Anna van der Breggen musste sich bei der Zeitfahr-WM in Kigali erneut mit Silber begnügen, nachdem die Schweizerin Marlen Reusser mit einer überragenden Vorstellung das Regenbogentrikot eroberte. Für die Niederländerin, die sich mitten in ihrer Comeback-Saison befindet, war Platz zwei ein Mix aus Déjà-vu und stiller Zufriedenheit.
„Das ist meine fünfte Silbermedaille im Zeitfahren“, sagte Van der Breggen nach dem Rennen im Interview mit Cycling Pro Net. „Normalerweise würde man sagen: ‚Schon wieder Silber‘, aber ich bin wirklich glücklich mit dieser Medaille. Ich habe es überhaupt nicht erwartet. Die Hitze, die Höhe – es war kein normales Zeitfahren. Ich musste mich komplett auf mein Gefühl verlassen und vorsichtig starten. Am Ende war ich völlig leer, aber sehr glücklich mit Silber.“
Ein Kurs, der alles forderte
Der anspruchsvolle WM-Parcours in Ruanda mit seiner dünnen Höhenluft, den schwülen Bedingungen und den langen, schnellen Abfahrten stellte die Fahrerinnen vor eine außergewöhnliche Prüfung. In Sekundenbruchteilen mussten sie entscheiden, wie sie ihre Kräfte einteilen: bergab Druck machen oder bewusst regenerieren – ein ständiges Abwägen, das höchste Konzentration verlangte.
„Ich mag es immer, wenn es ein bisschen anders ist“, erklärte Van der Breggen. „Man muss sich anpassen, auch wenn es ungewohnt ist. Ich bin das Risiko eingegangen, konservativ zu starten – und am Ende war das die richtige Entscheidung. Es war ein ganz besonderes Zeitfahren: extrem hart, aber genau deshalb fühlt sich diese Medaille so schön an.“
Anerkennung für Reusser – und Stolz auf die eigene Leistung
Mit ihrem Triumph krönte sich Marlen Reusser endlich zur Weltmeisterin im Zeitfahren – ein Titel, der ihr in den vergangenen Jahren mehrfach entgangen war. Van der Breggen, die in dieser Disziplin bereits selbst das Regenbogentrikot getragen hat, zollte der Siegerin Respekt:
„Heute war es wirklich hart. Das konnte man allen Fahrerinnen ansehen. Deshalb bin ich sehr stolz auf diese Medaille.“
Van der Breggens WM-Bilanz im Einzelzeitfahren bleibt beeindruckend: fünf Silbermedaillen und als Krönung der Weltmeistertitel von Imola 2020, als sie endlich ganz oben auf dem Podium stand. Für die 35-Jährige mag Silber erneut wie ihr Schicksal wirken – doch im Kontext eines Comeback-Jahres und auf einem einzigartig anspruchsvollen Kurs ist es alles andere als eine Enttäuschung.
Pascal MichielsSEO-Manager, Sportjournalist und Editor-in-chief
In meiner Nachbarschaft wuchs man mit der Tour de France auf. Sie war überall – es waren die letzten großen Jahre von Eddy Merckx. Wir waren Kinder, trugen Trikots und spielten die gesamte Rundfahrt nach. Zwei Brücken wurden zu unseren „Bergen“, und wir rasten über Straßen, als Autos noch nicht den Ton angaben. Mit 13 Jahren war mein Herz endgültig dem Radsport verfallen. In einem Urlaub in Frankreich durfte ich nach langem Drängen eine echte Bergetappe fahren – mit meinem Fahrrad von zu Hause, drei Gängen, Licht, dicken Reifen und Schutzblechen.
Ich brach früh auf, fuhr den Col de Joux Plane und anschließend Morzine-Avoriaz. Proviant: eine Tüte Kirschen, kein Wasser, keine Erfahrung. Von Les Gets aus wurde es trotzdem der glücklichste Tag meines Lebens. Als ich die Häuser auf halber Höhe des Joux Plane erreichte, wusste ich, dass ich nicht aufhören würde zu treten. Oben angekommen trank ich an einem Baumstamm – und spürte eine Freude, die ich bis heute mit dem Radsport verbinde. Im Tal stand die Entscheidung an: zurück oder weiter nach Avoriaz. Ich fuhr weiter, ohne anzuhalten, und schaffte auch den zweiten Anstieg. Mit meinem knallroten, eigentlich lächerlichen Rad überholte ich Fahrer auf echten Rennrädern. Wieder dieses Glück.
Dieses unverfälschte Gefühl begleitet mich bis heute – und es ist der Ursprung meiner Arbeit. Ich bin Chefredakteur von Radsportaktuell.de und verantworte die redaktionelle Ausrichtung der Plattform: Themenpriorisierung, Qualitätsstandards, Faktenprüfung und die konsequente Aktualisierung von Inhalten, sobald neue, verifizierte Informationen vorliegen. Neben der Leitung der Redaktion schreibe und editiere ich selbst und lege besonderen Wert auf klare Einordnung, präzise Sprache und nachvollziehbare Analysen.
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