ANALYSE: Der neue Visma-Neuzugang, für den Wout van Aerts Winter-Aus sich als Glück im Unglück erweisen könnte

Radsport
Samstag, 03 Januar 2026 um 20:00
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Die Straßensaison 2026 steht in den Startlöchern, der Tour Down Under eröffnet den Kalender am 20.01. Doch noch vor dem ersten Rennkilometer trifft Team Visma | Lease a Bike ein Einschnitt, der die Frühphase prägen könnte: Wout van Aerts Knöchelbruch, erlitten in der Cross-Saison und operationspflichtig.
Die Verletzung des Belgiers beendet abrupt einen Winter, der groß im Schlamm geplant war. Er verpasst den Rest der Cross-Saison 2025/26, und seine Verfügbarkeit für die ersten Straßenrennen ist ungewiss.
Sein Frühjahrsprogramm ist noch nicht veröffentlicht, doch über seinen Start bei den ersten Klassikern des Jahres liegen nun Fragezeichen.
Diese Lücke könnte groß sein. Van Aert ist ein zentraler Pfeiler von Vismas Frühlingszielen, besonders bei den Monumenten. Und doch eröffnet sich in diesem Rückschlag womöglich auch eine unerwartete Chance.

Ein Fenster für Louis Barre

Zu Vismas Winterzugängen zählt Louis Barre, der nach seinem Abschied von Intermarché – Wanty mit einem Dreijahresvertrag kam. Seine Verpflichtung zielte klar auf die Klassiker, ähnlich wie die von Timo Kielich. Zunächst allerdings sollte vor allem Kielich die tragende Rolle übernehmen.
Wie Grischa Niermann jüngst erklärte, galt es für Visma, die Vielseitigkeit zu ersetzen, die mit dem Abgang von Tiesj Benoot verloren ging – insbesondere in Klassikern und Grand Tours. Kielich wurde in diesem Sinne als unterschätzter Fahrer gesehen, der das Team schon vor TV-Bildern überzeugt hatte.
Doch mit einem wahrscheinlichen Ausfall Van Aerts zumindest für die ersten Klassiker, es sei denn, die Genesung verläuft rasant, rückt Vismas Breite in den Fokus. Kielich allein könnte nicht reichen. Hier könnte Barres Rolle deutlich früher wachsen als geplant.
Louis Barre auf dem Podium der Tour de Romandie
Barre steht nach seinem Wechsel zu Team Visma | Lease a Bike vor einem Durchbruchsjahr

Ein noch ungeschliffenes Klassikerprofil

Mit 25 hat Barre bereits drei vollständige WorldTour-Saisons absolviert. Ein Profisieg fehlt noch, doch seine Resultate 2025 unterstreichen, warum Visma in sein Potenzial investieren wollte.
Innerhalb einer Saison fuhr er zahlreiche Top-Ten-Platzierungen in unterschiedlichen Eintagesrennen und Etappenfinals ein, darunter Paris–Camembert, Amstel Gold Race, Criterium du Dauphiné, GP de Montréal, Classic Var, Trofeo Laigueglia, die Tour de Romandie, GP Industria & Artigianato, die französische Straßenmeisterschaft und den Giro degli Appennini.
Zusammengenommen sprechen diese Ergebnisse für Konstanz und Vielseitigkeit statt eines großen Ausreißers. Für Visma lautet die Aufgabe nun Feinschliff. Umgeben von einer der stärksten Strukturen im Peloton, bleibt Barres Leistungsgrenze offen.

Die Monument-Frage

Van Aert zu ersetzen, ist jedoch nicht trivial. Sein Frühling kreist um zwei Fixpunkte: die Ronde van Vlaanderen und Paris–Roubaix. Beide Monumente sind zentral für Vismas Identität, beide hat Van Aert wiederholt zum Sieg anvisiert.
Barre ist bei beiden Rennen noch nie gestartet. Seine Monument-Erfahrung beschränkt sich bislang auf Lüttich–Bastogne–Lüttich, das er dreimal fuhr, und Il Lombardia, das er zweimal bestritt. Milano–Sanremo hat er ebenfalls noch nicht bestritten.
Fehlt Van Aert in Flandern und Roubaix, sinken Vismas Siegchancen dort zwangsläufig. In diesem Szenario wäre Barres unmittelbare Aufgabe nicht Führung, sondern Lernen. Erfahrung in den Frühjahresklassikern würde zur Investition statt zur kurzfristigen Lösung.

Warum das Frühjahr 2026 zählt

Mittel- bis langfristig ist die Logik klar. Barres Programm sollte die Frühjahrsklassiker priorisieren – nicht als Van-Aert-Ersatz, sondern als Vorbereitung auf die Rolle, die Visma ihm perspektivisch zutraut.
Sein bisher bestes Profiresultat bleibt Rang drei bei Paris–Camembert 2025, als er mit Paul Seixas und Sieger Lander Loockx auf dem Podium stand. Kein Durchbruch in Isolation, aber ein weiterer Beleg für seine wiederholte Nähe zur Spitze.
Ob 2026 zum Jahr des entscheidenden Schritts für Louis Barre wird, hängt womöglich weniger von Resultaten als von Chancen ab. Ohne Van Aert könnte Visma einen Prozess beschleunigen müssen, der eigentlich auf Zeit angelegt war.
Dann könnte eine der disruptivsten Verletzungen des Pelotons zugleich der Moment sein, in dem ein neuer Klassikeranwärter Konturen annimmt.
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