Mathieu van der Poel hat die fünfte Etappe der Tour de Luxemburg am Sonntag in eine außergewöhnliche Demonstration seiner Ausdauer verwandelt. Der Niederländer attackierte praktisch unmittelbar nach dem Start und verbrachte anschließend 176 Kilometer allein an der Spitze. Ein Husarenritt, der aufgrund seiner gewaltigen Dimension einen besonderen Platz in der modernen Radsportgeschichte einnimmt.
Dabei handelte es sich keineswegs um einen klassischen Fluchtversuch, bei dem sich zu Beginn einer Etappe eine Gruppe absetzt und später den Tagessieg unter sich ausmacht. Van der Poel war nahezu die gesamte Etappe auf sich allein gestellt, während das Peloton versuchte, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Doch mit zunehmender Renndauer entspannte sich die Lage nicht – stattdessen nahm die Dimension seines Alleingangs immer weiter zu. Die Herausforderung bestand nicht nur darin, über Stunden ein hohes Tempo aufrechtzuerhalten, sondern gleichzeitig die enorme körperliche und mentale Belastung des permanenten Alleinfahrens zu bewältigen.
Van der Poel pulverisiert einen zehn Jahre alten Rekord
Laut Daten von
ProCyclingStats ist Van der Poels 176 Kilometer langer Alleingang die längste Solo-Flucht der vergangenen zehn Saisons innerhalb des WorldTour- und Pro-Kalenders. Der Abstand zu den bisherigen Bestmarken ist bemerkenswert: Der Niederländer stellt mit seiner Leistung selbst einige der denkwürdigsten Soloattacken des vergangenen Jahrzehnts deutlich in den Schatten.
Mathieu van der Poel sorgte bei der Tour de Luxemburg mit einem 176 Kilometer langen Alleingang für einen außergewöhnlichen Husarenritt.
Bis zu Van der Poels Husarenritt hatte Diego Rosa die Bestmarke gehalten. Der Italiener legte bei der Itzulia 2016 insgesamt 118 Kilometer allein zurück – eine Marke, die über Jahre hinweg Bestand hatte. Van der Poel übertraf diesen Wert nicht nur, sondern schraubte den Rekord um gleich 58 Kilometer auf 176 Kilometer nach oben.
Auf dem nächsten Platz dieser außergewöhnlichen Rangliste folgt Hugh Carthy, der bei der Tour de Suisse 2019 insgesamt 99,8 Kilometer auf sich allein gestellt war. Dahinter rangiert Rafal Majka mit seinem 87,3 Kilometer langen Solo bei der Vuelta a Espana 2021. Beide Leistungen waren für sich genommen bereits außergewöhnlich, verblassen nun aber deutlich gegenüber dem, was der Alpecin-Deceuninck-Profi in Luxemburg vollbrachte.
Gerade die Größenordnung des Unterschieds verdeutlicht, wie außergewöhnlich Van der Poels Vorstellung tatsächlich war. Der Niederländer verbesserte die bisherige Bestmarke nicht lediglich um einige wenige Kilometer, sondern legte im Vergleich zu einigen der prägendsten Langstreckenattacken des vergangenen Jahrzehnts beinahe eine zusätzliche Stunde im Alleingang zurück.
Pogacars und Froomes Solosiege in den Schatten gestellt
Noch beeindruckender wird die Leistung, wenn sie einigen der berühmtesten Soloattacken der jüngeren Radsportgeschichte gegenübergestellt wird. Selbst Tadej Pogacar, der regelmäßig mit spektakulären Attacken über große Distanzen für Aufsehen sorgt, kommt bei den aufgeführten Bestmarken nicht annähernd auf eine vergleichbare Strecke.
Der Slowene legte bei Strade Bianche 2024 insgesamt 81,1 Kilometer allein zurück. Bei der Ausgabe 2026 waren es 79,2 Kilometer. Schon diese Distanzen sind für sich betrachtet außergewöhnlich, bleiben jedoch weit hinter den 176 Kilometern zurück, die Van der Poel in Luxemburg ohne Begleiter absolvierte.
Ähnliches gilt für Chris Froome und dessen legendäre Attacke in Richtung Bardonecchia beim Giro d'Italia 2018. Nach seinem Angriff am Colle delle Finestre fuhr der Brite 80,2 Kilometer allein und stellte damit die Gesamtwertung auf den Kopf. Es war einer der prägendsten Angriffe seiner Ära – doch Van der Poel benötigte nur wenige Kilometer mehr, um selbst diese Distanz beinahe zu verdoppeln.
Die Liste bemerkenswerter Kraftakte reicht noch weiter. Marco Frigo absolvierte 78 Kilometer allein, Thymen Arensman kam auf 76 Kilometer – beide Leistungen gelangen bei der Tour of the Alps 2025. Pogacar taucht mit seinem 75 Kilometer langen Solo bei der EM desselben Jahres erneut auf. Damiano Caruso brachte es bei der Vuelta a Espana 2021 auf 71,1 Kilometer, Remi Cavagna bei der Tour of Guangxi 2019 auf 70 Kilometer.
All diese Attacken sind aufgrund ihrer Länge und ihres jeweiligen Rennkontexts im Gedächtnis geblieben. Keine von ihnen erreicht jedoch die Dimension des Alleingangs, den Van der Poel nun bei der Tour de Luxemburg hingelegt hat.
176 Kilometer ohne Ablösung oder Windschatten
Wie schwierig Van der Poels Leistung tatsächlich war, zeigt sich nicht allein in der Statistik, sondern auch an den Bedingungen, unter denen er diese gewaltige Distanz bewältigen musste. Der Niederländer legte die 176 Kilometer komplett auf sich allein gestellt zurück – ohne Begleiter, mit denen er sich in der Führungsarbeit hätte abwechseln, das Tempo regulieren oder zumindest zeitweise vom Windschatten profitieren können.
Einen derartigen Kraftakt über nahezu eine komplette Etappe durchzuziehen, verlangt eine präzise Steuerung jedes einzelnen Rennmoments. Verpflegung, Flüssigkeitsaufnahme, Konzentration und die Fähigkeit, dauerhaft ein konstantes Tempo zu fahren, gewinnen noch einmal erheblich an Bedeutung, wenn kein Fluchtgefährte vorhanden ist, der zwischenzeitlich einen Teil der Belastung übernimmt.
Hinzu kommt die außergewöhnliche mentale Herausforderung. Kilometer um Kilometer befindet sich das Peloton als permanente Bedrohung im Rücken, während der Fahrer weiter Druck auf die Pedale bringen muss – unabhängig davon, ob der Vorsprung gerade wächst oder schrumpft. In einer Fluchtgruppe lässt sich diese Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen. Van der Poel musste sie dagegen fast über die gesamte Etappe hinweg allein tragen.
Deshalb sind die 176 Kilometer weit mehr als nur eine beeindruckende Zahl in einer Statistik. Sie stehen für einen Tag, an dem Mathieu van der Poel mit einer Soloattacke in neue Dimensionen der vergangenen zehn WorldTour- und Pro-Saisons vorgestoßen ist. Sein Husarenritt in Luxemburg übertrifft Bestmarken, die über Jahre Bestand hatten, und verschiebt die Messlatte auf eine Distanz, die vorerst ihresgleichen sucht.