„Seine Entwicklung ist völlig logisch“: Legendärer französischer Teamchef über die frühen Glanzleistungen von Paul Seixas und die Zukunft des französischen Radsports

Radsport
Sonntag, 01 März 2026 um 11:00
seixas
Die Radsportsaison 2026 hat bereits spektakuläre Auftritte einer neuen Fahrergeneration geliefert. Der 19-jährige französische Überflieger Paul Seixas feierte jüngst seinen ersten Profisieg auf der zweiten Etappe der Volta ao Algarve. Seinen zweiten Profisieg holte er am Samstag, nach einer Solo-Meisterleistung bei der Faun-Ardèche Classic.

Die nächste Generation französischer Stars im Blick

Für den legendären französischen Teammanager Cyrille Guimard kommt der plötzliche Durchbruch von Seixas nicht überraschend. Er erkannte das enorme Potenzial des Youngsters bereits vor Jahren bei einem Junioren-Cyclocross, in dem Seixas deutlich ältere, bereits titelgekrönte Fahrer schlug.
„Ich finde, die Entwicklung dieses jungen Fahrers ist völlig logisch“, erklärte Guimard im Interview mit Cyclism Actu. „Sein Fortschritt entspricht den Erwartungen und wirkt für mich vollkommen normal. Dass er sich bei der Volta ao Algarve mit Autorität durchsetzt, gehört zu den Dingen, die man erwarten konnte.“
Guimard erinnerte sich an den Moment, in dem ihm die Besonderheit des Franzosen klar wurde. „Ich habe ihn entdeckt, als er im ersten Juniorenjahr war, bei einem Cross, in dem er Léo Bisiaux geschlagen hat. An dem Tag sagte ich mir: Hier haben wir etwas Außergewöhnliches. Wie man in der Bretagne sagt: ‚Wenn die kleinen Schweinchen ihn nicht fressen‘, dann machen wir etwas Großes aus ihm.“
Er war so überzeugt, dass er sofort versuchte, ihn bei einem Top-Team unterzubringen. „Ich habe umgehend den Manager eines WorldTour-Teams informiert und gesagt: Verliert keine Zeit, schaut ihn euch an. Ein paar Tage später kam die Antwort: ‚Es ist zu spät‘.“
Seixas ist nicht das einzige Talent, das dem Routinier ins Auge fällt. Mit Blick auf die Frühjahrsklassiker richtete Guimard eine Warnung an Weltmeister Mathieu van der Poel und forderte ihn auf, Paul Magnier im Auge zu behalten.
„Van der Poel muss sich vor Paul Magnier in Acht nehmen, so ist es“, sagte er. „Frankreich hat derzeit das Glück, zwei Juwelen zu besitzen: Paul Magnier und Paul Seixas. Das erinnert mich an eine Ära mit Jacques Anquetil und André Darrigade. Heute haben wir vielleicht eine neue Generation, die den französischen Radsport zehn Jahre lang tragen kann.“

Lob für Del Toro und Zweifel an Evenepoel

Mit Blick auf das internationale Peloton fand Guimard außerordentlich lobende Worte für Isaac Del Toro von UAE Team Emirates, der jüngst die UAE Tour dominierte, die Gesamtwertung und zwei Etappen gewann und dabei Remco Evenepoel schlug.
„Isaac Del Toro kennen wir seit dem letzten Jahr gut. Das ist sehr hohes Niveau“, betonte Guimard und ordnete den Mexikaner bereits in der absoluten Weltspitze ein. „Für mich ist er die Nummer zwei hinter Pogacar. Das muss sich noch bestätigen, aber so empfinde ich es.“
Gleichzeitig äußerte sich Guimard sehr kritisch zu Remco Evenepoel, der Del Toros Hinterrad nicht halten konnte. Der Belgier habe grundlegende Defizite bei bestimmten Hochgebirnsbelastungen.
„Ich weiß nicht, was bei Evenepoel los ist, aber da ist eine Schraube nicht richtig angezogen“, sagte er. „Wir kennen sein Potenzial. Was ihm auf bestimmten Anstiegen widerfährt, ist nicht normal. Ich bin weder sein Trainer noch sein Berater, aber so darf er sich nicht dominieren lassen. Trotzdem bleibt er einer der drei oder vier größten Motoren im Peloton.“

Ein französisches System am Rand der Explosion

Am schärfsten wurde Guimard beim Thema der anhaltenden juristischen und politischen Auseinandersetzung zwischen dem französischen Radsportverband und der Nationalen Radsportliga. Er hielt sich nicht zurück und verurteilte den Wunsch des Verbands, die Profiteams strikt zu kontrollieren, um finanziell zu profitieren.
„Es tut mir leid, aber das ist ein Saustall“, schoss Guimard. „Das Problem ist, dass ein Verband immer der Meinung war, der Profibereich dürfe nicht unabhängig sein, sondern müsse Teil des Verbands bleiben. Die Liga ist für den Verband auch ein Weg, sich benötigte Mittel zurückzuholen.“
Als Beleg nannte Guimard eine jüngste Klage, in der die Liga gegen den Verband obsiegte, als endgültigen Beweis für ein kaputtes Governance-Modell. Er warf der Führung vor, den Sport mit eiserner Faust zu lenken und rechtliche Grenzen zu ignorieren.
„Wer jede legitime Opposition verweigert, führt eine Diktatur. Die jüngsten Aussagen zeigen klar: ‚Ich bin der Chef, und ihr macht, was ich sage‘, selbst nach einer Verurteilung. Das nennt man eine Diktatur.“
Für Guimard ist die gesamte Ökonomie des französischen Radsports überholt, auf eine auf den Kopf gestellte Pyramide gebaut und völlig untragfähig. Teams wie Decathlon CMA CGM lobte er zwar für ihre Modernisierung und starke finanzielle Basis, warnte aber, dass das breitere nationale System unweigerlich scheitern werde.
„Das französische System ist wirtschaftlich obsolet“, resümierte er. „Von Beginn an sind wir auf eine Wand zugesteuert. Wenn die Liga aufgelöst werden muss, dann muss sie aufgelöst werden. Dahinter wird man ein gesundes System neu aufbauen müssen.“
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