Tadej Pogacar hat seinen Vertrag bei UAE Team Emirates - XRG bis 2032 verlängert. In der neuesten Ausgabe des CyclingUpToDate Podcasts analysieren Ruben Silva und Gavin Quinn die überraschend langfristige Vertragsverlängerung des Weltmeisters. Darüber hinaus beschäftigen sie sich mit der Teamdynamik rund um Tim Wellens, der auf einen Start bei den Weltmeisterschaften verzichtet, um seinen Verpflichtungen für UAE nachzukommen.
Die Verlängerung mit Pogacar soll Berichten zufolge bereits vor dem Start der Vuelta a España vereinbart worden sein und wurde in der vergangenen Woche offiziell bestätigt. Gleichzeitig steht fest, dass der Slowene in dieser Saison keine Rennen mehr bestreiten wird. Für Gavin Quinn kam die Entscheidung, Pogacar erst im kommenden Jahr wieder ins Renngeschehen einsteigen zu lassen, nicht überraschend.
Pogacar beendet seine Saison vorzeitig
„Wir konnten uns schlicht kein Szenario vorstellen, in dem er bei den Weltmeisterschaften oder kurz danach schon wieder startet. Es wirkt zunächst wie die richtige Entscheidung für den Fahrer: Erholung, mentale Frische und nicht direkt wieder voll einsteigen und hart trainieren.“
Quinn sieht in der Pause nicht nur einen Vorteil für Pogacar selbst, sondern auch für dessen Konkurrenten und damit für den Radsport insgesamt.
„Nach einem großen Rückschlag ist das der richtige Schritt für den Fahrer – und kann auch dem Radsport guttun. Es verändert die Dynamik von vier, fünf großen Rennen im restlichen Jahr, wie wir bei der Vuelta gesehen haben. Es öffnet Chancen für viele andere Fahrer.“
Der Kapitän von UAE Team Emirates - XRG befand sich bei der Vuelta a España auf Siegkurs. Durch sein Ausscheiden entwickelte sich jedoch ein offener Dreikampf zwischen Enric Mas, Felix Gall und Primoz Roglic um den Gesamtsieg. Noch bis zur 8. Etappe hatte es den Anschein, als sei das Rote Trikot für Pogacars Konkurrenz außer Reichweite.
Die Vertragsverlängerung bis 2032 wirft derweil Fragen auf. Pogacars bisheriges Arbeitspapier war ohnehin noch bis 2030 gültig – für Ruben Silva ist deshalb vor allem interessant, was sich mit dem neuen Vertrag tatsächlich verändert hat.
„Wir haben Pogacar, wenn ich mich nicht irre, zwei zusätzliche Jahre. Sein vorheriger Vertrag lief bis 2030. Da fragt man sich schon, was an diesem neuen Vertrag anders ist“, wunderte sich Silva. „Bei noch vier verbleibenden Vertragsjahren, also vier vollen Saisons, fragt man sich, warum er schon wieder verlängert.“
Silva vermutet, dass die entscheidenden Veränderungen in den Vertragsdetails liegen könnten. Gleichzeitig verweist er auf ein besonderes Ereignis im letzten Jahr der neuen Vereinbarung.
„Es stecken sicher andere Bedingungen drin. Besonders interessant finde ich, dass 2032 ein Olympiajahr ist. Ich erinnere mich nicht mal genau, wo (Brisbane, Australien, Anm.), weil es so weit weg ist – 2028 ist Los Angeles, dann kommt in vier Jahren wieder ein Olympisches Straßenrennen. Vielleicht dachte er auch deshalb an 2032.“
Beide sind sich einig, dass die tatsächlichen Beweggründe für die vorzeitige Verlängerung wohl in Vertragsdetails zu finden sind, die nicht öffentlich bekannt sind. Silva sieht zudem eine weitere Herausforderung: Pogacar befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere und hat bereits nahezu alles gewonnen, was im Radsport zu gewinnen ist. Entsprechend schwierig könnte es werden, über einen derart langen Zeitraum die Motivation auf höchstem Niveau aufrechtzuerhalten.
„Das ist für mich schwer zu greifen, weil man an den aktuellen Pogacar denkt und sich fragt: Wohin soll es noch gehen? Was kann ihn in sechs Jahren noch wirklich reizen?“
Pogacar ist erst 27 Jahre alt und hat dennoch bereits den Rekord für die meisten Tour-de-France-Siege eingestellt. Hinzu kommen zwei Weltmeistertitel, Triumphe bei vier der fünf Monumente sowie insgesamt 130 Profisiege. Selbst nach dem ersten großen Rückschlag seiner außergewöhnlichen modernen Radsportkarriere hatte der Slowene noch vier komplette Saisons Vertrag. Durch die neue Vereinbarung ist seine Zukunft nun für sechs weitere Jahre geregelt.
Silva bezweifelt allerdings, dass die Laufzeit des Vertrags tatsächlich darüber entscheidet, wie lange Pogacar seine Karriere fortsetzen wird. Der Slowene besitzt bei UAE Team Emirates - XRG eine außergewöhnlich starke Position.
„Bei Taktik, bei der Teamzusammenstellung und so weiter hat Pogacar ein gewichtiges Wort. Vielleicht sogar das größte im gesamten Team – mehr als jeder andere Fahrer im Peloton in seiner Mannschaft.“
Sollte Pogacar sich dazu entscheiden, seine Karriere vor dem offiziellen Vertragsende zu beenden, dürfte ihm nach Silvas Einschätzung kaum jemand Steine in den Weg legen.
„Wenn er 2029, 2030 oder 2031 aufhören will, wird ihm dabei wohl nichts im Weg stehen. In meinem Kopf ändert dieser Vertrag eigentlich nichts.“
Tim Wellens verzichtet für UAE auf die Weltmeisterschaften
Pogacars Ausfall verändert auch die Ausgangslage für das WM-Straßenrennen in Montreal grundlegend. Ohne den Slowenen dürfte der Kampf um das Regenbogentrikot taktischer geprägt sein und weniger zu einer reinen Frage der Watt pro Kilogramm auf den wiederholten Anstiegen zum Mont Royal werden. Auch Tim Wellens fehlt allerdings im belgischen Aufgebot – obwohl mit Remco Evenepoel und Wout van Aert zwei der Topfavoriten aus seinem Heimatland kommen und Wellens selbst gerade erst die Tour of Britain gewonnen hat.
Für Silva wirft das die Frage auf, ob das Management von UAE Team Emirates - XRG möglicherweise schon vor Pogacars Verletzung wenig Interesse daran hatte, Wellens bei der WM für Belgien starten zu lassen.
„Das lässt einen denken, dass es vor Pogacars Verletzung aus Sicht des Managements vielleicht schon den leichten Anreiz gab, ihn nicht zu den Weltmeisterschaften zu schicken. Denn warum solltest du deinem Rivalen helfen, Pogacar zu schlagen, wenn …“
Silva ist überzeugt, dass UAE Team Emirates - XRG großen Einfluss auf die Rennprogramme seiner Fahrer ausübt und diese im Zweifel auch von den Weltmeisterschaften fernhält, wenn ein Start nicht in die eigenen Planungen passt. Quinn kann Wellens' Verzicht dennoch nur schwer nachvollziehen.
„Ich frage mich, warum Tim Wellens nicht zur Weltmeisterschaft will, egal ob er auf eigene Rechnung fährt oder hilft“, entgegnete Quinn.
Aus Quinns Sicht ließe sich der Kalender durchaus so gestalten, dass ein WM-Start möglich wäre. Schließlich besitzt Wellens mit dem Rennen in Montreal, das er bereits 2015 gewann, ohnehin ein passendes Ziel unmittelbar vor den Titelkämpfen.
„Er wird seinen Rennkalender darum herum planen. Wahrscheinlich ist er in Montreal (wo er 2015 gewann, Anm.) noch vor den Weltmeisterschaften. Ich würde die Weltmeisterschaften fahren, selbst wenn es zur Unterstützung des größten Rivalen von Tadej Pogacar im Rennen – und bei der Tour de France – ist. Es ist ja nicht so, dass sie noch nie gemeinsam für Belgien gefahren wären.“
Nach der Tour of Britain verriet Wellens in einem Interview, dass Remco Evenepoel ihm sogar eine Nachricht geschickt hatte, um ihn doch noch von einem WM-Start zu überzeugen. Der ehemalige Meister hält jedoch an seiner Zusage fest und wird im entsprechenden Zeitraum für UAE Team Emirates - XRG antreten. Beide Rennprogramme miteinander zu verbinden, ist dadurch nicht möglich.
Gerade durch Pogacars Fehlen könnte sich diese Entscheidung als besonders bedeutend erweisen. Wellens ist ein ausgewiesener Klassikerspezialist – und in einem nun wesentlich offeneren WM-Rennen wäre auch ihm nach Silvas Einschätzung einiges zuzutrauen.
„Vor allem jetzt, ohne Pogacar, ist das Rennen plötzlich viel offener. Es ist nicht Pogacar gegen vielleicht Seixas, Evenepoel, Del Toro – wer weiß. Plötzlich gibt es 10 bis 15 Fahrer mit Siegchancen, und Wellens könnte ehrlich gesagt einer davon sein“, argumentierte Silva.
Quinn glaubt deshalb, dass Wellens seine Entscheidung rückblickend am Ende seiner Karriere womöglich bedauern könnte. Für ihn besitzt die Chance, bei einer Weltmeisterschaft ein großes Ergebnis zu erzielen, einen höheren Stellenwert als die Unterstützung seines Teams bei den verbleibenden Saisonzielen.
„Für mich fühlt sich das nicht richtig an. Wenn ich am Karriereende die Schuhe an den Nagel hänge, wären mir WM-Leistungen wichtiger als zu sagen: ‚Zum Glück habe ich UAE bei späten Saisonzielen geholfen‘ – nachdem das Team dieses Jahr bereits eine Grand Tour und mehrere Etappen bei Grand Tours gewonnen hat.“
Dass UAE Team Emirates - XRG Wellens für das eigene Rennprogramm einsetzen möchte, ist für Quinn aus Sicht des Teams durchaus nachvollziehbar. Die Motivation des Fahrers hinter dem WM-Verzicht bleibt für ihn dennoch fragwürdig.
„Ich weiß also nicht, wo die Motivation herkommt. UAE will ihn natürlich für das eigene Programm, das ist aus Teamdynamik-Sicht logisch. Aber wir nutzen WorldTour-Eintagesrennen nicht als bloße Vorbereitung – deshalb bleibt es fraglich.“
Nic Gayer ist seit 2022 im Journalismus tätig und begann seine Laufbahn als freier Redakteur im Lokaljournalismus für eine Tageszeitung. Für Radsportaktuell.de berichtet er über den professionellen Radsport und begleitet das Geschehen von der WorldTour bis zu wichtigen nationalen und internationalen Rennen. Sein Schwerpunkt liegt auf Vorberichten, Rennzusammenfassungen und Analysen, mit denen er Entwicklungen im Peloton klar einordnet.
Bei seiner Arbeit wird Nic von den Kolleginnen und Kollegen der Schwesterplattform CyclingUpToDate unterstützt, wodurch er regelmäßig direkten Zugang zu Teams, Fahrern und offiziellen Terminen erhält. Er arbeitet aus der Nähe von München und steht kurz vor dem Abschluss als Bachelor of Arts in Sportjournalismus. In seiner Berichterstattung legt er großen Wert auf sorgfältige Quellenprüfung, präzise Einordnung und aktualisiert Inhalte, sobald neue, gesicherte Informationen vorliegen.