beschwerden sei ihr nach eigener Darstellung wiederholt gesagt worden, sie müsse sich lediglich an die Produkte gewöhnen.
Einzelne Betreuer hätten versucht, ihr entgegenzukommen, indem sie ihr herkömmliche isotonische Getränke oder Wasser zur Verfügung stellten. Doch selbst das Trinken von Wasser habe mitunter nicht den Ernährungsprotokollen der Mannschaft entsprochen.
Für Peperkamp sei das besonders problematisch gewesen, weil sie die stark gesüßten Sportgetränke aufgrund ihrer Übelkeit nicht vertragen habe.
„Für mich war das sehr schlecht. Weil mir so übel war, vertrug ich die Süße nicht“, erklärte sie.
Die geschilderten Schwierigkeiten hätten sie schließlich darüber nachdenken lassen, die Mannschaft zu verlassen. Diesen Schritt habe sie jedoch aus Sorge um ihre sportliche Zukunft nicht gewagt.
„Man versucht durchzuhalten und sich bei anderen Teams ins Gespräch zu bringen, damit der eigene Traum weiterlebt. Dabei hört man dir nicht zu, und andere treffen Entscheidungen für dich, die letztlich nicht gut für dich sind.“

„Kultur der Angst“ bei Picnic PostNL: Externe Untersuchung eingeleitet

Peperkamps öffentliche Aussagen stehen im Zusammenhang mit einer umfassenderen Debatte über die Arbeitsbedingungen beim niederländischen Team.
Eine gemeinsame Recherche von NOS Sport und dem Radsportformat In De Waaier hatte zuvor zahlreiche kritische Erfahrungsberichte zusammengetragen. Insgesamt wurden dafür 71 aktive und ehemalige Fahrerinnen sowie Mitarbeitende befragt.
Die Befragten beschrieben ein streng reglementiertes und belastendes Arbeitsumfeld. In den Berichten war unter anderem von einer „Kultur der Angst“ die Rede, in der sich Betroffene nicht getraut hätten, offen Kritik zu äußern oder persönliche Probleme anzusprechen.
Mit ihren detaillierten Schilderungen über gesundheitliche Beschwerden, medizinische Betreuung und Ernährungsvorgaben verleiht Peperkamp diesen Vorwürfen nun eine weitere persönliche Dimension. Ihre Aussagen sind dabei als Vorwürfe der ehemaligen Fahrerin zu verstehen, deren konkrete Hintergründe noch untersucht werden müssen.
Die öffentliche Kritik hat inzwischen Konsequenzen für Picnic PostNL. Die Mannschaft hat eine unabhängige externe Untersuchung ihrer Führungspraktiken und internen Teamkultur in Auftrag gegeben.
Welche Ergebnisse diese Untersuchung liefern wird, bleibt abzuwarten. Für Peperkamp geht es jedoch schon jetzt um mehr als die Aufarbeitung ihrer eigenen Erfahrungen: Sie möchte die Belastung des jahrelangen Schweigens hinter sich lassen und dazu beitragen, dass gesundheitliche Beschwerden von Fahrerinnen künftig ernst genommen werden.
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