Die Ausgabe 2016 von Paris–Roubaix dürfte das ikonischste Finale in der 120-jährigen Geschichte dieses Eintagesrennens geliefert haben. Die Hauptdarsteller damals: der vierfache Sieger
Tom Boonen und der bis dahin relativ unbekannte Matthew Hayman. Der 37-jährige Australier hatte Roubaix zuvor vierzehnmal bestritten, mit zwei Top-Ten-Ergebnissen als Highlights in Haymans Palmarès. Doch gegen den besten Klassikerspezialisten seiner Generation fand Hayman nach sechs Rennstunden tief in seinem Reservoir versteckte Kräfte und spurtete Boonen nieder – ein verblüffender Sieg, der zum Markstein seiner Karriere wurde.
So unwahrscheinlich sein Roubaix-Triumph schien, der Weg dorthin war noch verwinkelter als das Kopfsteinpflaster der Trouée d’Arenberg. Eineinhalb Monate zuvor, Ende Februar, stürzte Hayman schwer bei Omloop Het Nieuwsblad. Mit einem gebrochenen Ellbogen schien sein Frühling gelaufen – so dachten jedenfalls alle.
„Man sagte mir, es werde 6 Wochen dauern, bis ich wieder Rad fahren könne“, erzählt Hayman seine Geschichte
Sporza zehn Jahre nach seinem Coup. „Ich dachte, alles sei ruiniert.“
Mit 6 Wochen Reha-Zeit ist klar: Fit am Start von Paris–Roubaix zu stehen, ist schwierig. Geschweige denn um den Sieg zu fahren. Doch Hayman beißt durch. Nur wenige Tage nach dem Sturz steht er bereits wieder auf der Rolle, sammelt die nötigen Kilometer für Roubaix, das Rennen, das ihn in Bann zog.
Improvisiertes Zwift
Mit eingegipstem Ellbogen musste Hayman bei seinem Setup erfinderisch werden. Der Australier hielt den Lenker mit der linken Hand, während die rechte auf einer Leiter ruhte. „Ich war bis zum Oberarm eingegipst. Ich legte diesen Arm auf eine Art Leiter ab – so konnte ich trainieren.“
„In den ersten 3 Wochen trainierte ich fast 20 Stunden pro Woche auf der Rolle. Zunächst fragte ich mich: ‚Was mache ich hier?‘ Es war nicht einfach“, sagte Hayman über eine Zeit, in der Plattformen wie Zwift noch nicht so etabliert waren. „Früher fand ich Rollentraining furchtbar und hielt keine Stunde durch, aber jetzt fing es an zu funktionieren [auch dank Plattformen wie Zwift].“
Für die härtesten Pavés in Roubaix braucht es volle Gesundheit
Hayman vertrieb sich die Zeit mit Klassikern im Bewegtbild. „Ich machte fast jeden Tag zwei Einheiten. Morgens trainierte ich, und am Nachmittag schaute ich in meiner Garage das Rennen und trat dabei in die Pedale.“
Bequem war dieses Provisorium kaum, doch wer seinem Traum folgt, geht weit – und diese Verletzung wurde nur zur Steighilfe für Haymans späteren Erfolg. „Es war mein Lieblingsrennen. Ich meine: Ich tat alles, um dorthin zurückzukehren. Das war das Rennen, bei dem ich dachte, ich könnte ein Ergebnis holen.“
Boonen ist ein wahrer Champion
Am Rennmorgen sprang Hayman in eine frühe Ausreißergruppe und blieb dran, als Topfavorit Tom Boonen später zur Gruppe nach vorne fuhr. So endete das Rennen im Fünfersprint mit Boonen, Hayman, Edvald Boasson Hagen, Sep Vanmarcke und Ian Stannard. Exklusive Gesellschaft. Und Hayman fand irgendwie die meisten Körner in den Beinen, um den Pflasterstein mit nach Hause zu nehmen.
Dabei brach Hayman die Herzen aller belgischen Fans, denn ein theoretischer fünfter Roubaix-Titel für Boonen hätte ihn zum ersten Fahrer gemacht, dem dieses Kunststück je gelang.
Hayman gießt kein Öl ins Feuer. „Ich weiß, dass ich recht schnell ein Interview mit Sporza auf Niederländisch gegeben habe, weil ich sonst fürchtete, dass mein Haus in Flammen stehen würde“, sagt er mit einem unsicheren Lachen.
„Ich bin selbst ein großer Fan von Tom. Tom war ein echter Sieger. Direkt nach dem Ziel hat er mir die Hand geschüttelt. Er fand es fair“, würdigt Hayman seinen Gegner. „Ja, seine Gratulationen waren wirklich schön. Ich weiß nicht, ob ich in der umgekehrten Situation genauso reagiert hätte. Tom ist ein großer Champion.“
Auch heute noch spart Hayman nicht mit Lob für seinen damaligen Konkurrenten. „Man sagt, man brauche viel Glück, um Roubaix zu gewinnen, aber schaut auf Toms Palmarès. Er war jedes Jahr da. Dann redet man nicht mehr über Glück.“