Die
Tour de France lebt von großen Namen wie Alpe d’Huez, Tourmalet oder Mont Ventoux. Doch auf der 14. Etappe könnte ausgerechnet ein bislang weitgehend unbekannter Anstieg zum neuen Schreckgespenst des Pelotons werden: der Col du Haag.
Der 1.233 Meter hohe Pass feiert heute seine Premiere bei der Tour de France. Auf dem Papier stehen 11,2 Kilometer mit durchschnittlich 7,3 Prozent. Diese Zahlen erzählen jedoch nur einen Teil der Geschichte. Der Col du Haag ist keine gleichmäßige Bergstraße, auf der sich die Favoriten bequem in ihren Rhythmus setzen können. Er ist eine Wand, die sofort zuschlägt und im Finale kaum noch Erholung bietet.
Vom ersten Meter an tut es weh
Die Auffahrt beginnt in Saint-Amarin. Sobald die Fahrer den Ort verlassen, schnellt die Steigung auf Rampen von bis zu 13 Prozent. Nach diesem brutalen Auftakt folgt rund um Geishouse eine kurze Phase, in der die Straße etwas gnädiger wird.
Doch diese Erleichterung ist trügerisch. Die eigentliche Grausamkeit des Col du Haag wartet in den letzten sechs Kilometern. Dort verschwindet praktisch jede flache Passage. Die Straße steigt beinahe ununterbrochen mit zehn bis zwölf Prozent an.
Genau darin unterscheidet sich der neue Vogesen-Riese von Alpe d’Huez. Bei der berühmten Auffahrt mit ihren 21 Kehren liegt der härteste Abschnitt direkt am Fuß. Wer die ersten zwei bis drei Kilometer übersteht, kann anschließend zumindest versuchen, bei ungefähr acht Prozent einen Rhythmus zu finden.
Am Col du Haag bleibt dieser Moment aus. Wer hier einmal über sein Limit geht, bekommt kaum eine Gelegenheit, sich wieder zu fangen.
Florian Lipowitz Tour de France 2026 stage 6
Eine alte Forststraße wird zur Tour-Bühne
Auch die Entstehung dieser Auffahrt macht ihre Premiere besonders. Die Strecke führte lange über eine heruntergekommene Forststraße, die inzwischen erneuert und als Radverbindung ausgebaut wurde. Nun wird sie erstmals von den besten Profis der Welt befahren.
Die Straße zieht sich durch die dichten Wälder der Vogesen. Breite Serpentinen, in denen ein Fahrer kurz Schwung holen könnte, gibt es kaum. Stattdessen dominieren lange, direkte Passagen. Der Blick nach vorne kann dabei beinahe ebenso schmerzhaft sein wie die Steigung selbst: Die Fahrer sehen die Rampe, wissen genau, was kommt, und können ihr trotzdem nicht ausweichen.
Das macht den Col du Haag zu einem Anstieg für explosive Kletterer – aber auch zu einer taktischen Falle. Ein zu früher Angriff kann tödlich sein. Wer jedoch zu lange wartet, riskiert, dass ihm auf den steilsten Passagen die Straße ausgeht.
Deutsche Hoffnungen unter maximalem Druck
Für
Florian Lipowitz und die deutschen Radsportfans wird dieser Berg besonders interessant. Der Deutsche startet als Siebter der Gesamtwertung in die Etappe und liegt 4:44 Minuten hinter dem Gelben Trikot. Sein Red-Bull-Teamkollege Remco Evenepoel steht auf Rang drei, während zwischen Evenepoel, Tom Pidcock, Juan Ayuso, Paul Seixas und Lipowitz nur 38 Sekunden liegen.
Damit geht es am Col du Haag nicht nur um den Etappensieg oder den Kampf zwischen Tadej Pogačar und Jonas Vingegaard. Schon eine kurze Schwächephase kann Lipowitz mehrere Positionen kosten. Umgekehrt bietet die Steilheit auch eine große Chance: Wer noch Reserven besitzt, kann innerhalb weniger Minuten enorme Abstände herausfahren.
Red Bull muss deshalb eine schwierige Balance finden. Das Team will Evenepoels Podiumsplatz schützen, darf Lipowitz im engen Kampf um die Top Fünf aber ebenfalls nicht aus dem Blick verlieren. Gerade auf einer solch steilen Straße kann eine klare Rollenverteilung entscheidend werden.
Der Gipfel ist noch nicht das Ziel
Zusätzliche Spannung entsteht dadurch, dass die Etappe nicht auf dem Col du Haag endet. Nach der Bergwertung bleiben noch knapp sechs Kilometer bis Le Markstein. Der offizielle Streckenplan weist den Gipfel bei Kilometer 149,4 aus, das Ziel folgt nach 155,3 Kilometern.
Ein Fahrer muss deshalb nicht nur die steilen Rampen überstehen. Er braucht nach dem Gipfel noch genügend Kraft, um einen Angriff fortzusetzen oder eine entstandene Lücke zu schließen.
Zuvor warten bereits der Grand Ballon, der Col du Page und der Ballon d’Alsace. Insgesamt umfasst die 155,3 Kilometer lange Etappe rund 3.800 Höhenmeter. Der Col du Haag ist also keine isolierte Prüfung, sondern der letzte und brutalste Schlag nach einem langen Tag in den Vogesen.
Die Tour hat heute einen neuen Berg entdeckt. Vielleicht wird der Col du Haag nicht sofort den Mythos von Alpe d’Huez erreichen. Seine Premiere besitzt aber alle Zutaten für ein Spektakel: eine unbekannte Straße, zweistellige Steigungsprozente, ein enger Kampf um das Podium und deutsche Hoffnungen mittendrin.
Am Col du Haag gibt es kaum Platz zum Verstecken. Wer schwach ist, wird entlarvt. Wer stark ist, kann Geschichte schreiben.