Dylan van Baarle spricht offen darüber, sich professionelle Hilfe für die psychische Gesundheit zu holen: „Dank ihm habe ich wieder alles im Griff“

Radsport
Dienstag, 17 Februar 2026 um 20:00
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Im Elite-Männerradsport wurde nie ein Hehl aus Schmerz, Müdigkeit oder physischen Verletzungen gemacht. Psychische Gesundheit ist anders. Sie wird meist nur angedeutet, weichgezeichnet oder ganz gemieden. Dass Dylan van Baarle offen darüber spricht, professionelle psychologische Hilfe gesucht zu haben, hat daher Gewicht weit über seine eigene Karriere hinaus.
Van Baarle ist keine Randfigur mit einer warnenden Anekdote. Er ist Paris-Roubaix-Sieger, Monument-Gewinner und ein Fahrer, dessen Ruf auf Zähigkeit und Robustheit gründet. Wenn jemand mit diesem Profil ruhig und direkt darüber spricht, um Hilfe zu bitten, durchbricht das ein langes Schweigen im Sport.

Zwei Saisons im ständigen Versuch des Comebacks

In einem offenen und ehrlichen Gespräch mit Wieler Revue blickte Van Baarle darauf zurück, wie die vergangenen zwei Saisons weniger von Fortschritt als von Regeneration geprägt waren. Eine Serie von Stürzen und unterbrochenen Vorbereitungen bedeutete, dass er wiederholt nur zur Form zurückkehren konnte, statt darauf aufzubauen.
Der Wendepunkt kam früh im Jahr 2025, als er sich beim Tour Down Under das Schlüsselbein brach. „Dieser Sturz war für mich der letzte Tropfen“, sagte Van Baarle. „Ich wollte 2024 abhaken, aber dann startest du wieder mit einem Rückschlag. Das war ein riesiger mentaler Schlag für mich.“
Es folgte nicht nur körperliche Reha, sondern wachsende Unsicherheit. „Ich begann mir Fragen zu stellen: Auf welchem Niveau komme ich zurück? Liegt es an mir? Gehöre ich überhaupt noch ins Peloton? Ich fing an, an mir zu zweifeln.“

Wenn Erholung zum Kreislauf wird

Van Baarle erklärte, dass diese Zweifel seine Frühjahrskampagne prägten. Er fehlte selten ganz, war aber ebenso selten ganz er selbst. „In den letzten zwei Saisons war ich ständig aufs Zurückkommen fokussiert“, sagte er. „Du versuchst in Form zu kommen, während andere Fahrer noch eine Schicht oben drauflegen. Ich lief den Fakten ständig hinterher.“
Für einen Fahrer, dessen Stärken auf Ausdauer, Rhythmus und Vertrauen über lange Distanzen beruhen, erwies sich dieses Muster als besonders schädlich. Er räumte ein, dass sich neben den körperlichen Limitierungen auch Zögern in sein Rennen schlich.
Erst später im Jahr, während der Vuelta a España, spürte er, dass der Kreislauf sich löste. „Erst da hatte ich wieder das Gefühl, der Fahrer zu sein, der 2022 Paris-Roubaix gewonnen hat“, sagte er.

Die Entscheidung für professionelle Hilfe

Anstatt diese Schwierigkeiten als etwas rein Internes zu behandeln, traf Van Baarle bewusst die Entscheidung, Hilfe außerhalb seines unmittelbaren Umfelds zu suchen. Er benannte klar die Grenzen rein persönlicher Unterstützung. „Sich gegenseitig von diesen Gefühlen zu befreien und jemanden wirklich aus einer Negativspirale zu ziehen, ist einfach sehr schwierig“, sagte er.
Stattdessen wandte er sich professioneller psychologischer Unterstützung zu. „Ich habe jemanden gefunden, der mich in dieser Zeit mental begleitet hat“, erklärte Van Baarle. „Er hat mir nicht nur bei rennbezogenen Themen geholfen, sondern mir auch Werkzeuge für den Alltag gegeben.“
Das Ergebnis war schrittweise, aber entscheidend. „Dank ihm habe ich es geschafft, die Dinge wieder in den Griff zu bekommen“, sagte Van Baarle.

Warum das im Männer-Radsport zählt

Zuhause fand Van Baarle Verständnis bei seiner zukünftigen Frau, Pauline Ferrand-Prevot, die vergleichbare Belastungen an der Weltspitze erlebt hat. Diese Anerkennung half, ersetzte aber nicht die professionelle Begleitung.
Bemerkenswert an Van Baarles Aussagen ist nicht die Dramatik, sondern die Klarheit. Er stellt psychologische Unterstützung nicht als Krisenreaktion oder Ausnahme dar. Sie erscheint als pragmatische, professionelle Entscheidung eines erfahrenen Athleten in einer schwierigen Phase.
In einem Sport, in dem Elite-Männer noch immer selten so offen über das Einholen von Hilfe sprechen, steht diese Offenheit als Aussage für sich.
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