Die großen Favoriten für das Straßenrennen der
Radsport-WM 2026 sind klar umrissen. Remco Evenepoel, Paul Seixas, Isaac del Toro, Mathieu van der Poel und Tom Pidcock stehen im Mittelpunkt. Dennoch verspricht das Rennen einen actiongeladenen Thriller, in dem sich auch für Außenseiter die Chance bieten könnte, die prominentesten Namen herauszufordern.
Am 27. September nehmen die Elite-Männer den 273,4 Kilometer langen Kurs mit mehr als 3.500 Höhenmetern in Angriff. Der anspruchsvolle Rundkurs ist für die Profis keineswegs Neuland: Erst zwei Wochen zuvor absolvierten sie einen Großteil der Strecke beim Grand Prix de Montreal.
Michael Woods kehrt ins Rampenlicht zurück
Dort machten Isaac del Toro und Paul Seixas den Sieg unter sich aus. Doch in den Top 20 tauchte noch ein weiterer, überraschender Name auf: der eigentlich bereits „zurückgetretene“
Michael Woods.
Eigentlich hatte Michael Woods seine Profikarriere bereits beendet. Nach Platz 18 beim GP de Montreal greift der 39-Jährige nun bei der Radsport-WM für Kanada an.
Der inzwischen 39-jährige Kanadier fand erst im Alter von 30 Jahren zum Radsport, nachdem er zuvor eine Karriere als Mittelstreckenläufer verfolgt hatte. 2018 stand Woods bei einer der härtesten Ausgaben der Radsport-WM in Leogang auf dem Podium. Bei den Olympischen Spielen in Tokio belegte er zudem den fünften Platz, ehe er sich am Ende der vergangenen Saison aus dem Profiradsport verabschiedete.
Auf die faule Haut legte sich Woods anschließend allerdings keineswegs. Der Kanadier blieb insbesondere im Gravel-Bereich aktiv und bewies bei seiner Rückkehr auf die Straße bei den kanadischen Meisterschaften im Juni, dass er in den zurückliegenden sechs Monaten kaum etwas von seiner Klasse und Leistungsfähigkeit eingebüßt hatte. Am Ende belegte er den siebten Platz.
Für die Nationaltrainer war dieses Ergebnis ein deutliches Signal, dass der 39-Jährige einen Platz im Aufgebot für die Grands Prix von Quebec und Montreal verdient hatte. Nachdem Woods in Montreal auf Rang 18 gefahren war, gab es schließlich auch kaum einen Grund, den „zurückgetretenen“ Routinier nicht für die Radsport-WM auf demselben Kurs zu nominieren. Zumal der nächstbeste Kanadier beim Grand Prix lediglich den 49. Platz belegte.
Woods gilt allerdings nicht als Fahrer, der regelmäßig mit weitreichenden Attacken für Aufsehen sorgt. Gerade für Fahrer außerhalb des Kreises der 20 größten Favoriten dürfte Antizipation zwar eine der vielversprechendsten Möglichkeiten darstellen. Bei Woods erscheint es jedoch wahrscheinlicher, dass er sich auf den Verschleißkampf bei den wiederholten Überquerungen des Mount Royal einlässt und darauf setzt, seine jüngeren Konkurrenten mit zunehmender Renndauer zu überdauern.
Einen schweren Rückschlag musste Kanada bereits vor dem Start der Radsport-WM verkraften. Kapitän Derek Gee-West stürzte beim GP de Montreal schwer und musste in der Folge auf sämtliche Einsätze bei der Radsport-WM verzichten.
Damit rückt Woods als plausible Alternative für die kanadische Mannschaft in den Mittelpunkt.
Unterstützung erhält der Routinier von den Allroundern Hugo Houle, Nickolas Zukowsky und Pier-Andre Cote, die allesamt als Kandidaten für Ausreißergruppen infrage kommen. Komplettiert wird die Mannschaft unter anderem durch das Talent Michael Leonard.
Australien setzt auf Offensive
Im Gegensatz zu Kanada verfügt Australien gleich über mehrere Fahrer mit realistischen Ambitionen auf einen Platz in den Top 10. Mit Jay Vine und Luke Plapp fehlen zwar möglicherweise die beiden stärksten Optionen der Mannschaft, doch auch ohne sie besitzt das Team aus Down Under einige spannende Trümpfe.
Die naheliegendste Wahl für die Kapitänsrolle dürfte
Michael Matthews sein. Der 35-Jährige fühlt sich traditionell in brutalen Eintagesrennen wohl und gewann bereits 2018 den Grand Prix de Montreal. In den darauffolgenden Jahren erzielte Matthews zwar meist beim Rennen in Quebec die besseren Ergebnisse, doch nach sechs Stunden Renndauer ist er noch immer ein Gegner, dem kaum jemand gerne in einem Sprint gegenübersteht.
Michael Matthews gewann 2018 den Grand Prix de Montreal. Bei der Radsport-WM könnte der Australier erneut von seinen Qualitäten in langen und harten Eintagesrennen profitieren.
Die entscheidende Frage wird allerdings sein, ob Matthews auf dem anspruchsvollen Kurs überhaupt in eine Position kommt, aus der er um ein Spitzenergebnis sprinten kann.
Deutlich wahrscheinlicher erscheint ein Rennverlauf, bei dem eine frühe Attacke lange Bestand hat und sich die Angreifer später mit einer Gruppe der Favoriten zusammenschließen. Unter normalen Umständen wäre ein solches Szenario wie gemacht für Plapp. In dessen Abwesenheit dürften Ben O'Connor oder Michael Storer versuchen, diese Rolle zu übernehmen.
Vor allem Storer präsentiert sich in dieser Saison in ausgezeichneter Verfassung. Der 29-Jährige belegte beim Giro d'Italia den siebten Gesamtrang und wurde zuletzt Vierter beim Memorial Marco Pantani. Dabei blieb er seinem furchtlosen und offensiven Fahrstil stets treu – eine Herangehensweise, die ihm auch in Montreal entgegenkommen könnte.
Mit
Jai Hindley besitzt Australien zudem eine interessante Wildcard. Der Australier ist in erster Linie für seine Qualitäten als Rundfahrer bekannt, doch der Giro-d'Italia-Sieger von 2022 hat längst bewiesen, dass er auch in langen und anspruchsvollen Eintagesrennen bestehen kann.
Jai Hindley reist mit einer starken Saison im Rücken zur Radsport-WM. Der Kletterer von Red Bull - BORA - hansgrohe könnte für Australien zur wertvollen Wildcard werden.
In diesem Jahr belegte Hindley bei Luttich-Bastogne-Luttich den 16. Platz, im Vorjahr wurde er bei der Radsport-WM in Kigali ebenfalls 16. Dass sich der Kletterer von Red Bull - BORA - hansgrohe aktuell in guter Verfassung befindet, unterstrich er vor zwei Wochen mit Rang sechs beim Memorial Marco Pantani. Dort erreichte er das Ziel in der ersten Gruppe hinter einer späten Flucht.
Hinzu kommt eine erfolgreiche Saison. Hindley stand zum dritten Mal in seiner Karriere auf dem Podium des Giro d'Italia und spielte später auch eine Rolle bei Remco Evenepoels zweitem Platz bei der Tour de France.
Weil Hindley in unterschiedlichen Rennsituationen Einfluss nehmen kann, dürfte der Australier bei der Radsport-WM in Montreal besonders aufmerksam beobachtet werden.
Komplettiert wird das australische Aufgebot von Jack Haig und Luke Tuckwell. Der erfahrenere Haig scheint zwar nicht mehr ganz das Niveau seiner besten Jahre zu besitzen, in denen ihm unter anderem ein Podiumsplatz bei der Vuelta a Espana 2022 gelang. Dennoch verfügt er weiterhin über die Qualität, um als wertvoller Satellit für einen attackierenden Landsmann zu fungieren. Für Hindleys Teamkollegen Tuckwell wiederum dürfte das Debüt bei der Radsport-WM mit einer steilen Lernkurve verbunden sein.
Australien reist somit zwar ohne einen der ganz großen Favoriten nach Montreal, könnte am Sonntag aber dennoch eine Schlüsselrolle spielen. Mit furchtlosen Angreifern, erfahrenen Routiniers und einem ausdauernden Sprinter verfügt die Mannschaft über verschiedene taktische Möglichkeiten, um vermeintlich stärkere Nationen beim Höhepunkt der Radsport-WM vor große Probleme zu stellen.