Remco Evenepoel hat bei der
Radsport-WM 2026 in Montreal einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis gestellt, warum er im Kampf gegen die Uhr derzeit das Maß aller Dinge ist. Der Belgier sicherte sich seinen vierten WM-Titel in Serie und bewältigte die 39,2 Kilometer in 44:53,13 Minuten. Filippo Ganna verlor als Zweiter bereits 57 Sekunden, während der erst 19 Jahre alte Paul Seixas mit 1:13 Minuten Rückstand sensationell Bronze gewann.
Das Ergebnis bestätigte nicht nur eine Überlegenheit, die in den vergangenen Jahren beinahe zur Gewohnheit geworden ist. Es wirft zugleich eine weitaus größere Frage auf: Erleben wir bereits den besten Zeitfahrer der Geschichte? Wie Juan Larra und Jorge P. Borreguero in einer neuen Folge von
El Espresso de CiclismoAlDia diskutierten, lässt sich diese Frage nur beantworten, wenn Evenepoels aktuelle Zahlen in den historischen Kontext zu einigen der größten Legenden des Radsports gesetzt werden.
Evenepoel schreibt mit viertem Titel in Folge Geschichte
Mit seinem vierten WM-Titel in Serie zog Evenepoel bei der Anzahl der Regenbogentrikots im Einzelzeitfahren mit Fabian Cancellara und Tony Martin gleich. Gleichzeitig gelang ihm etwas, das weder Cancellara noch Martin geschafft hatten: Der Belgier ist der erste Fahrer überhaupt, der vier Titel bei der Radsport-WM im Einzelzeitfahren hintereinander gewinnen konnte.
Remco Evenepoel dominierte das Einzelzeitfahren der Radsport-WM 2026 in Montreal und holte als erster Fahrer der Geschichte seinen vierten Titel in Serie.
Für Juan Larra hat der Triumph in Montreal beinahe offiziell bestätigt, was ohnehin längst offensichtlich erscheint: Evenepoel ist mit deutlichem Abstand der stärkste Zeitfahrspezialist im aktuellen Peloton. Dabei dominierte er auf einem Kurs, der lange Passagen für hohe Wattzahlen mit einem technisch anspruchsvollen urbanen Streckenprofil kombinierte.
Jorge P. Borreguero stimmt dieser Einschätzung zu und verweist vor allem auf die gewaltigen Abstände zu Evenepoels Konkurrenten. Fast eine Minute nahm der Belgier Ganna ab – und auf den letzten Metern blieb ihm sogar noch Zeit zum Jubeln. Ein ungewöhnlicher Anblick in einer Disziplin, in der normalerweise bis zur Ziellinie um jede einzelne Sekunde gekämpft wird.
Ein im Gespräch gezogener Vergleich verdeutlicht die Aura, die Evenepoels Dominanz mittlerweile umgibt: Ähnlich wie Tadej Pogacar auf einer Bergetappe jederzeit dazu in der Lage scheint, gewaltige Abstände herauszufahren, hat Evenepoel im
Zeitfahren ein Niveau erreicht, auf dem sich häufig nicht mehr die Frage stellt, ob er gewinnt, sondern mit welchem Vorsprung.
Genau daraus ergibt sich ein zentrales Argument der Diskussion. Pogacar, Jonas Vingegaard und andere Spitzenfahrer haben sich zu Allroundern entwickelt, die auf nahezu jedem Terrain zur absoluten Weltklasse gehören. Sobald jedoch ein reines Zeitfahren ansteht, bleibt der Abstand zwischen Evenepoel und dem Rest des Feldes außergewöhnlich groß.
Ist Evenepoel der größte Zeitfahrer der Geschichte?
An diesem Punkt zieht Juan Larra eine wichtige Trennlinie zwischen zwei unterschiedlichen Fragen: Ist Evenepoel der beste Zeitfahrer der Gegenwart – oder ist er bereits der beste Zeitfahrer aller Zeiten?
Die erste Frage lässt inzwischen kaum noch Raum für Zweifel. Bei der zweiten ist dagegen historische Perspektive erforderlich. Das Einzelzeitfahren der Männer gehört erst seit Mitte der 1990er-Jahre zum Programm der Radsport-WM. Ein Vergleich, der ausschließlich auf der Anzahl gewonnener WM-Titel basiert, kann die Geschichte dieser Disziplin deshalb nicht vollständig abbilden.
Hinzu kommen die großen Champions früherer Generationen, die ebenfalls außergewöhnliche Bilanzen im Kampf gegen die Uhr vorweisen konnten. Eddy Merckx, Bernard Hinault, Jacques Anquetil und Miguel Indurain bauten einen erheblichen Teil ihrer Dominanz bei den Grand Tours auf ihren Fähigkeiten im Zeitfahren auf.
Die Zahlen verdeutlichen, wie komplex die historische Debatte ist. Merckx gewann insgesamt 69 Zeitfahren, Hinault feierte allein bei der Tour de France 20 Siege gegen die Uhr und Indurain machte diese Disziplin zu einer seiner wichtigsten Waffen bei der Grande Boucle. Evenepoel wiederum ist mit 26 Jahren noch längst nicht am Ende seiner Karriere und arbeitet weiterhin daran, sein Palmares auszubauen. Sein derzeitiges Leistungsniveau ist außergewöhnlich, für ein endgültiges historisches Urteil dieser Größenordnung ist es jedoch noch zu früh.
Ein weiterer Aspekt, den beide Journalisten für entscheidend halten: Der Radsport hat sich verändert. Die heutigen Grand Tours weisen weniger Zeitfahrkilometer auf als manche Rundfahrten früherer Epochen. Gleichzeitig sind die besten Fahrer wesentlich kompletter geworden.
Genau diese Entwicklung gehört zu den interessantesten Punkten der
Analyse von El Espresso de CiclismoAlDia.
Juan Larra erinnert daran, dass ein herausragender Zeitfahrer in früheren Epochen gegen die Uhr gewaltige Abstände herausfahren und diesen Vorsprung anschließend in den Bergen verteidigen konnte. Fahrer wie Miguel Indurain stehen beispielhaft dafür, welch entscheidenden Einfluss ein einzelnes Zeitfahren auf die Gesamtwertung einer großen Rundfahrt haben konnte.
Heute präsentiert sich die Situation grundlegend anders. Die wichtigsten Favoriten auf die Gesamtwertung überzeugen im Zeitfahren ebenso wie im Hochgebirge, bei Klassikern und sogar auf Streckenprofilen, die früher deutlich spezialisierteren Fahrertypen vorbehalten waren.
Jorge P. Borreguero vergleicht diese Entwicklung mit anderen Sportarten, in denen Athletinnen und Athleten ebenfalls immer vielseitigere Fähigkeiten entwickelt haben. Im Radsport ermöglicht dieser Wandel Fahrern wie Pogacar, Vingegaard und Evenepoel sowie den nachrückenden Talenten, in mehreren Spezialdisziplinen auf höchstem Niveau konkurrenzfähig zu sein.
Und genau an diesem Punkt kommt Paul Seixas ins Spiel, der zu den herausragenden Beispielen dieser neuen Fahrergeneration gehört.
Paul Seixas sorgt mit Bronze für die nächste Sensation
Die Bronzemedaille von Paul Seixas war eine weitere große Geschichte des WM-Zeitfahrens in Montreal. Der erst 19 Jahre alte Franzose belegte über die 39,2 Kilometer den dritten Platz und hatte im Ziel 1:13 Minuten Rückstand auf Weltmeister Evenepoel.
Das Podium des WM-Zeitfahrens 2026: Remco Evenepoel, Filippo Ganna und Paul Seixas
Für Jorge P. Borreguero sticht dieses Resultat insbesondere deshalb heraus, weil Seixas im Gegensatz zu anderen Fahrern auf der Startliste nicht mit dem Ruf eines ausgewiesenen Zeitfahrspezialisten ins Rennen gegangen war. Dennoch ließ der Franzose zahlreiche Konkurrenten hinter sich, deren größte Stärke ausgerechnet diese Disziplin ist.
Juan Larra ergänzt allerdings eine wichtige Nuance. Seixas hatte bereits zuvor erkennen lassen, dass er die Voraussetzungen für einen kompletten Fahrertyp besitzt und auch im Zeitfahren starke Leistungen abrufen kann. Die Bronzemedaille von Montreal kommt deshalb nicht völlig aus dem Nichts, sondern unterstreicht vielmehr das enorme Potenzial eines Profis, der gerade einmal 19 Jahre alt ist.
Zusätzliche Bedeutung erhält seine Leistung mit Blick auf die Generationen, gegen die er sich in den kommenden Jahren behaupten muss. Evenepoel, Pogacar und Vingegaard befinden sich sportlich weiterhin auf höchstem Niveau, sodass Seixas die große Bühne noch über Jahre mit einigen der besten Fahrer seiner Epoche teilen dürfte. Dass er ihnen bereits jetzt in einer derart spezifischen Disziplin nahekommt, eröffnet für die Zukunft ein besonders spannendes Szenario.
Isaac del Toro macht ebenfalls einen großen Schritt
Ein weiterer Fahrer, der in der Analyse eine wichtige Rolle spielt, ist Isaac del Toro. Der Mexikaner belegte in Montreal mit 1:38 Minuten Rückstand auf den Weltmeister den sechsten Rang. Ein bemerkenswertes Ergebnis, zumal das Zeitfahren bislang nicht zu seinen stärksten Disziplinen gehörte.
Juan Larra wertet seinen Auftritt zugleich als positives Signal für das Straßenrennen. Del Toro war mit dem Rückenwind seines jüngsten Sieges beim Grand Prix Cycliste de Montreal angereist, bei dem er Evenepoel und Seixas hinter sich gelassen hatte. Seine Vorstellung gegen die Uhr bestätigt nun zusätzlich, dass er sich auch in einer Disziplin weiterentwickelt, in der weiterhin Verbesserungspotenzial vorhanden ist.
Für Jorge P. Borreguero ist diese Entwicklung insbesondere deshalb interessant, weil sie einen allgemeinen Trend unter den jungen Talenten widerspiegelt. Fahrer, die zu Beginn ihrer Karriere im Zeitfahren nicht unbedingt herausragten, verbessern sich durch die gezielte Arbeit mit ihren Teams Schritt für Schritt.
Ein sechster Platz bei der Radsport-WM macht Del Toro zwar noch lange nicht zu einem ausgewiesenen Zeitfahrspezialisten. Das Ergebnis liefert jedoch ein weiteres Indiz dafür, dass sich der Mexikaner zunehmend zu einem noch kompletteren Fahrer entwickelt.
Evenepoel und die Zukunft des Zeitfahrens
Am Ende führt die große Debatte dennoch immer wieder zu derselben Frage zurück: Wie weit kann Remco Evenepoel seine Dominanz noch treiben?
Mit vier WM-Titeln in Folge hat der Belgier Fabian Cancellara und Tony Martin bei der Anzahl der Titel im Einzelzeitfahren eingeholt. Der entscheidende Unterschied: Weder Cancellara noch Martin gelang es, viermal hintereinander zu triumphieren.
Juan Larra ist deshalb der Ansicht, dass eine endgültige historische Einordnung noch Zeit benötigt. Das liegt auch daran, dass die großen Zeitfahrspezialisten anderer Generationen über verschiedenste Rennen und Formate hinweg deutlich mehr Siege gegen die Uhr gesammelt haben.
Ein entscheidender Faktor spricht allerdings für Evenepoel: sein Alter. Mit 26 Jahren bleiben ihm noch zahlreiche Gelegenheiten, sein ohnehin beeindruckendes Palmares weiter auszubauen. Kann er das in Montreal demonstrierte Niveau über die kommenden Jahre halten, dürfte sich die historische Diskussion irgendwann nicht mehr nur um seine vier WM-Titel drehen, sondern zunehmend darum, wie lange er diese außergewöhnliche Dominanz in seiner Paradedisziplin aufrechterhalten kann.
Jorge P. Borreguero bringt darüber hinaus einen weiteren interessanten Aspekt ins Spiel: die mögliche zukünftige Bedeutung des Zeitfahrens bei der Tour de France. Evenepoels Überlegenheit gegenüber Pogacar in dieser Disziplin gehört zu den wenigen Bereichen, in denen derzeit ein derart klarer Abstand zwischen den beiden besteht.
Mehr Zeitfahrkilometer könnten deshalb das Kräfteverhältnis innerhalb einer Grand Tour verschieben. Für Evenepoel könnte der Kampf gegen die Uhr zu einem Mittel werden, um mögliche Nachteile gegenüber Pogacar im Hochgebirge auszugleichen.
Eine historische Debatte, die gerade erst beginnt
Das Einzelzeitfahren der Radsport-WM in Montreal hat damit eine Gewissheit hinterlassen – und gleichzeitig mehrere große Fragen aufgeworfen. Fest steht: Remco Evenepoel fährt gegen die Uhr weiterhin in einer eigenen Liga. Mit vier WM-Titeln in Serie ist der Belgier der erste Fahrer in der Geschichte dieses Wettbewerbs, dem eine solche Siegesserie gelungen ist.
Offen bleibt hingegen, was in den kommenden Jahren folgen wird. Kann Paul Seixas über das nächste Jahrzehnt zu einem seiner großen Rivalen heranwachsen? Wird Isaac del Toro in einer Disziplin, in der er sich noch immer weiterentwickelt, den Rückstand weiter verkürzen? Und vor allem: Kann Evenepoel seine aktuelle Dominanz in ein historisches Vermächtnis verwandeln, das eines Tages mit den größten Zeitfahrspezialisten aller Epochen vergleichbar sein wird?