Callum Thornley reist zu seiner ersten Elite-Weltmeisterschaft mit der Überzeugung, dass Großbritannien realistische Chancen besitzt, die 15-jährige Durststrecke im Straßenrennen der Männer zu beenden. Eine Schlüsselrolle nimmt dabei
Tom Pidcock ein, dem der 23-jährige Schotte den Triumph in Montreal zutraut.
Nach seiner Durchbruchssaison bei Red Bull - BORA - hansgrohe, die zuletzt von einer beeindruckenden Vuelta a Espana gekrönt wurde, erhielt Thornley gleich für beide Elite-Wettbewerbe eine Nominierung. Der Schotte wird sowohl im Einzelzeitfahren als auch im Straßenrennen für Großbritannien antreten.
Vuelta-Leistung eröffnet Thornley plötzlich eigene WM-Chance
Bei seinem Grand-Tour-Debüt sorgte Thornley insbesondere im Einzelzeitfahren der 18. Vuelta-Etappe für Aufsehen. Der 23-Jährige belegte hinter Stefan Küng den zweiten Platz und verpasste den Tagessieg lediglich um wenige Sekunden. Gleichzeitig hatte er während der drei Wochen einen großen Teil seiner Arbeit in den Dienst von Primoz Roglic und dessen Ambitionen in der Gesamtwertung gestellt.
Callum Thornley reist nach einer starken Vuelta a Espana zu seiner ersten Elite-Weltmeisterschaft. Im Zeitfahren verfolgt er eigene Ziele, im Straßenrennen setzt er auf Tom Pidcock.
Diese Leistungen brachten Thornley schließlich einen Platz im britischen WM-Aufgebot ein – und im Einzelzeitfahren sogar die Möglichkeit, selbst nach einem großen Resultat zu greifen. „Ich fahre das Zeitfahren und das Straßenrennen, das ist das nächste Ziel“, sagte Thornley gegenüber
CyclingNews. „Ich bin wirklich, wirklich glücklich damit, super aufgeregt, am Mittwoch fürs Zeitfahren zu reisen. Am Jahresanfang hätte ich nie gedacht, dass das WM-Zeitfahren ein Ziel ist, aber jetzt ist es das, und ich fahre hin, setze mir hohe Ziele und versuche, eine Medaille zu holen. Ich bin mega motiviert.“
Schon vor der Vuelta hatte Thornley seine Entwicklung im Kampf gegen die Uhr unter Beweis gestellt. Anfang August belegte er im Einzelzeitfahren der Tour de Pologne den dritten Platz. In Spanien bestätigte er diesen Fortschritt anschließend auf einer erheblich größeren Bühne. Über die 32,1 Kilometer der 18. Etappe wurde der Schotte Zweiter hinter Küng und ließ dabei eine ganze Reihe etablierter Grand-Tour-Fahrer hinter sich.
Bereits im Vorjahr hatte Thornley mit Platz fünf im U23-Zeitfahren der
Weltmeisterschaft in Kigali sein Potenzial angedeutet. Nur zwölf Monate später folgt nun der nächste große Schritt mit seinem ersten WM-Einsatz in der Elite.
„Eine Ehre“ – Drei Wochen im Dienst von Roglic
Gleichzeitig war die Vuelta die erste Grand Tour seiner Karriere. Über weite Teile der drei Wochen arbeitete Thornley für Roglic, während Red Bull - BORA - hansgrohe um die Gesamtwertung kämpfte.
Die Erfahrung, an der Seite eines der erfolgreichsten Grand-Tour-Fahrer seiner Generation anzutreten, hinterließ beim jungen Briten bleibenden Eindruck. „Es ist wirklich surreal“, sagte Thornley über die Zusammenarbeit mit dem Slowenen. „Jeden Tag, wenn er auf dem Podium den Fans vorgestellt wird, ist der Applaus fast so, als würde in einem Fußballstadion ein Tor fallen. Es war eine Ehre, und ich werde wohl immer daran denken, dass meine erste Grand Tour im Dienst von Primoz Roglic war.“
Damit sammelte Thornley innerhalb derselben Rundfahrt Erfahrungen in zwei völlig unterschiedlichen Rollen. Einerseits arbeitete er über drei Wochen für einen etablierten Grand-Tour-Kapitän, andererseits lieferte er selbst ein Ergebnis ab, das seinen hohen Anspruch für das WM-Einzelzeitfahren rechtfertigt.
Briten hoffen mit Pidcock auf Ende der 15-jährigen Durststrecke
Im Straßenrennen wartet auf Thornley anschließend wieder eine andere Aufgabe. British Cycling hat Pidcock und
Adam Yates als Kapitäne des achtköpfigen Aufgebots benannt. Neben Thornley gehören
Oscar Onley, Fred Wright, James Shaw, Finlay Pickering und Mark Donovan zur britischen Auswahl.
Pidcock reist nach einer seiner stärksten Phasen der gesamten Saison nach Kanada. Der Brite wurde XCO-Weltmeister, gewann anschließend den GP Industria & Artigianato und fuhr sowohl beim GP Quebec als auch beim GP Montreal in die Top 6.
Zusätzlich verändert die Abwesenheit von Titelverteidiger Tadej Pogacar die Ausgangslage erheblich. Ohne den Slowenen ist der Kampf um das Regenbogentrikot offener, wodurch sich eine größere Gruppe von Fahrern Chancen auf den WM-Titel ausrechnen kann.
„Ich glaube, das ist so etwas wie unausgesprochen“, erklärte Thornley. „Allen ist klar, dass es ein sehr offenes Rennen ist und viele gewinnen können, aber man spricht nicht groß darüber. Sicher ist, all die großen Jungs, die sonst um das Podium kämpfen, fahren jetzt auf Sieg, und das erhöht den Einsatz gegenüber normal, wirklich.“
Großbritannien wartet seit mittlerweile 15 Jahren auf einen weiteren Triumph im Elite-Straßenrennen der Männer. Zuletzt gelang Mark Cavendish 2011 in Kopenhagen der Sprung ins Regenbogentrikot.
Thornley ist überzeugt, dass Pidcock diese Serie in Montreal beenden kann. „Vor allem, wenn man mit Tom fährt, denn er ist ein echter Siegkandidat, und auch der Rest des Teams ist super stark“, sagte er. „Ich freue mich, mit meinen Landsleuten zu fahren und alles einem Ziel unterzuordnen. Ich bin super positiv, Teil meiner ersten Elite-WM zu sein.“
Großbritanniens Elite-Aufgebot im Straßenrennen der Männer
| Fahrer |
| Tom Pidcock |
| Adam Yates |
| Oscar Onley |
| Fred Wright |
| James Shaw |
| Finlay Pickering |
| Mark Donovan |
| Callum Thornley |
Zwischen eigenem Medaillentraum und Helferrolle für Pidcock
Thornleys erste Elite-Weltmeisterschaft verlangt damit innerhalb weniger Tage einen grundlegenden Rollenwechsel. Zunächst kämpft er im Einzelzeitfahren auf eigene Rechnung. Sein zweiter Platz bei der Vuelta und Rang fünf bei der U23-Weltmeisterschaft im Vorjahr liefern ihm gute Gründe, sich für sein Elite-Debüt hohe Ziele zu setzen.
Eine Woche später steht er im Straßenrennen dagegen wieder im Dienst der Mannschaft. Auf dem 273,7 Kilometer langen WM-Kurs soll Thornley dazu beitragen, die stärksten britischen Optionen möglichst weit ins Finale zu bringen. Die wiederholten Anstiege und die enorme Renndistanz dürften dafür sorgen, dass Widerstandsfähigkeit und Kräfteverschleiß eine entscheidende Rolle spielen.
Thornley reist mit aktueller Grand-Tour-Form, einer rasant verbesserten Bilanz im Einzelzeitfahren und der frischen Erfahrung nach Montreal, drei Wochen lang für einen der größten Kapitäne des Pelotons gearbeitet zu haben.
Nun warten zwei vollkommen unterschiedliche Prüfungen: zunächst der Kampf allein gegen die Uhr und anschließend die Arbeit innerhalb einer hochkarätigen britischen Mannschaft – mit Pidcock als einem jener Fahrer, denen Thornley zutraut, Großbritannien erstmals seit 2011 wieder das Regenbogentrikot im Straßenrennen der Männer zu bescheren.