„Wir waren nie in der Lage, unsere Seite der Geschichte zu erzählen“ – Johan Bruyneel sagt, das neue Hollywood-Biopic über Lance Armstrong gebe ihm und Armstrong endlich eine Stimme

Radsport
Dienstag, 17 Februar 2026 um 18:00
johan bruyneel lance armstrong
Das Ausmaß des bevorstehenden Hollywood-Biopics über Lance Armstrong macht das Projekt schon jetzt zur ambitioniertesten Nacherzählung der umstrittensten Ära des Radsports.
Mit Austin Butler in der Rolle Armstrongs und einem Paket, das unter großen Studios einen Bieterwettstreit auslöste, wird der Film als Prestige-Kino positioniert und nicht als Nischensportdrama.
Dieser Kontext ist entscheidend für die Reaktion von Armstrongs ehemaligem Teammanager Johan Bruyneel, der den Film als seltene Chance begrüßt, auf eine Geschichte zu antworten, die seiner Ansicht nach seit mehr als einem Jahrzehnt ohne ihn erzählt wurde.
Im Podcast TheMove sagte Bruyneel, dass er zwar keinen Einfluss auf Besetzung oder kreative Entscheidungen habe, für ihn aber die Perspektive das Wichtigste sei. „Alles, was ich weiß, ist, dass der Film aus einer anderen Perspektive erzählt wird“, sagte er und ergänzte, dass der Blickwinkel wichtiger sei als die Frage, wer ihn am Ende darstellt.

Eine Hollywood-Erzählung, keine Radsportrekonstruktion

Der neue Film soll von Edward Berger inszeniert werden, das Drehbuch stammt von Zach Baylin, und die Beteiligten rahmen ihn als charaktergetriebene Erkundung statt als prozedurale Rekonstruktion von Anti-Doping-Ermittlungen.
Für Bruyneel ist dieser Unterschied zentral. Er hat frühere Dokus und Dramatisierungen der Armstrong-Ära offen kritisiert, darunter auch Produktionen im Umfeld der Arbeit des Journalisten David Walsh. „Die meisten davon habe ich nicht gesehen“, sagte er, „aber ich weiß, dass viele Fakten und Ereignisse nicht erzählt wurden. Und wenn sie erzählt wurden, dann nicht auf die richtige Art.“
Diese Frustration, erklärte er, halte seit Jahren an, genährt durch aus seiner Sicht unvollständige oder einseitige Darstellungen. Die Beteiligung Armstrongs selbst am neuen Film ist für Bruyneel der Punkt, der ihn von früheren Versuchen unterscheidet.

„The good, the bad and the ugly“

Trotz seiner Zustimmung betonte Bruyneel, der Film werde nicht versuchen, das Geschehene in der US‑Postal-Ära weichzuzeichnen oder zu entschuldigen. Er beschrieb eine sehr große Produktion, die das Gesamtbild zeigen wolle, inklusive der unbequemsten Aspekte.
„Lance ist in das Projekt eingebunden, und es wird wirklich ‚the good, the bad and the ugly‘“, sagte Bruyneel. „Nichts wird entschuldigt, und so soll es sein, aber mit der nötigen Nuance.“
Diese Betonung von Nuancen steht im Zentrum von Bruyneels Reaktion. Auch wenn die sportlichen Urteile rund um Armstrong längst gesprochen sind, argumentiert er, dass der Mangel an Ausgewogenheit in späteren Darstellungen die öffentliche Wahrnehmung ebenso stark geprägt habe wie die ursprünglichen Verfehlungen.

„Wir wurden nie in die Lage versetzt“

Bruyneels schärfste Kritik richtet sich nicht gegen die Ergebnisse der Ermittlungen, sondern gegen den anschließenden Prozess. „Wir wurden nie in die Lage versetzt, unsere Seite der Geschichte zu erzählen“, sagte er und rahmte das Biopic als erste wirkliche Gelegenheit dazu.
Nach der Veröffentlichung, so Bruyneel, solle das Urteil dem Publikum überlassen bleiben. „Danach kann jeder denken, was er will.“

Kritik am USADA-Bericht

Bruyneel bekräftigte zudem seine langjährige Kritik am Bericht der United States Anti-Doping Agency, der Armstrongs lebenslange Sperre untermauerte, und argumentierte, er sei in einer Art verfasst, die aus seiner Sicht weit von Objektivität entfernt sei.
„Der USADA-Bericht wurde wie ein Roman oder ein sensationsheischender Nachrichtenartikel geschrieben“, sagte er. „Das war sicher nicht objektiv.“ Die Folgen für seinen eigenen Ruf seien erheblich gewesen. „Ich wurde als der Teufel dargestellt, und ich weiß, dass ich das nicht bin.“

Den Gegenwind annehmen

Bruyneel räumte ein, dass der Film zwangsläufig auf Widerstand stoßen werde, gerade im Radsport, wo Armstrong weiterhin weitgehend persona non grata ist. „Es gibt eine kleine Minderheit, die mich immer so sehen wird“, sagte er. „Damit habe ich eine Zeit lang gehadert, aber ich habe die Seite umgeschlagen.“
Er ergänzte, er rechne bereits mit Kritikern, die den Film ungeachtet seines Inhalts abtun werden, was ihn aber nicht mehr beschäftige. Entscheidend sei die Sicht der Menschen in seinem Umfeld. „Solange die Leute um mich herum mich schätzen, ist es für mich in Ordnung. Das gilt auch für Lance.“
Ob der Film am Ende die Erinnerung an die umstrittenste Periode des Radsports neu ordnet, bleibt offen. Klar ist bereits, dass allein die Größe des Projekts eine Bühne geschaffen hat, von der zentrale Figuren jener Ära glauben, sie endlich nutzen zu können.
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