Wenn ein Fahrer vom Kaliber eines
Jonas Vingegaard seine Saison um ein Rennen herum umbaut, das nicht die
Tour de France ist, vermuten viele, dass etwas Großes dahintersteckt. Viel Geld. Viel Druck. Große Deals.
Warum der Giro 2026 für Vingegaard der logische Schritt ist
Giuseppe Martinelli, der Champions wie Marco Pantani, Alberto Contador und Vincenzo Nibali betreut hat, hält die Realität für deutlich schlichter – und klar sportlich.
„Die Vereinbarung hat nichts mit Geld zu tun“,
sagte Martinelli im Interview mit Bici.Pro. „Für mich ist es schwer zu glauben, dass sie einem Fahrer oder Team wirklich zahlen. Es gibt eine Kostenerstattung, aber die gilt für alle gleichermaßen.“
Martinelli, der aus seiner Karriere Insiderwissen zu solchen Konstellationen mitbringt, sagt, dass bei einem Rennen wie dem Giro d’Italia, das einen Tour-Superstar wie Vingegaard will, das Gespräch ganz woanders beginnt.
Wie der Giro einen Tour-Star bekommt
Für Martinelli ist die Strecke der erste und wichtigste Baustein jeder Verständigung zwischen einer Grand Tour und einem Champion. „Das Erste, das man gemeinsam klären muss, wenn man einen Fahrer auf Vingegaards Niveau will, ist die Strecke“, erklärte er. Nicht ein Kurs, der Veranstalter eitel schmeichelt, sondern einer, der in die größere Saisonplanung des Fahrers passt.
Das gilt besonders für Vingegaard, denn der Giro 2026 ist nicht sein Hauptziel. Es bleibt die
Tour de France.
Vingegaard hat selbst gesagt, sein Tour-Aufbau folge seit fünf Jahren demselben Muster, und die Wahl des Giro sei der Versuch, etwas Neues zu probieren. Aus Martinellis Sicht funktioniert das nur, wenn der Giro so gestaltet ist, dass ein Giro-Tour-Double realistisch bleibt.
Praktisch heißt das: eine Strecke, die nicht übermäßig hart ist und den Fahrer nicht vor Juli auslaugt. Genau deshalb kann der Giro für Vingegaard jetzt Sinn ergeben, meint Martinelli.
Warum der Giro Vingegaard liegt
Nach zwei zweiten Plätzen bei der
Tour de France hinter
Tadej Pogacar wird Vingegaards Saison 2026 durch eine Linse gelesen: Hilft es ihm, Pogacar zu schlagen?
Einige Experten meinen, der Giro könne ihn für die Tour schwächen. Andere glauben, er könne ihn schärfen. Martinelli gehört zur zweiten Gruppe. „Es passt fast eher zu Vingegaard, zum Giro zu kommen, als umgekehrt“, sagte er. Nach zwei Vizetiteln in Frankreich würde ein Giro-Sieg nicht nur die Trophäe bringen, sondern die Sammlung der Grand-Tour-Erfolge komplett machen.
Das zählt für die Motivation. Vingegaard hat offen darüber gesprochen, nach Siegen in Frankreich und Spanien auch in Italien gewinnen zu wollen. Für ihn ist der Giro kein Trostpreis. Er ist das fehlende Puzzleteil.
Aus Martinellis Sicht profitiert nicht nur der Giro von Vingegaard. Vingegaard profitiert davon, den Giro in seiner Saison zu haben.
Eine längst getroffene Entscheidung
Ein weiterer Aspekt ist das Timing. „Dass Vingegaard es am 13.01. bekanntgegeben hat, ist ein formales Datum“, sagte er. „Zwischen Visma und dem Giro haben die Kontakte meiner Meinung nach viel früher begonnen.“
Mit anderen Worten: Das ist kein Winter-Last-Minute-Poker. Es ist ein Plan, der wohl seit der vergangenen Saison reift, möglicherweise seit dem Ende der Tour. Das passt zu Vingegaard und Visma, die nach Jahren gleicher Tour-Vorbereitung einen neuen Weg gehen wollen.
Darum weist Martinelli auch die Idee kurzfristiger Anreize zurück. Eine solche Entscheidung betrifft die ganze Saison, nicht Antrittsgelder.
Pogacar selbst vollendete 2024 das Giro-Tour-Double
Nicht Geld, sondern Bedeutung
Martinelli ist beim Thema Antrittszahlungen klar. „Ich kann mir nicht einmal vorstellen, dass eine Organisation einem Fahrer zahlt, nur damit er teilnimmt, und ich fände das auch nicht korrekt“, sagte er. Für ihn gilt das Prestige in beide Richtungen. Ein großer Champion hebt ein Rennen, aber ein großes Rennen hebt auch die Karriere eines Champions.
Gewänne Vingegaard den Giro, würde er die sogenannte Triple Crown der Grand-Tour-Siege vollenden. Das kann man nicht kaufen. Das baut man sich über eine Karriere auf.
In diesem Sinne ist Visma laut Martinelli einfach gestrickt. Es geht nicht um finanzielle Nebendeals. Es geht um den besten sportlichen Weg.
Zwischen Ambition und Rivalität
Nichts davon existiert im luftleeren Raum. Alles, was Vingegaard 2026 tut, wird an Pogacar gemessen.
Manche sehen im Giro ein Risiko. Andere eine Möglichkeit, die Rivalität neu zu justieren. Martinellis Erklärung deutet einen dritten Blick an: Der Giro ist keine Flucht vor der Tour, sondern Teil desselben langen Spiels.
Wenn die Strecke passt, der Aufbau kontrolliert ist und die Motivation stimmt, ist der Giro keine Ablenkung. Er ist ein Werkzeug.
Und wenn Martinelli recht hat, geht
Jonas Vingegaard 2026 nicht wegen Geld, nicht wegen Druck und nicht aus Kompromiss nach Italien.
Sondern weil der Giro, rein sportlich, endlich genau das liefert, was er braucht.