„Angstkultur“ bei Picnic PostNL? Renommierte Sportwissenschaftlerin soll schwere Vorwürfe unabhängig untersuchen

Radsport
durch Nic Gayer
Team Picnic PostNL
Nach den schwerwiegenden Vorwürfen über eine mutmaßliche „Angstkultur“ bei Team Picnic PostNL zieht die niederländische WorldTour-Mannschaft weitere Konsequenzen. Eine renommierte Sportwissenschaftlerin wurde damit beauftragt, die internen Strukturen und den Umgang mit Fahrerinnen, Fahrern und Mitarbeitenden unabhängig zu untersuchen. Die Expertin hatte bereits in früheren Forschungsarbeiten erhebliche Probleme beim Wohlbefinden von Athleten sowie schädliche Verhaltensweisen im Spitzensport aufgedeckt.
Die Untersuchung übernimmt Professorin Marjan Olfers, die an der Vrije Universiteit Amsterdam auf Sport und Recht spezialisiert ist. Sie wird das Verfahren über die Forschungsorganisation Verinorm leiten. Damit setzt Picnic PostNL auf eine Wissenschaftlerin, die sich bereits intensiv mit Machtverhältnissen, Leistungsdruck und problematischen Strukturen im Hochleistungssport beschäftigt hat.

„Wir werden so gründlich und schnell wie möglich vorgehen“

Die Ernennung von Olfers erfolgt knapp zwei Wochen nach einer aufsehenerregenden Recherche von NOS Sport und der Radsportplattform In De Waaier. Die Veröffentlichungen hatten Mitte Oktober eine breite Diskussion über den Umgang mit Fahrern und Mitarbeitenden innerhalb der niederländischen Mannschaft ausgelöst. Picnic PostNL kündigte daraufhin an, die eigene Teamkultur unabhängig überprüfen zu lassen.
„Medienberichte deuten auf eine Angstkultur hin. Das werden wir wissenschaftlich untersuchen“, erklärte Olfers gegenüber NOS. „Wir werden dabei so gründlich und schnell wie möglich vorgehen.“

Marjan Olfers: Erfahrung mit Missständen und Leistungsdruck im Spitzensport

Dass ausgerechnet Olfers mit der Untersuchung beauftragt wurde, ist angesichts ihrer bisherigen Forschungsarbeit von besonderer Bedeutung. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Anton van Wijk veröffentlichte sie im Juni 2025 die umfassende Studie Vlammende ambitie („Brennender Ehrgeiz“). Darin untersuchten die Forschenden die Kultur des niederländischen Spitzensports und die Belastungen, denen Athletinnen und Athleten im Hochleistungsbereich ausgesetzt sind.
Die von Verinorm durchgeführte Untersuchung beruhte auf einer außergewöhnlich breiten Datengrundlage. Insgesamt wurden Fragebögen von 1.257 aktiven Spitzensportlerinnen und Spitzensportlern, 220 Trainerinnen und Trainern sowie 100 ehemaligen Spitzenathletinnen und Spitzenathleten ausgewertet. Ergänzend führten die Forschenden 470 Interviews. An der Studie beteiligten sich 26 Sportverbände, die insgesamt 63 unterschiedliche Disziplinen repräsentierten.
Im Mittelpunkt standen sowohl positive als auch negative Aspekte des Spitzensports. Untersucht wurden unter anderem die Beziehungen zwischen Trainern und Athleten, das persönliche Wohlbefinden, der zunehmende Leistungsdruck sowie schädliche Verhaltensweisen innerhalb sportlicher Organisationen. Besonders alarmierend waren die Erkenntnisse zu psychischer und körperlicher Misshandlung. Rund ein Viertel der befragten aktiven Spitzensportlerinnen und Spitzensportler gab an, im Jahr 2024 körperliche, psychische oder verbale Gewalt erlebt zu haben.
Die Wissenschaftler forderten daraufhin einen stärkeren Schutz der Athletinnen und Athleten sowie mehr Aufmerksamkeit für deren körperliches und psychisches Wohlbefinden. Ziel müsse es sein, sicherere Bedingungen im Spitzensport zu schaffen. Die Ergebnisse wurden auch Vertreterinnen und Vertretern der niederländischen Regierung sowie nationaler Sportbehörden vorgestellt.
Nun richtet Olfers ihre wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf Picnic PostNL. Auch bei dieser Untersuchung sollen Interviews und Fragebögen zum Einsatz kommen, um ein möglichst umfassendes Bild der internen Teamkultur zu gewinnen. Wann die Untersuchung abgeschlossen sein soll und zu welchem Zeitpunkt ihre Ergebnisse veröffentlicht werden könnten, ist bislang nicht bekannt.

71 Aussagen erschüttern Picnic PostNL: Ehemalige Fahrer berichten über ihre Erfahrungen

Auslöser der unabhängigen Prüfung sind die Enthüllungen, die NOS Sport und In De Waaier am 15. Oktober veröffentlichten. Die gemeinsame Recherche stützte sich auf Gespräche mit insgesamt 71 aktuellen und ehemaligen Fahrerinnen, Fahrern und Mitarbeitenden der niederländischen Mannschaft. Im Zentrum standen Vorwürfe über ein von Angst und Misstrauen geprägtes Arbeitsumfeld.
Zu den Personen, die ihre Erfahrungen öffentlich schilderten, gehörten der ehemalige Radprofi Martijn Tusveld und der frühere Trainer Adriaan Helmantel. Beide beschrieben Strukturen, in denen es negative Konsequenzen haben konnte, Entscheidungen der Teamführung infrage zu stellen. Später meldete sich auch Nicolas Roche zu Wort. Der frühere Profi kritisierte insbesondere die aus seiner Sicht starre Herangehensweise an Training und Renngestaltung und erklärte, die Verantwortlichen seien für den Radsport ungeeignet gewesen.
Innerhalb der aktuellen Organisation werden die Anschuldigungen allerdings unterschiedlich bewertet. Roy Curvers, der 2027 die Position des Sportchefs von Rudi Kemna übernehmen soll, widersprach der Darstellung, dass innerhalb der Mannschaft grundsätzlich eine Angstkultur herrsche. Während seiner 18 Jahre im Team habe er selbst ein solches Umfeld nicht erlebt.
Gleichzeitig betonte Curvers, dass die Erfahrungen anderer ernst genommen werden müssten und eine externe Überprüfung sinnvoll sei. „Wir müssen sicherstellen, dass niemand das Gefühl hat, hier herrsche eine Angstkultur“, erklärte er gegenüber WielerFlits. „Wir müssen außerdem offen dafür sein, externe Parteien gemeinsam mit uns darauf schauen zu lassen. Gleichzeitig müssen wir uns selbstkritisch fragen, was wir besser machen können.“

Team und Sponsoren erwarten Aufklärung – mögliche Konsequenzen noch offen

Picnic PostNL hatte bereits nach der Veröffentlichung der ursprünglichen Recherche erklärt, sich in dem dort gezeichneten Gesamtbild nicht wiederzuerkennen. Zugleich stellte die Mannschaft klar, dass die Erfahrungen ehemaliger Fahrer und Mitarbeitender nicht ignoriert werden dürften und eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Vorwürfen notwendig sei.
In ihrer offiziellen Stellungnahme vom 15. Oktober kündigte die Teamführung deshalb an, untersuchen zu lassen, wie die Unternehmenskultur tatsächlich im Alltag wahrgenommen wird. Dabei soll insbesondere überprüft werden, ob die Erfahrungen der Betroffenen mit dem Umfeld übereinstimmen, das die Verantwortlichen nach eigener Einschätzung geschaffen haben. Die Mannschaft sicherte außerdem zu, notwendige Verbesserungen umzusetzen, sofern die unabhängige Untersuchung entsprechenden Handlungsbedarf aufzeigt.
Auch die beiden Hauptsponsoren Picnic und PostNL haben sich inzwischen zu den Anschuldigungen geäußert. Beide Unternehmen bezeichneten die Vorwürfe als schwerwiegend und machten deutlich, dass sie eine umfassende und gründliche Aufklärung erwarten.
Mit der Beauftragung von Marjan Olfers nimmt die angekündigte Untersuchung nun konkrete Formen an. Welche Bereiche der Teamorganisation im Einzelnen überprüft werden, wann die Ergebnisse vorliegen und welche personellen oder strukturellen Konsequenzen daraus entstehen könnten, ist derzeit noch offen. Fest steht lediglich, dass die Vorwürfe gegen Picnic PostNL nun Gegenstand einer unabhängigen wissenschaftlichen Prüfung werden.
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