„Wäre der Krankenwagen nicht so schnell gekommen, wäre ich heute nicht hier“ – Chris Froome spricht über Horror-Sturz und abruptes Karriereende

Radsport
durch Nic Gayer
Dienstag, 15 September 2026 um 15:30
Chris Froome auf Etappe 4 der Tour de France 2026
Chris Froome beendete seine Profikarriere ohne Abschiedsrennen, ohne letzte Grand Tour und zunächst sogar ohne offizielle Rücktrittserklärung. Fast ein Jahr nach jenem Trainingssturz, der seine Zeit im Peloton faktisch beendete, hat der vierfache Tour-de-France-Sieger nun ausführlich geschildert, warum all das unmittelbar danach keinerlei Bedeutung mehr hatte.
Froome erlitt lebensbedrohliche Verletzungen, als er im August 2025 bei einer Trainingsfahrt in Südfrankreich stürzte – nur wenige Wochen nach seinem letzten Rennen bei der Tour de Pologne. Erste Berichte nannten mehrere gebrochene Rippen, einen kollabierten Lungenflügel, einen Wirbelbruch und einen Riss des Herzbeutels.
Wie Froome nun erklärte, war die Realität noch dramatischer.
„Ich wäre fast gestorben“, sagte der inzwischen 41-Jährige gegenüber CyclingNews. „Mein Herzbeutel war offen, mein Herz lag frei. Ich habe mir alle Rippen gebrochen, sie sind in den Brustkorb implodiert.“

„Ich bin buchstäblich verblutet“

Bereits 2019 hatte Froome einen Unfall überstanden, der seine Karriere nachhaltig veränderte. Bei der Streckenbesichtigung des Critérium du Dauphiné stürzte er mit hoher Geschwindigkeit und erlitt unter anderem einen Oberschenkelbruch, einen Ellenbogenbruch sowie mehrere Rippenbrüche. Es folgte eine monatelange Rehabilitation.
Chris Froome in Aktion.
Chris Froome gewann sieben Grand Tours und prägte eine Ära – doch ein lebensbedrohlicher Trainingssturz setzte seiner Karriere 2025 ein abruptes Ende.
Sechs Jahre später ging es nach seinem Trainingssturz nicht mehr um die Frage, ob Froome noch einmal ins Profipeloton zurückkehren könnte. Es ging zunächst darum, sein Leben zu retten.
„Ich habe jetzt Metallplatten auf jeder Rippe, um meinen Brustkorb wieder offen zu halten, weil er praktisch komplett eingestürzt war. Die Rippen haben meine rechte Lunge schwer beschädigt, und eine davon hat den Herzbeutel aufgerissen“, schilderte Froome. „Ich bin buchstäblich verblutet. Der Krankenwagen war, glaube ich, sieben oder acht Minuten nach meinem Sturz da. Wären sie nicht so schnell gewesen, wäre ich heute nicht hier. Ich habe unglaublich, unglaublich viel Glück gehabt.“
Mit der ersten Operation waren seine medizinischen Probleme noch lange nicht ausgestanden. Zwar konnte Froome im Dezember erstmals kurz wieder auf das Rad steigen, anschließend entwickelte sich jedoch eine Infektion im Bereich einiger Metallplatten, mit denen sein Brustkorb rekonstruiert worden war.
„Ich bin wirklich nur für eine kurze Runde aufs Rad gestiegen, irgendwann im Dezember, glaube ich. Aber dann hatte ich eine Infektion rund um einige der Metallplatten an meinen Rippen und musste erneut operiert werden. Dabei wurden mir wieder Schläuche in die Lunge gelegt“, berichtete er.
Erst Ende Januar und im Verlauf des Februars konnte Froome wieder etwas regelmäßiger Rad fahren. Mit einem Trainingsprogramm für ein Comeback hatte das jedoch nichts mehr zu tun. Das Fahrrad bekam für ihn eine völlig neue Bedeutung.
„Langsam, inzwischen eher sozial. Einfach rausgehen, den Kopf freibekommen, mit Freunden fahren und Spaß am Rad haben.“

Kein Abschiedsrennen nach sieben Grand-Tour-Siegen

Zum Zeitpunkt des Sturzes näherte sich Froomes Profikarriere ohnehin ihrem Ende. Sein Fünfjahresvertrag, den er vor der Saison 2021 bei Israel-Premier Tech unterschrieben hatte, lief aus. Froome erklärte inzwischen, dass für ihn schon bei der Unterschrift feststand, dass dies sein letzter Profivertrag sein würde.
Was ihm durch den Unfall genommen wurde, war die Möglichkeit, seine Karriere zu eigenen Bedingungen zu beenden.
Sein letzter Auftritt im Profipeloton blieb damit die Tour de Pologne 2025. Froome belegte dort Rang 68 der Gesamtwertung und bestritt am 10. August mit dem abschließenden 12,5-Kilometer-Zeitfahren in Wieliczka sein letztes Profirennen. Nur wenige Wochen später machte der schwere Trainingssturz jede realistische Aussicht auf einen weiteren Start zunichte.
Eine offizielle Rücktrittserklärung folgte zunächst dennoch nicht. Monatelang blieb sein Status nach außen offen, ehe Froome während der Tour de France 2026 bestätigte, dass er nicht mehr ins Profipeloton zurückkehren werde.
Für ihn selbst war diese Frage allerdings längst beantwortet.
„Ich habe mich auf dem Rad fast umgebracht. Es folgten monatelange Krankenhausaufenthalte und medizinische Probleme, und ich musste Medikamente nehmen, um wieder gesund zu werden“, sagte Froome. „Es ging wirklich nur darum, mich wieder so weit hinzubekommen, dass ich ein normales Leben führen kann. Ich habe einfach vorausgesetzt, dass jeder wusste, dass ich aufgehört habe.“
„Ich lag im Januar buchstäblich noch im Krankenhaus. Gestürzt bin ich im August. Ich war überhaupt nicht in der Verfassung, irgendwelche Ankündigungen zu machen oder PR zu betreiben“, fügte er hinzu. „Als ich meinen Vertrag unterschrieben habe, habe ich den Leuten gesagt: ‚Das wird mein letzter Vertrag sein.‘ Deshalb dachte ich, es sei für alle ziemlich klar – auch wenn ich gestürzt bin, bevor ich meinen Rücktritt offiziell erklären konnte.“

Ein abruptes Ende für eine der größten Grand-Tour-Karrieren

Damit endete eine der prägendsten Grand-Tour-Karrieren seiner Generation abrupt und ohne die große Abschiedsbühne. Froome gewann die Tour de France zwischen 2013 und 2017 viermal, triumphierte zweimal bei der Vuelta a España und komplettierte 2018 mit seinem Giro-d'Italia-Sieg den Satz aus allen drei Grand Tours.
Sieben Grand-Tour-Gesamtsiege, dazu zahlreiche weitere große Erfolge: Sportlich hätte es genügend Gründe für eine letzte Ehrenrunde gegeben. Doch der schwere Sturz nahm Froome die Möglichkeit, selbst über den Zeitpunkt und die Art seines Abschieds zu bestimmen.
Nach einem Unfall, der ihn nach eigener Aussage nur wenige Minuten vom Tod trennte, rückte die sportliche Ziellinie ohnehin in den Hintergrund. Statt eines letzten Rennens ging es für Froome plötzlich um ein wesentlich grundlegenderes Ziel: wieder gesund zu werden und in ein normales Leben zurückzufinden.
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