Gregor Mühlberger sitzt zwei Wochen nach dem Ende des
Giro d'Italia entspannt im
Podcast-Studio von Cycling Magazine und lässt einen Monat Revue passieren, der seine Karriere in vielerlei Hinsicht spiegelt. Der Österreicher hat bei der italienischen Rundfahrt nicht nur seinem Landsmann
Felix Gall zum zweiten Gesamtrang verholfen, sondern landete dabei selbst überraschend in den Top 15 der Gesamtwertung. Im Gespräch erzählt er von der Schwerstarbeit hinter dem Erfolg, von Rückschlägen, die ihn fast die Karriere gekostet hätten, und davon, wie sehr sich der Radsport in den vergangenen Jahren verändert hat.
Mühlberger lässt keinen Zweifel daran, dass der zweite Platz von Gall für ihn der Moment bleiben wird, an den er sich am längsten erinnern wird. „Es ist definitiv der zweite Platz von Felix", sagt er rückblickend. Besonders die schweren Bergetappen, etwa die 19. Etappe, hätten sich eingebrannt. Dass dabei nahezu alles nach Plan verlief, das Team weitgehend gesund durch die drei Wochen kam und die Stimmung von Anfang bis Ende stimmte, macht ihn nach eigenen Worten besonders stolz.
Die Rolle des Helfers als Berufung
Anders als viele glauben, war Mühlberger in seiner Nachwuchszeit keineswegs der geborene Edelhelfer. Bei Tirol Cycling Team, bei Felbermayr-Simplon Wels und schließlich bei Bora-hansgrohe galt er lange als Siegfahrer mit eigenen Ambitionen. Bei der Tour de l'Avenir wurde er einst Etappenzweiter hinter Guillaume Martin, vor Namen wie Sergio Higuita oder Dani Martinez – Fahrer, die heute in der WorldTour ganz oben mitfahren.
Gregor Mühlberger verhalf seinem Landsmann Felix Gall zum zweiten Gesamtrang bei der Giro d'Italia
Dass aus dem ambitionierten jungen Kletterer später einer der verlässlichsten Helfer des Pelotons wurde, erklärt er mit seiner eigenen Persönlichkeit: „Ich bin da mehr der Typ, der akzeptiert das. Er sagt, okay, ich gebe mein Bestes, ich probiere alles." Den Ellbogen-Kampf um den Sieg habe er sich zwar oft vorgenommen, aber selten tatsächlich durchgezogen.
Genau diese Gelassenheit, kombiniert mit außergewöhnlicher Bergform, machte ihn beim Giro zum perfekten Begleiter für Gall. Mühlberger hielt seinen Kapitän bei Seitenwind aus dem Wind, organisierte Trinkflaschen und sorgte mit seiner mentalen Präsenz dafür, dass Gall sich auch in heiklen Abfahrten sicher fühlte. „Ich denke, dass sehr viel mental ist", beschreibt er seinen Beitrag. Sein Fazit zur eigenen Karriereplanung ist eindeutig: „Wenn du einen Leader hast, der aufs Giro-Podium fahren kann, das löst in mir noch mehr aus. Das steht für mich einfach drüber."
Bei Bora-hansgrohe, wo Mühlberger 2016 Profi wurde, sammelte er fünf Jahre Erfahrung, bevor er 2021 zu Movistar nach Spanien wechselte – ein Schritt, der ihm zunächst schwerfiel, wie er offen einräumt. Die Sprachbarriere im spanischsprachigen Team, eine schwere Gehirnhautentzündung kurz nach dem Wechsel und der radikale Umbruch des Radsports während der Corona-Zeit brachten ihn an seine Grenzen. „Da ist mir bewusst geworden, das könnte es gewesen sein", erinnert er sich an die Phase, in der er ernsthaft an seiner Zukunft als Profi zweifelte. Während andere Teams ihre Athleten zur selben Zeit auf ein völlig neues Ernährungs- und Trainingsniveau hoben, verpasste Mühlberger diesen Sprung schlicht aus gesundheitlichen Gründen.
Ein Sport im Wandel
Heute, mit 32 Jahren und über sieben Jahren Profikarriere, blickt er mit Dankbarkeit zurück. Den Wandel des Sports beobachtet er differenziert: Junge Fahrer würden heute mit 19 oder 20 Jahren bereits hundertprozentig professionell leben, jedes Gramm Essen wiegen und jede Trainingseinheit exakt tracken. Er selbst habe stets eine gewisse Lockerheit gebraucht, um mental durchzuhalten. Wie junge Profis künftig mit den ersten großen Rückschlägen umgehen werden, wenn sie ihr gesamtes Leben bereits in jungen Jahren auf Höchstleistung ausgerichtet haben, bleibt für ihn eine offene und durchaus besorgte Frage – stark abhängig vom Umfeld und der Unterstützung durch das jeweilige Team.
Beim Giro d'Italia hat Gregor Mühlberger erneut bewiesen, dass aus einem einst ambitionierten Siegfahrer einer der wertvollsten Edelhelfer des Pelotons geworden ist – einer, der seine eigene Stärke in den Dienst eines größeren Ziels stellt und dabei sichtlich Erfüllung findet.