„Mein Herz ist in zwei Hälften gebrochen“ – Tadej Pogacar über seinen dramatischen Tour-Sieg gegen Primoz Roglic

Radsport
durch Nic Gayer
Freitag, 07 August 2026 um 16:00
Tadej Pogacar und Primoz Roglic am Ende der Tour de France 2020.
Die Tour de France 2020 markierte den Beginn einer neuen Ära. Nachdem Team Sky das bedeutendste Radrennen der Welt zuvor fast ein Jahrzehnt lang dominiert hatte, brach mit den 2020er-Jahren die große Zeit der Slowenen an. Primoz Roglic schien den Gesamtsieg bereits sicher in den Händen zu halten – bis er ihn am letzten entscheidenden Tag auf dramatische Weise verlor. Stattdessen eroberte Tadej Pogacar sein erstes Gelbes Trikot. Ein historischer Triumph, der beim späteren Sieger allerdings gemischte Gefühle auslöste.
„Die ganze Situation war seltsam. Primoz war schon seit geraumer Zeit Sloweniens Nummer eins. Er gewann alles und war bereits eine Legende“, erinnerte sich Pogacar im Podcast Tour 202 an jene außergewöhnliche Frankreich-Rundfahrt.

Roglic schien der Tour-Sieg nicht mehr zu nehmen

Der Visma-Profi hatte das Rennen 2020 fest im Griff. In den Bergen konnte er sich auf ein enorm starkes Kollektiv verlassen, während seine eigene Form dafür sorgte, dass er ab der 9. Etappe das Gelbe Trikot auf den Schultern trug. Als ausgewiesener Spezialist im Kampf gegen die Uhr schien ihm auch das abschließende Zeitfahren hinauf nach La Planche des Belles Filles entgegenzukommen. Alles deutete darauf hin, dass Roglic dort seinen Gesamtsieg endgültig besiegeln würde.
Tadej Pogacar und Primoz Roglic am Ende der Tour de France 2020.
Tadej Pogacar entriss Primoz Roglic 2020 im finalen Zeitfahren das Gelbe Trikot – doch sein erster Triumph bei der Tour de France löste gemischte Gefühle aus.
Doch es kam vollkommen anders. „Bis zum letzten Tag hatte sich für ihn alles gefügt. Das ganze Land und alle Fans bereiteten sich darauf vor, dass er endlich die Tour gewinnt“, schilderte Pogacar die damalige Erwartungshaltung in seiner slowenischen Heimat.
Selbst Pogacar hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem zweiten Gesamtrang arrangiert. Dass er seinem Landsmann das Gelbe Trikot noch entreißen könnte, spielte in seinen Gedanken offenbar kaum noch eine Rolle. „Ich wäre mit Platz zwei vollkommen zufrieden gewesen. Darauf hatte ich mich in den Tagen davor mental eingestellt“, offenbart Pogacar.
Dann folgte jener inzwischen berüchtigte Tag, der die Tour-Geschichte für immer verändern sollte. Pogacar dominierte das Zeitfahren vor den Augen mehrerer fassungsloser Visma-Fahrer. Schon sein Etappensieg mit 1:21 Minuten Vorsprung auf Tom Dumoulin war eine gewaltige Überraschung, doch noch schwerer wogen Roglic' Probleme. Gezeichnet von den Anstrengungen, mit schief sitzendem Helm und auf eine Weise kämpfend, wie man es von ihm kaum kannte, erreichte Roglic das Ziel 1:56 Minuten nach Pogacar. In den Vogesen war die Tour verloren.

Ein Zeitfahren für die Ewigkeit

„Ich habe im Zeitfahren alles gegeben, mehr ging nicht. Ich hatte keinen Einfluss darauf, wie Primoz fuhr“, sagte Pogacar rückblickend. Mit einem derartigen Ausgang hatte er ebenso wenig gerechnet wie mit einem Tour-Triumph, der an diesem Nachmittag scheinbar aus dem Nichts kam. Statt grenzenloser Freude empfand der junge Slowene deshalb auch Mitgefühl für seinen geschlagenen Landsmann. „Als ich sah, wie er das Ziel erreichte, ist mir das Herz in zwei Hälften gebrochen. Ich war nicht so glücklich, wie ich es hätte sein können.“
Es waren widersprüchliche Emotionen, die Pogacar in diesem Moment und auch in den darauffolgenden Tagen begleiteten. Schließlich hatte er ausgerechnet einem seiner Idole den Tour-Sieg entrissen – und rückblickend womöglich die einzige Tour gewonnen, die Roglic in seiner Karriere hätte für sich entscheiden können. Pogacar war sich bewusst, dass er den Titel zwar nach Slowenien holte, viele seiner Landsleute jedoch auf einen anderen Sieger gehofft hatten.
„Als Primoz mit diesem Rückstand die Ziellinie überquerte, konnte ich es einfach nicht glauben. Wahrscheinlich ging es ganz Slowenien und allen Fans genauso.“
Auch nach seiner Rückkehr in die Heimat fiel es Pogacar schwer, seinen historischen Erfolg ausgelassen zu genießen. „In der Woche nach dem Rennen war ich zu Hause und habe den Sieg nicht so gefeiert wie im Jahr darauf. Es war auch für mich schwierig.“

Ein Tour-de-France-Sieg mit wenig Jubel

Pogacar war ohne die Unterstützung eines perfekt auf ihn zugeschnittenen und eingespielten Teams in diese Tour gegangen. Auch die Erwartung, am Ende tatsächlich den Gesamtsieg zu feiern, hatte vor dem Rennen nicht auf ihm gelastet. Umso schwieriger war es für ihn, den monumentalen Umschwung auf La Planche des Belles Filles und dessen Folgen emotional zu verarbeiten.
„Ich habe mir immer gesagt, ich hätte damals mehr feiern sollen. Stattdessen war ich sehr niedergeschlagen. Primoz hat bewiesen, dass er ein Topfahrer und eine Legende dieses Sports ist, er hat viel für den Radsport und für den slowenischen Sport getan.“
Wie groß Roglic' Bedeutung für Pogacar selbst war und bis heute ist, machte der Tour-Sieger ebenfalls deutlich. „Er ist jemand, den man einen Helden, eine Legende und ein Idol für jeden jungen Radfahrer nennen kann. Genau deshalb habe ich ihn immer bewundert.“
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