Die schnellste
Tour de France der Geschichte hat erneut die Diskussion über die Ursachen der immer höheren Durchschnittsgeschwindigkeiten entfacht. Nachdem Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard während der Rundfahrt auch unangekündigten nächtlichen Dopingkontrollen unterzogen worden waren, rückte die außergewöhnliche Leistungsentwicklung im Peloton erneut in den Fokus.
Zwar wurde gegen keinen der beiden Tour-Stars ein Dopingverstoß bekannt. Dennoch sorgte das historische Tempo der Tour 2026 für neue Diskussionen. Pogacar stellte auf dem Weg zu seinem fünften Gesamtsieg den Alpe-d'Huez-Rekord von Marco Pantani ein, während Soren Waerenskjold auf einer Etappe den höchsten jemals gemessenen Durchschnitt der Tour-Geschichte erreichte.
Chris Horner sieht die größte Veränderung abseits des Rennens
Drei Tage nach dem Ende der Tour meldete sich der frühere Vuelta-a-Espana-Sieger
Chris Horner zu Wort. Der US-Amerikaner sieht die Erklärung für die Entwicklung des Sports vor allem in der Professionalisierung des gesamten Umfelds – insbesondere bei Ernährung und Regeneration.
Jonas Vingegaard und Tadej Pogacar standen nach der schnellsten Tour de France der Geschichte im Fokus von Diskussionen über das außergewöhnlich hohe Leistungsniveau im modernen Profiradsport.
„Sogar 2005, als ich mit Saunier Duval zu meiner ersten Tour de France kam, brachte ich noch mein eigenes Essen mit, weil die Teams sich nie richtig um die Fahrer kümmerten“, sagte Horner auf seinem
YouTube-Kanal.
Der ehemalige Profi gehörte zwischen 1997 und 2014 zum Peloton und erlebte den Wandel hautnah mit. In seinen Anfangsjahren sei die Verpflegung während der Rennen häufig improvisiert worden.
„Wir haben bei Radrennen im Grunde mit kleinen Kuchen und Teilchen überlebt“, erinnerte sich Horner. „Sie kauften Kartons mit Gebäck, brachten sie rein, schnitten sie auf, wickelten sie in Alufolie, machten kleine Sandwiches dazu und steckten es dir in die Trikottasche.“
Horner brachte deshalb regelmäßig einen Koffer voller Clif Bars aus den USA mit und kaufte nach seiner Ankunft in Europa zusätzlich Schokolade. Diese Vorräte begleiteten ihn bei Rennen wie Paris-Nizza, Tirreno-Adriatico, der Baskenland-Rundfahrt oder der Tour de France.
Nach seiner Einschätzung konnten bereits kleine Ernährungsfehler über mehrere Tage hinweg erhebliche Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit haben.
„Wenn dir über die Tage hinweg Kalorien fehlen, kann es in einer Grand Tour wie der Tour de France zum Einbruch kommen“, sagte Horner.
Moderne Teams kontrollieren jeden Schritt der Regeneration
Für Horner sind Leistungseinbrüche auch heute keineswegs verschwunden. Der Unterschied bestehe vielmehr darin, dass moderne Profis deutlich seltener aufgrund vermeidbarer Fehler außerhalb des Rennens geschwächt in die entscheidenden Bergetappen gehen.
„Wird das ein Relikt sein? Ganz sicher nicht, und wir werden es wieder sehen“, erklärte Horner mit Blick auf die klassischen Einbrüche bei dreiwöchigen Rundfahrten.
Besonders deutlich habe sich die Situation nach den Etappen verändert. Während seiner aktiven Karriere mussten Fahrer häufig lange auf das Abendessen warten.
„Das konnte ein dramatisches Problem sein, das beeinflusst, wie du am nächsten Tag fährst“, sagte Horner. „Du verließest den Tisch müder, als du angekommen bist. Es war lächerlich.“
Heute reisen nahezu alle Topteams mit eigenen Köchen, mobilen Küchen und exakt abgestimmten Ernährungsplänen zu den Grand Tours. Die Fahrer sind dadurch nicht mehr von den Küchen der jeweiligen Hotels abhängig.
„Ihre Köche kochen alles, bereiten es exakt richtig zu und geben den Fahrern das Essen genau dann, wenn sie es brauchen“, erklärte Horner. „Sie warten keine Stunde. Sie sitzen nicht mit hängenden Beinen am Tisch, nachdem du gerade eine 200-Kilometer-Etappe bei der Tour de France gefahren bist und über Alpe d'Huez musstest.“
Dabei gehe es längst nicht mehr ausschließlich um die Kalorienzufuhr. Moderne Regeneration beginne unmittelbar nach dem Ziel und setze sich über den gesamten Abend bis zum nächsten Morgen fort.
„Du verlässt den Tisch komplett zufrieden“, sagte Horner. „Du bist bereit, zurückzugehen, dich aufs Bett zu legen und runterzukommen.“
Das Rennen verlangt heute eine völlig andere Ernährung
Auch während der Etappen habe sich der Radsport grundlegend verändert. Die Tour de France 2026 sei nahezu permanent mit höchstem Tempo gefahren worden. Fluchtgruppen wurden bis weit ins Finale verfolgt, die Favoritenteams machten bereits weit vor den Schlussanstiegen Druck, und Soren Waerenskjold stellte mit seinem Etappensieg einen neuen Geschwindigkeitsrekord auf.
Horner selbst galt bereits während seiner Karriere als Fahrer mit außergewöhnlich hoher Energiezufuhr.
„Im Training nahm ich meist etwa 600 Kalorien pro Stunde zu mir, im Rennen kam ein Drittel dazu, also 800 Kalorien pro Stunde“, sagte er. „Die Fahrer selbst, und besonders die Betreuer, lachten ein wenig über die Menge an Zucker und Kalorien, die ich hatte.“
Damals setzte Horner überwiegend auf feste Nahrung wie Gebäck, Sandwiches, Clif Bars, Snickers oder Coca-Cola. Weil das Rennen häufig ruhigere Phasen bot, blieb genügend Zeit zum Essen.
Heute sei das kaum noch möglich.
Horner verwies dabei auf Jonas Abrahamsen, der vor einem Renntag zwölf Gels vorbereitet hatte.
„Heutzutage brauchst du vielleicht 12 Gels“, sagte Horner. „Du musst die Kalorien schnell reinbekommen, weil das Rennen die ganze Zeit Vollgas ist.“
Entscheidend sei jedoch nicht allein die Ernährung während der Etappe. Für Horner beginnt die Leistungsfähigkeit bereits mit der Regeneration nach dem Zieleinlauf und setzt sich über Abendessen, Schlaf und Frühstück bis zum nächsten Start fort.
„Wie viel isst du vor dem Rennen? Wie viel isst du im Rennen? Und wie viel isst du nach dem Rennen?“, sagte Horner. „Ernährung ist absolut das Wichtigste, was du neben dem Training richtig machen kannst.“
Die unangekündigten Dopingkontrollen bei Pogacar und Vingegaard haben die außergewöhnlichen Leistungen der Tour de France 2026 erneut in den Mittelpunkt der Diskussion gerückt. Horner liefert dafür jedoch eine andere Erklärung: Aus seiner Sicht entsteht das Rekordtempo vor allem durch die enorme Professionalisierung der Ernährung und Regeneration, die den Fahrern heute ermöglicht, über drei Wochen hinweg ein konstant außergewöhnlich hohes Leistungsniveau abzurufen.