Nach schweren Vorwürfen gegen Picnic PostNL: Warren Barguil spricht Klartext – „Wir sind nicht im Urlaub“

Radsport
durch Nic Gayer
Warren Barguil vor dem Amstel Gold Race 2026
Schwere Vorwürfe gegen Picnic PostNL haben in der vergangenen Woche für Aufsehen gesorgt. Recherchen von NOS und In de Waaier zeichneten anhand zahlreicher Aussagen ehemaliger Teammitglieder das Bild einer problematischen Teamkultur, die von Missbrauch geprägt gewesen sein soll. Während einige Fahrer die Vorwürfe bestätigten, schilderten andere völlig gegensätzliche Erfahrungen. Zu Letzteren gehört auch Warren Barguil, einer der erfahrensten Profis im Aufgebot des niederländischen Rennstalls.
„Leider ist kürzlich ein Artikel erschienen, der uns sehr getroffen hat“, erklärte Barguil laut Wielerflits. Besonders brisant ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung: Picnic PostNL befindet sich ohnehin in einer schwierigen Situation. Erst wenige Wochen zuvor waren Spekulationen über einen möglichen Rückzug des Teams aus der WorldTour aufgekommen.

Picnic PostNL kämpft um seine Zukunft

„Das geschieht ausgerechnet in einer ohnehin schwierigen Phase, in der wir für die Zukunft des Teams kämpfen und nach Sponsoren suchen“, betonte Barguil. Auch sportlich steckt die niederländische Mannschaft in einer Krise. In der WorldTour-Wertung belegt sie den letzten Platz, während sie in der UCI-Rangliste nur knapp unter den besten 30 Teams geführt wird. Damit liegt Picnic PostNL sogar hinter nahezu sämtlichen ProTeams.
Warren Barguil vor der Lombardei-Rundfahrt 2026.
Warren Barguil verteidigt Picnic PostNL gegen die jüngsten Vorwürfe. Der erfahrene Franzose blickt positiv auf seine Zeit im Team zurück und hofft auf einen gemeinsamen Neuanfang.
Dabei gehörten dem Rennstall einst einige der bekanntesten Namen des internationalen Radsports an. Profis wie Tom Dumoulin, Marcel Kittel und Michael Matthews prägten die Geschichte der Mannschaft, verließen sie jedoch ebenso wie zahlreiche andere Fahrer vor Ablauf ihrer Verträge.

Warren Barguil kehrte trotz zahlreicher Abgänge zurück

Über das vergangene Jahrzehnt hinweg verlor die Mannschaft immer wieder wichtige Leistungsträger. Die zahlreichen Abgänge ließen bereits damals Fragen nach den internen Strukturen und dem Arbeitsklima aufkommen. Was tatsächlich hinter den Kulissen geschah, blieb jedoch lange unklar. Erst die jüngsten Recherchen brachten durch Aussagen mehrerer Beteiligter aus unterschiedlichen Zeiträumen neue Einblicke in die Verhältnisse innerhalb des Teams.
Warren Barguil selbst blickt dagegen positiv auf seine Erfahrungen mit der Mannschaft zurück. Der Franzose begann dort 2013 seine Profikarriere und entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem der stärksten Kletterer im Peloton. Schon in seiner ersten Saison als Profi gewann er zwei Etappen der Vuelta a Espana. Bei seiner letzten Tour de France im Trikot des Teams feierte er 2017 zwei Siege auf Bergetappen und sicherte sich zudem das Bergtrikot.
Anschließend wechselte Barguil zum damaligen Team Arkea Samsic und kehrte damit in seine bretonische Heimat zurück. Nach dem Ende der Mannschaft im Jahr 2023 entschied er sich für eine Rückkehr zu seinem früheren Arbeitgeber. Seither gehört er wieder zum Aufgebot von Picnic PostNL und übernimmt mit seiner langjährigen Erfahrung eine wichtige Rolle innerhalb des jungen Kaders.
„Ich will diesen Artikel nicht angreifen, sondern meine eigene Geschichte mit dem Team erzählen. Das Team gab mir die Zeit, die ich brauchte, um mich bei den U23-Fahrern zu beweisen, bevor ich den nächsten Schritt machte. Ich entdeckte dort eine Struktur, die ihrer Zeit weit voraus war, besonders beim Sprintzug“, erinnerte sich der 34-Jährige.

„Wäre die Führung toxisch gewesen, hätte ich nie den Weg zurück gefunden“

Als Barguil 2024 seine Rückkehr anstrebte, stieß er nach eigenen Angaben auf offene Türen. Weder während seiner ersten Zeit bei der Mannschaft noch seit seinem Comeback habe er die nun öffentlich kritisierten Zustände selbst erlebt. „Iwan (Spekenbrink, Anm. d. Red.) sagte damals zu mir: ‚Du kommst zurück.‘ Und ich bin zurückgekommen. Wäre die Führung toxisch gewesen, hätte ich nie den Weg zurück gefunden“, erklärte der Franzose.
Dass innerhalb einer professionellen Radsportmannschaft klare Vorgaben gelten und hohe Anforderungen gestellt werden, betrachtet Barguil nicht als grundsätzliches Problem. Im Gegenteil: Er sieht darin einen wichtigen Bestandteil seiner persönlichen Entwicklung. „Wie in jedem Unternehmen gibt es Regeln und Verpflichtungen. Ob es uns gefällt oder nicht: Wir sind nicht im Urlaub. Persönlich haben mich diese Anforderungen weitergebracht.“ Zugleich richtete er den Blick auf die kommenden Herausforderungen: „Als Fahrer und Betreuer wollen wir diese Saison hinter uns lassen und gemeinsam ein neues Fundament für die Zukunft schaffen.“
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