„Wenn Enric Mas heute gewinnt, glaube ich, dass er die Vuelta gewinnt“ – Bruyneel legt sich fest

Radsport
Donnerstag, 03 September 2026 um 11:45
Enric Mas on stage 10 of the 2026 Vuelta a Espana
Matthew Brennan hat das Peloton auf der 11. Etappe der Vuelta a España 2026 erneut verblüfft. Der 21-jährige Brite feierte bei seinem Grand-Tour-Debüt bereits den dritten Sieg und bestätigte, dass seine Sprintdominanz bei diesem Rennen alles andere als Zufall ist.
So sahen es auch Johan Bruyneel und Spencer Martin im Podcast The Move, wo sie sowohl die Überlegenheit von Team Visma | Lease a Bike im Finale als auch Brennans außergewöhnliches Potenzial hervorhoben. Zudem erklärten sie Enric Mas, den Kapitän des Movistar Team, zum Favoriten auf den Gesamtsieg und auf Etappe 12.
Der Sieg folgte auf eine weitere Lehrbuchvorstellung der niederländischen Equipe in den Schlusskilometern. Christophe Laporte und Wout van Aert lieferten Brennan einen makellosen Anfahrer, der mit so hoher Geschwindigkeit in den letzten Kilometer schoss, dass die Rivalen nicht einmal aus seinem Windschatten kamen. „Das war eine Sprint-Klinik von Visma. Ein perfekter Lead-out von Christophe Laporte und Wout van Aert. Niemand hatte eine Chance“, sagte Martin.
Bruyneel rückte derweil die Kollektivleistung in den Fokus. Der Belgier kürte Visma zu seinem „Move des Tages“ und unterstrich die Fähigkeit des Teams, ruhig zu bleiben, als es schien, sie seien zu früh in den Wind gegangen. „Sie kontrollierten mit Cofidis und hatten am Ende immer noch starke Zahlen. Laporte und Van Aert warteten bis zum allerletzten Moment“, so Bruyneel.
Van Aerts Rolle war erneut entscheidend. Der Belgier neutralisierte die Moves am letzten Anstieg und fuhr dann eine gewaltige Führung, um Brennan ideal zu positionieren. Martin zog sogar Parallelen zu dessen Arbeit beim Giro d’Italia 2025 für Olav Kooij. „Van Aert übernimmt Aufgaben, für die in einem Anfahrer-Zug normalerweise zwei oder drei Fahrer nötig sind. Das ist beeindruckend“, sagte Martin.

„22 Siege mit 21 ist verrückt“

Brennan stand im Zentrum der Analyse. Mit seinem Erfolg auf Etappe 11 kommt der Visma-Fahrer bei seiner ersten Grand Tour bereits auf drei Siege. Bruyneel legte zudem eine markante Zahl auf den Tisch, um das Ausmaß des britischen Durchbruchs zu verdeutlichen.
Brennan hat mit erst 21 Jahren bereits 22 Siege. Zum Vergleich: Tadej Pogacar hatte in diesem Alter acht, Eddy Merckx fünf. „Matthew Brennan hat 22 Siege. Natürlich vergleichen wir sie nicht direkt, weil sie unterschiedliche Fahrertypen sind, aber 22 Siege mit 21 ist verrückt“, sagte Bruyneel.
Martin ging noch weiter und witzelte, der Radsport begreife noch nicht, was da auf ihn zukommt. „Ich fühle mich wie ein Wissenschaftler in einem Sci-Fi-Film, der einen Meteor entdeckt, der die Erde zerstören wird. Ihr versteht nicht, was kommt, Radsport. Dieser Junge wird dominieren“, sagte er.
Beide waren sich jedoch einig, dass Brennan kein reiner Sprinter ist. Seine Fähigkeit, explosive, leicht ansteigende Finals zu gewinnen, lässt ihn in anderen Szenarien glänzen als die Vollgas-Spezialisten für Flachsprints.
Matthew Brennan bei der Vuelta a España 2026
Brennan steht bei der Vuelta a España 2026 bereits bei drei Siegen

Visma findet das perfekte Szenario

Bruyneel glaubt, dass er in einem schnurgeraden, hochgeschwindigen Flachsprint noch nicht auf dem Niveau von Jasper Philipsen, Tim Merlier oder Jonathan Milan ist, ließ aber die Tür offen, dass Brennan diese Lücke schließen könnte. „Im Moment ist er kein reiner Sprinter“, sagte er.
Seine eigentliche Spitze könnte laut Bruyneel in den Klassikern liegen. Verbessert er seine Ausdauer, könnte der Brite zu einem Anwärter für Rennen wie die Flandern-Rundfahrt werden, zumal er nicht zwingend solo ankommen müsste, um zu gewinnen. „Er ist der Fahrertyp für kurze, brutale, explosive Einsätze. Wenn er mehr Ausdauer gewinnt, fährt er ganz vorne mit“, merkte er an.
Ein weiterer Faktor hinter Brennans Dominanz bei dieser Vuelta ist laut Bruyneel das Niveau der Sprinter und Anfahrer-Züge im Rennen.
Der Belgier argumentiert, dass die spanische Grand Tour weit entfernt ist von der Geschwindigkeit und Positionsschlacht der Tour de France oder des Giro d’Italia. Das Fehlen großer Sprintzüge erlaubt es Visma, seine Überlegenheit deutlich leichter durchzusetzen.
„Bei dieser Vuelta gibt es keine echten Sprinter oder Züge. Das Niveau der Sprinter und vor allem der Anfahrer-Züge ist meilenweit von der Tour de France entfernt“, sagte er.
Das macht Visma in Finals, die Brennan liegen, nahezu unkontrollierbar. Laporte und Van Aert können zudem eine Last schultern, für die sonst mehrere Fahrer nötig wären. Das Fazit ist klar: Solange Brennan gut geschützt in die letzten Meter kommt, bleiben den Rivalen kaum Optionen.

Enric Mas, Bruyneels Topfavorit

Neben Brennans Sieg nahmen Bruyneel und Martin auch das Gesamtklassement nach Etappe 11 unter die Lupe.
Auffällig war die Verbesserung von Movistar um Enric Mas. Nachdem der Leader auf der vorherigen Etappe phasenweise recht isoliert war, zeigte sich das spanische Team in den Windkanten deutlich präsenter und hielt konstant mehrere Fahrer an seiner Seite. Doch ein Statement von Mas überraschte Bruyneel besonders.
Auf die Frage, wer nach Tadej Pogacars Aufgabe nun der Topfavorit auf den Vuelta-Sieg sei, antwortete der Spanier ohne Zögern: „Ich bin der Favorit.“ Für Bruyneel ist diese Antwort ein klares Zeichen für das Selbstvertrauen, mit dem Mas dieses Rennen angeht.
Zudem sagte der Belgier, er habe von Personen aus dem Umfeld des Fahrers gehört, Mas sei „so gut wie nie“ in seiner Karriere. Ein Eindruck, der sich seiner Ansicht nach auch auf dem Rad zeigt. „Wenn Enric Mas sagt, er sei der Favorit, dann strotzt er vor Selbstvertrauen. Er muss sich wirklich stark fühlen“, merkte er an. Martin stimmte zu, dass Mas ein Niveau zeigt, das bis vor Kurzem kaum vorstellbar schien. „Vielleicht haben wir bei Enric Mas etwas freigeschaltet“, meinte er.
Enric Mas, Fahrer des Movistar Team
Enric Mas, Vuelta-Leader

Bruyneel setzt für Etappe 12 auf Mas

Etappe 12 wird nun zum besonders wichtigen Test für das Gesamtklassement. Sie führt über 167 Kilometer mit rund 4.500 Höhenmetern, fünf kategorisierten Anstiegen und einem besonders anspruchsvollen Schlussanstieg.
Der letzte Anstieg misst 17 Kilometer bei 5,6 % im Schnitt, wobei die ersten 6,5 Kilometer im Mittel um 9 % pendeln. Die Auffahrt führt das Peloton zudem auf fast 2.200 Meter über dem Meeresspiegel.
Bruyneel glaubt, dass die Ausreißer wenig Chancen auf den Tagessieg haben, und rechnet mit einem direkten Schlagabtausch der Klassementfahrer. „Ich denke, es wird eine GC-Etappe, und ich tippe darauf, dass Enric Mas morgen in Rot gewinnt“, sagte er.
Martin hält dagegen an Oscar Onley fest, räumt aber ein, dass die Stärke von Mas das Rennen zunehmend prägt. „Wenn Enric Mas morgen gewinnt, gewinnt er die Vuelta“, betonte Martin.
Bruyneel glaubt zudem, dass die entscheidende Attacke auf einem speziellen Abschnitt des Schlussanstiegs kommen könnte, bei einem Kilometer mit rund 9,5 % etwa zwei Kilometer vor dem Ziel. „Dort lässt Enric Mas alle stehen“, mutmaßte er.
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