Die Königin aller Frühjahrsklassiker; die „Hölle des Nordens“… Paris–Roubaix ist wohl eines der einzigartigsten und markantesten Rennen im gesamten Radsport – aus gutem Grund. 2026 steigt der letzte WorldTour-Klassiker auf Kopfsteinpflaster am 12.04. und bringt die besten Klassikerfahrer in Nordfrankreich direkt gegeneinander.
Das Rennen genießt einen Ruf ohnegleichen; seine Premiere reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück, als der Deutsche Josef Fischer 1896 den ersten Sieg holte. Flandrien-Legenden Roger De Vlaeminck und Tom Boonen halten mit je vier Erfolgen den Rekord – errungen in den 70ern bzw. in den 2000er/2010er-Jahren.
Ein Rennen ohne einen einzigen Anstieg, aber eines der härtesten im Kalender: wegen der Distanz, der Vielzahl an Sektoren und der brutalen Beschaffenheit der Pflasterstraßen – viele davon inzwischen als Kulturgut geschützt. Marcel Kint, Rik Van Steenbergen, Fausto Coppi, Rik Van Looy, Eddy Merckx, Felice Gimondi, Roger De Vlaeminck, Francesco Moser, Bernard Hinault, Sean Kelly, Johan Museeuw… Das 20. Jahrhundert ist eine Fundgrube an Siegern, in einem Rennen, in dem oft der stärkste Fahrer gewann – unabhängig von der eigentlichen Spezialisierung.
Ein Rennen, in dem große Namen und Sensationssieger koexistieren. Das zeigte das Jahrzehnt der 2010er mit Fabian Cancellara, Tom Boonen, Peter Sagan und Philippe Gilbert als Galionsfiguren; zugleich sorgten Johan Vansummeren und Matthew Hayman an ganz speziellen Tagen für staunende Münder und wurden aus dem Nichts zu großen Stars. Denn hier zählen Taktik, Fortune und der Mut zur frühen Attacke – oft belohnt das Glück die Offensive.
Die letzten 15 Gewinner von Paris-Roubaix
-
2025 – Mathieu van der Poel
-
2024 – Mathieu van der Poel
-
2023 – Mathieu van der Poel
-
2022 – Dylan van Baarle
-
2021 – Sonny Colbrelli
-
2019 – Philippe Gilbert (2020 wurde abgesagt)
-
2018 – Peter Sagan
-
2017 – Greg Van Avermaet
-
2016 – Mathew Hayman
-
2015 – John Degenkolb
-
2014 – Niki Terpstra
-
2013 – Fabian Cancellara
-
2012 – Tom Boonen
-
2011 – Johan Vansummeren
-
2010 – Fabian Cancellara
Sonny Colbrelli gewann 2021 die bislang letzte Schlammschlacht, 2022 eröffnete Dylan van Baarle mit einem Solo einen niederländischen Lauf. Seither haben die letzten drei Ausgaben der generationenprägende Offroad-Spezialist Mathieu van der Poel gewonnen, der kurz davorsteht, den Rekord einzustellen.
2025 gewann er nach einem dramatischen Duell mit Debütant Tadej Pogacar.
Streckenprofil: Compiègne - Roubaix
Compiègne - Roubaix, 259 Kilometer
Eines der härtesten Rennen im Kalender. Paris–Roubaix ist ein Unikat, mit einer gewaltigen Distanz durch den Norden Frankreichs und 29 Kopfsteinpflaster-Sektoren, die zusammen rund 55 Kilometer abseits des Asphalts ergeben. Ein Rennen für Klassiker-Spezialisten, Kraftpakete und Ausdauer-Monster, die über Ikonen wie die Trouée d’Arenberg, Mons-en-Pévèle und den Carrefour de l’Arbre fliegen.
Wie seit einigen Jahren führt die Route über satte 259 Kilometer. Start ist in Compiègne, dann geht es gen Norden. Die ersten Pavés warten nach knapp 100 Rennkilometern – gut zwei Stunden, um Ausreißergruppe und Rennbild zu formen. Die Gruppe des Tages wird wie gewohnt hart umkämpft sein, das sorgt für einen furios schnellen Auftakt. Die kontrollierenden Teams legen die Leine eng an, wer fahren darf und wer nicht. Viele Mannschaften wollen aus taktischen Gründen Fahrer vorn positionieren – erst recht bei den zu erwartenden Witterungsbedingungen.
Dieses Bild kennen die meisten Fahrer nur zu gut. Manche sind erleichtert, dort durchzukommen, andere weniger begeistert. Der Sektor Troisville, der erste von 30, erscheint nach etwas mehr als 95 Rennkilometern. Er ist 2,2 km lang, doch schon die anfängliche Sektorenkombination richtete im Vorjahr früh Schaden im Feld an. Hier, sagen manche, beginnt das eigentliche Rennen.
Peloton bei Paris–Roubaix 2024. @Sirotti
Haveluy nach Wallers (2.500 Meter, 102 km vor dem Ziel) führt direkt zum ikonischsten Abschnitt des Rennens. Jeder Radsportfan kennt ihn: Die Trouée d’Arenberg misst „nur“ 2.300 Meter, ist aber eine der klassischsten Szenerien des modernen Radsports. Der Sektor verläuft schnurgerade, verlangt höchste Fahrtechnik und zeigt die ganze Rohheit des Pflasters, die dieses Rennen einzigartig macht.
Die Linienwahl ist entscheidend, denn die Steine sind von brutaler Beschaffenheit. Bei hohem Tempo wird der Eingang in den Sektor zu einem der angespanntesten Momente des Tages. Das Anfahren nach Arenberg ist stets ein harter Kampf; es beginnt leicht bergab und zieht dann sanft an – Beschleunigungen sind hier schwierig, gefragt ist konstante, hohe Leistung über die gesamte Passage. Das Ende folgt bei 93 km Restdistanz, und die kleine Rampe danach ist ein klassischer Ort für Attacken.
An den Ausfahrten der Schlüsselsektoren warten die Teams mit Ersatzlaufrädern, um ihre Kapitäne schnellstmöglich zu versorgen. Glück spielt eine zentrale Rolle, Material wird oft monatelang im Voraus getestet. Ein unpassender Plattfuß oder Defekt – hier keine Seltenheit – kann das Rennen im Handumdrehen drehen und erhöht die Unberechenbarkeit.
Die Hauptfavoriten im Arenberg-Wald 2025. @Sirotti
Hornaing–Wandignies misst 3700 Meter und ist der nächste Sektor mit vier Sternen, 79 km vor dem Ziel. Danach folgt Tilloy–Sars-et-Rosières über 2400 Meter, 70 km vor Schluss. Mit 52 km verbleibend wartet der Sektor Auchy–Bersée über 2700 Meter, der das Feld für den folgenden Schlüsselabschnitt sortiert. Gemeint ist natürlich Mons-en-Pévèle: 3 km lang, endet 46 km vor dem Ziel, der zweite Fünf-Sterne-Sektor des Rennens – in einer Phase, in der die entscheidenden Attacken zu erwarten sind.
Die letzte Kombination, in der die größten Unterschiede zu erwarten sind, bilden Camphin-en-Pévèle und der Carrefour de l’Abre. Sie sind mit vier bzw. fünf Sternen bewertet, 1800 bzw. 2100 Meter lang und liegen 18,5 km bzw. 14 km vor dem Ziel.
Wout van Aert and Stefan Küng ride Carrefour de l'Arbre at 2022 Paris-Roubaix. @Sirotti
Es sind nicht die finalen Pavé-Abschnitte, doch bei der bis dahin enormen Belastung und der kurzen Distanz bis ins Ziel ist dies der ideale Ort für alle, die noch Beine haben, um zu attackieren. Der Carrefour de l’Abre verlangt technisch alles ab und fordert wiederholte Beschleunigungen – etwas, das zu diesem Zeitpunkt nicht mehr jedem Fahrer liegt.
Mit 7 km verbleibend folgt noch Willems–Hem, ein neuerer Drei-Sterne-Sektor. Dort öffnen sich selten Lücken, aber in einer Gruppe kann es passieren. Die finalen Kilometer sind bekannt: die flache Anfahrt nach Roubaix. Kommt ein größeres Feld in die Stadt, sind späte Überraschungsangriffe wahrscheinlich. Danach führt alles ins alte Vélodrome, fast schon das Symbol dieses Rennens, wo sich nach einem brutalen Tag der verdiente Sieger durchsetzt.