Anders als im Vorjahr ist die Lage des
XDS Astana Team in der UCI-Rangliste nicht mehr alarmierend. Die kasachisch-chinesische Formation floriert vielmehr in ähnlicher Manier, wie sie vor zwölf Monaten auf wundersame Weise ihren WorldTour-Status rettete. Nicht mit einem Startransfer, sondern mit kalkulierter Schwerpunktsetzung und konstanter Punktausbeute bei Zielrennen wie der jüngsten Tour of Taihu Lake (2.1), gewonnen von
Matteo Malucelli.
Ende der Saison 2024 wirkte die Situation bei Astana trostlos. Zwar gelang dem Team von Alexandre Winokurow etwas Großartiges: Mark Cavendish mit dem rekordträchtigen 35. Etappensieg bei der Tour de France in die Geschichtsbücher zu fahren. Doch hatte man dafür zu viel geopfert.
Genau das nahmen damals alle an – ich eingeschlossen. In der Dreijahreswertung lagen sie fast 5.000 UCI-Punkte hinter Cofidis auf dem für die WorldTour-Lizenz entscheidenden 18. Platz und hatten nur zwölf Monate, um das Blatt zu wenden. Mit einer Mannschaft ohne klare Leitfiguren schien das unmöglich.
Auch dem Management blieb der bedenkliche Zustand des Kaders nicht verborgen. Für 2025 wurden nicht weniger als 15 Fahrer ersetzt. Dank eines neuen chinesischen Sponsors konnte sich das Team „von der Begrenzung auf 10 kasachische Fahrer befreien“, und die Gesamtqualität schoss sofort in die Höhe.
Unter den Neuzugängen erwiesen sich Mike Teunissen (846 Punkte), Clément Champoussin (957 Punkte), Diego Ulissi (972 Punkte), Aaron Gate (798 Punkte) und Matteo Malucelli (701 Punkte) als Schlüsselkräfte.
Das klingt einzeln nicht nach viel, doch jeder von ihnen hätte den besten Punktesammler Astanas 2024 übertroffen. Die Wirkung ist offensichtlich. Plötzlich rückte das zuvor übersehene Astana auf Rang 4 der Welt vor – mehr als genug für den Verbleib in der WorldTour.
Damit kommen sie nicht zweimal durch … außer …
Die Frage lautete: Jetzt, da alle ihre „Min-Max“-Punktestrategie kennen, funktioniert derselbe Trick auch künftig. Neun Monate später, im September 2026, müssen wir anerkennen, dass er weiterhin Wunder wirkt.
Lorenzo Scaroni (left) and Christian Scaroni celebrates XDS Astana's most recognizable victory of 2025 at Giro d'Italia
Mit noch einem Monat bis Saisonende
liegt XDS Astana mit 14.294 UCI-Punkten auf Rang 6 der Welt, fast 6.000 Zähler vom Abstiegsstrudel entfernt. Und ihr stärkster Saisonabschnitt hat gerade erst begonnen.
Die Meister des Asien-Kalenders
Zwar spielt sich ein Großteil des UCI-Kalenders in Europa ab, doch auch abseits des „alten Kontinents“ gibt es reichlich Punkte. XDS Astana hat das verinnerlicht.
Kompromisslos schickt das kasachische Team starke, teils beste Aufgebote zu allen relevanten Rennen in Ostasien, um UCI-Punkte zu sammeln, während viele WorldTour-Rivalen diese Wettbewerbe als „exotisch“ abtun.
Abgesehen von Meisterschaften (Asien – 750, national – 280) sammelte XDS Astana bislang 395 Punkte bei der Tour of Hainan im April, 215 Punkte bei der Tour of Magnificent Qinghai im Juli und zuletzt 259 Punkte bei der Tour of Taihu Lake in dieser Woche.
Rund um den Taihu-See scheint Matteo Malucelli zur neuen lokalen Legende zu werden. Zum zweiten Jahr in Folge holte der Italiener den Gesamtsieg, dazu zwei Etappen 2025 und drei in diesem Jahr.
Mit 32 Jahren hat Malucelli offenbar seinen Platz in der WorldTour gefunden, nachdem er in seinen ersten zehn Profijahren für acht verschiedene Teams fuhr. 2025 setzte XDS Astana gezielt auf den Italiener als Leitsprinter für genau diese Rennkategorie. Er lieferte ohne Abstriche.
Es liegt noch viel auf dem Tisch
Bis zum Saisonabschluss bleibt XDS Astana für vier weitere Aufgaben in Asien: Le Tour de Langkawi (27.09.–04.10.), Tour de Kyushu (10.10.–12.10.), Hong Kong Cyclothon (11.10.) und Tour of Guangxi (13.10.–18.10.). Überall warten Rivalen, doch die Punkteausbeute dürfte hier einfacher sein als bei vergleichbaren Rennen in Italien, Frankreich oder Belgien im selben Zeitraum.
Nicht zu vergessen: Yevgeniy Fedorov, Nicolas Winokurow und Haoyu Su dürften bei den Asian Games in Japan am kommenden Mittwoch reichlich Zähler beisteuern, dort gibt es bis zu 250 UCI-Punkte. Fedorov ist Titelverteidiger im Straßenrennen.