Der Profiradsport hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt. Besonders ins Auge sticht der enorme Fokus auf Trainings- und Ernährungsdetails. Das erzeugt bessere Athleten, macht den Weg ins Profigeschäft aber steiler – und formt Fahrer fast zu „Robotern“, argumentiert Brian Smith.
„Ich war extrem ernst. Ich wollte immer alles noch besser machen. Ich suchte ständig nach der Extra-Meile. Als ich in Großbritannien fuhr, war ich wohl der härteste Trainer – eine Trainingsmaschine. Darauf war ich ziemlich stolz“, sagte Smith gegenüber
CyclingWeekly.
Der Brite, in den 1990ern zweimal nationaler Meister und heute Kommentator, glaubt allerdings, dass er selbst besser an die aktuellen Anforderungen eines Profis angepasst wäre als viele seiner damaligen Weggefährten. Diese Anforderungen sind in den vergangenen 30 Jahren exponentiell gewachsen – bis hin zur Unkenntlichkeit.
Trainingspläne werden bis ins kleinste Detail angepasst und strikt umgesetzt, Gleiches gilt für die Ernährung. Gleichzeitig beschleunigen technische Neuerungen den Sport spürbar – allein im letzten Jahrzehnt. Aero-Räder und Skinsuits selbst bei Bergetappen sind nur das sichtbarste Beispiel.
Das hat seinen Preis. Viele schaffen den permanenten Druck und die notwendige Detailversessenheit nicht – nicht nur an der Spitze, sondern auch bei jenen, die überhaupt erst um einen Platz im Profigeschäft kämpfen.
Roboter im Peloton
„Junge Fahrer werden zu Robotern, alles wird gemessen. Ihre Ernährung wird gemessen, das Training wird gemessen – alles wird gemessen. Es ist einfach robotisch. Es macht einfach keinen Spaß“, sagt der Brite. Im heutigen Radsport bleibt laut Smith sprichwörtlich kein Stein auf dem anderen – Nachwuchsfahrer müssen schon sehr früh extrem professionell agieren.
„Jede Kurbelumdrehung wird heute hochgeladen, damit dein Trainer sie täglich analysiert. Das Tag für Tag zu liefern, ist für viele junge Athleten enorm hart.“ Das dürfte auch hinter etlichen frühen Rücktritten stehen, wie in diesem Winter zu sehen war. Allein im letzten Monat hörten Simon Yates auf, ebenso die 23-jährige Cross-Weltmeisterin Fem van Empel, die sich aus dem Sport zurückzog.
Der Weg ist rau, und viele Profis warnen, dass Karrieren in Echtzeit kürzer werden, weil die Anforderungen langfristig nicht durchzuhalten sind. Gleichzeitig verjüngt sich das Peloton: WorldTour-Teams scouten zunehmend direkt aus dem Juniorenbereich in die WorldTour – aus Angst, das „nächste große Talent“ zu verpassen. Seit dem erfolgreichen Sprung von Remco Evenepoel ist das in mehreren Teams fester Bestandteil der Kaderpolitik.
„Der Radsport wird immer jünger… Anfang-20-Jährige denken: ‚Ich schaffe es nicht zum Profi.‘ Teams verpflichten Junioren und überspringen teils die U23“, warnt Smith und sieht darin auch eine Gefahr für die natürliche Entwicklung junger Fahrer.
Paul Seixas stand bei den European Championships gemeinsam mit Tadej Pogacar und Remco Evenepoel auf dem Podium – nur wenige Wochen nach seinem 19. Geburtstag