„Manchmal verliert man die Hoffnung auf den Sieg“ – Pello Bilbao über die Dominanz von Pogacar, den Tod von Gino Mäder und sein Karriereende

Radsport
durch Nic Gayer
Collage-TadejPogacarPelloBilbao
Mit einer Mischung aus Wehmut, Zufriedenheit und Vorfreude auf einen neuen Lebensabschnitt hat sich Pello Bilbao aus dem professionellen Radsport verabschiedet. Bei der Lombardei-Rundfahrt setzte der Baske mit einem starken siebten Platz den Schlusspunkt hinter eine Karriere, die seine eigenen Erwartungen weit übertroffen hat. Nun möchte er vor allem die Zeit mit seiner Familie nachholen, die während seiner Profijahre zu kurz gekommen ist, und das Radfahren künftig wieder ohne den ständigen Leistungsdruck genießen.
Sein letztes Rennen hielt dabei einige Überraschungen bereit. Ohne Bilbaos Wissen waren seine Frau und die gemeinsamen Kinder kurzfristig angereist, um ihn bei seinem Abschied zu begleiten. Auch zahlreiche Freunde ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen, den 36-Jährigen bei seinem letzten Auftritt im Peloton zu unterstützen. Im Interview mit Marca blickte Bilbao auf einen Tag zurück, der ihm nicht nur sportlich in Erinnerung bleiben wird.

Emotionaler Abschied bei der Lombardei-Rundfahrt

„Es war von den Überraschungen am Morgen an sehr emotional und besonders. Meine Frau stand kurzfristig mit den Kindern da, und ich hatte keine Ahnung. Dass es mein letztes Rennen war, hätte schon gereicht. Doch dann waren die Kinder im Bus dabei, und so viele Freunde kamen, ohne dass ich davon wusste. Da kamen mir die Emotionen hoch“, schilderte Bilbao die bewegenden Stunden vor seinem Abschiedsrennen.
Pello Bilbao und Ion Izagirre bei der Lombardei-Rundfahrt 2026.
Pello Bilbao und Ion Izagirre bei der Lombardei-Rundfahrt 2026: Für Bilbao war der italienische Herbstklassiker das letzte Rennen seiner Profikarriere. Mit einem starken siebten Platz gelang ihm ein sportlich überzeugender Abschied.
Trotz der besonderen Umstände wollte sich der erfahrene Baske nicht einfach nur vom Peloton verabschieden. Vielmehr hatte er sich vorgenommen, bei einem der prestigeträchtigsten Eintagesrennen des internationalen Radsports noch einmal seine ganze Klasse unter Beweis zu stellen und seine Karriere mit einem Ergebnis abzuschließen, auf das er stolz sein konnte.
„Ich wusste, dass es meine letzten 240 Kilometer als Profi waren, meine letzten quälenden Anstrengungen auf dem Rad. Ich wollte an meine Grenzen gehen, den Moment genießen und mit einem guten Ergebnis abschließen. Zum Glück lief alles nach Plan. Ich konnte meine Form ausspielen und wurde Siebter. Angesichts der Konkurrenz und der Bedeutung dieses Monuments bin ich äußerst zufrieden.“

Pello Bilbao dachte bereits seit zwei Jahren über seinen Rücktritt nach

Der Entschluss, seine Profikarriere zu beenden, war keineswegs eine spontane Entscheidung. Schon seit längerer Zeit hatte sich Bilbao intensiv mit der Frage beschäftigt, wann der richtige Moment für seinen Abschied gekommen sein würde. Zwischenzeitlich geriet sein Vorhaben allerdings noch einmal ins Wanken, als sich neue sportliche Perspektiven eröffneten.
„Ich würde sagen, dass ich die Entscheidung vor zwei Jahren getroffen habe, aber es gab auch Zweifel. Mikel Landas Pläne kamen auf, ebenso die von Fran. Da war ich fast bereit, zurückzukommen. Das war vor der Clasica de Donosti. Am Ende änderte ich meine Meinung, erinnerte mich an all die Gründe, warum ich den Radsport verlassen wollte, und entschied, dass jetzt der richtige Zeitpunkt war.“
Ausschlaggebend waren letztlich vor allem die enormen Anforderungen, die das Leben als Radprofi mit sich bringt. Denn wer auf höchstem Niveau konkurrenzfähig bleiben möchte, muss weit mehr investieren als unzählige Trainingsstunden und Renntage. Auch abseits des Rades wird der gesamte Alltag von der Frage bestimmt, welche Auswirkungen einzelne Entscheidungen auf die sportliche Leistungsfähigkeit haben könnten.
„Es geht nicht nur darum, darauf zu achten, was man isst. Letztlich weiß man, dass alles, was man an einem Tag tut, entweder dazu beiträgt, am nächsten Tag möglichst gut zu trainieren, oder eben nicht das Richtige ist. Man wägt ständig ab.“

„Ich möchte so viel Zeit wie möglich mit meinen Kindern verbringen“

Bilbao bezeichnet sich selbst als Perfektionisten, der seinen Beruf stets mit größtmöglicher Hingabe ausgeübt hat. Genau diese Einstellung machte es ihm jedoch zunehmend schwer, nach dem Training oder einem Rennen gedanklich abzuschalten. Besonders im Familienalltag empfand er den ständigen Spagat zwischen den Ansprüchen des Spitzensports und seiner Rolle als Vater als belastend.
Pello Bilbao im Interview.
Nach einer langen und erfolgreichen Profikarriere verabschiedet sich Pello Bilbao aus dem Radsport. Künftig möchte der Baske vor allem mehr Zeit mit seiner Familie verbringen und das Leben ohne den ständigen Leistungsdruck genießen.
„Ich bin Perfektionist. Ich erledige meine Arbeit gern gut und kenne keine andere Art, Profi zu sein oder im Profisport zu bestehen. Gleichzeitig möchte ich so viel Zeit wie möglich mit meinen Kindern verbringen. Wenn ich zu Hause bin, will ich mich auf sie konzentrieren, mit ihnen spielen und nicht ans Radfahren denken. Das ist eines der schwierigsten Dinge an unserem Sport.“
Mit dem Karriereende verbindet Bilbao deshalb vor allem den Wunsch nach mehr persönlicher Freiheit. Künftig möchte er seinen Tagesablauf nicht länger nach Trainingsplänen, Ernährungsrichtlinien und Leistungsdaten ausrichten müssen. Die Möglichkeit, wieder spontan Entscheidungen treffen zu können, ohne ständig deren sportliche Konsequenzen abzuwägen, bedeutet für ihn einen entscheidenden Gewinn an Lebensqualität.
„Einfach diese Belastung loszuwerden, diese Ausschließlichkeit, die der Radsport verlangt. Aufwachen zu können, ohne darüber nachzudenken, was es zum Frühstück gibt, und einfach zu essen, worauf man Lust hat. Nicht auf die Waage zu steigen und nicht alle Daten an die Trainer schicken zu müssen.“
Ganz aus seinem Leben verschwinden soll das Fahrrad allerdings nicht. Vielmehr möchte Bilbao zu einer unbeschwerten Form des Radfahrens zurückfinden, bei der weder feste Trainingszeiten noch vorgegebene Leistungsziele eine Rolle spielen. Entscheidend soll künftig allein sein, worauf er gerade Lust hat.
„Das Rad als etwas zu sehen, das Freude macht, egal ob ich hier in der Gegend unterwegs bin oder einmal kräftig in die Pedale trete, wenn mir danach ist. Vor allem möchte ich Zeit für meine Freunde, meine Frau und meine Kinder haben. Zu Hause in Ruhe sein, ohne ständig darüber nachzudenken, was gut oder schlecht für mein Radfahren ist.“

Der Tod von Gino Mäder und ein unvergesslicher Tour-de-France-Sieg

Neben zahlreichen sportlichen Höhepunkten musste Bilbao während seiner langen Karriere auch schwere Schicksalsschläge verkraften. Besonders tief traf ihn der Tod seines damaligen Teamkollegen Gino Mäder. Doch auch der Verlust von Michele Scarponi und Victor Cabedo hat sich fest in sein Gedächtnis eingebrannt. Die drei Todesfälle führten ihm auf schmerzhafte Weise vor Augen, welche Gefahren der professionelle Radsport trotz aller Fortschritte weiterhin mit sich bringt.
Pello Bilbao in Aktion.
Pello Bilbao gehörte über viele Jahre zu den erfahrensten und zuverlässigsten Fahrern im internationalen Peloton. Zu den emotionalsten Höhepunkten seiner Karriere zählt sein Etappensieg bei der Tour de France 2023, den er dem verstorbenen Gino Mäder widmete.
„Am härtesten war, was Gino Mäder passiert ist, ebenso wie Scarponi und Victor Cabedo. Wir wissen, dass so etwas passieren kann und jeden von uns treffen könnte. Trotzdem hofft man immer, dass es einen selbst möglichst wenig berührt. Am Ende hat mich das sehr getroffen. Wenn man drei Rennfahrerkollegen verliert, rücken die Risiken unseres Sports ganz nah. Das war schwer.“
Nur rund einen Monat nach Mäders tragischem Tod erlebte Bilbao einen der bedeutendsten Momente seiner Karriere. Bei der Tour de France gelang ihm ein Etappensieg, der weit über den sportlichen Erfolg hinausging. Nach den schwierigen Wochen zuvor bedeutete dieser Triumph sowohl für ihn persönlich als auch für die gesamte Mannschaft eine enorme emotionale Erleichterung.
„Etwa einen Monat nach der Tragödie, bei der wir Gino Mäder verloren, kam der Sieg bei der Tour de France. Eine Etappe bei der Tour zu gewinnen, gab mir die Möglichkeit, innezuhalten und etwas Erleichterung zu finden – angesichts dessen, was dieser Sieg für mich persönlich und für das ganze Team bedeutete.“
Dass er diesen besonderen Erfolg seinem verstorbenen Teamkollegen widmen konnte, verlieh dem Sieg eine zusätzliche Bedeutung. Zugleich empfand Bilbao den Triumph als Bestätigung für die intensive Arbeit, die er und seine Mannschaft in die Vorbereitung auf die Frankreich-Rundfahrt investiert hatten.
„Diesen Sieg Gino widmen zu können, machte all die Energie sinnvoll, die wir in die Vorbereitung auf die Tour gesteckt hatten. Wir haben gezeigt: Wenn man mit besonderer Energie und Motivation fährt, kann Großartiges gelingen.“

Die Dominanz von Tadej Pogacar verändert den Radsport

Zum Abschluss seiner Laufbahn blickt Bilbao auch auf die grundlegenden Veränderungen zurück, die der professionelle Radsport in den vergangenen Jahren durchlaufen hat. Insbesondere der Aufstieg von Ausnahmefahrern wie Tadej Pogacar hat die Kräfteverhältnisse im Peloton nachhaltig verschoben. Einerseits sorgen diese Athleten für spektakuläre Rennen und begeistern die Zuschauer mit außergewöhnlichen Leistungen. Andererseits machen sie es ihren Konkurrenten zunehmend schwer, selbst noch große Siege zu feiern.
„Mitunter bedeutet das, die Hoffnung auf einen Sieg zu verlieren oder nicht mehr daran zu glauben, wirklich gewinnen zu können. Dann muss man auf Platz zwei oder drei hoffen – oder auf das bestmögliche Ergebnis.“
Einen wesentlichen Grund für diese Entwicklung sieht Bilbao in den enormen Fortschritten bei der wissenschaftlichen Betreuung und der Ernährung der Fahrer. Während selbst die größten Talente früher regelmäßig Schwächephasen durchlebten, ermöglichen die immer präziseren Trainings- und Ernährungskonzepte heute eine bemerkenswerte Konstanz. In Kombination mit außergewöhnlichen körperlichen Voraussetzungen entsteht dadurch eine Dominanz, gegen die selbst andere Spitzenfahrer nur schwer ankommen.
„Bevor diese außergewöhnlichen Fahrer aufkamen, hatte jedes große Talent meiner Meinung nach einmal einen schlechten Tag – oder konnte zumindest einen haben. Niemand war unbesiegbar, zumindest kam es mir so vor. Doch in den vergangenen Jahren wird dank der Fortschritte vor allem in Wissenschaft und Ernährung alles so genau gemessen und kontrolliert. Ein außergewöhnlicher Motor, der nie versagt und bei dem alles unter Kontrolle ist, wird zur Siegermaschine.“
Dennoch betrachtet Bilbao diese Entwicklung nicht ausschließlich kritisch. Die Herausforderung, sich mit den besten Fahrern der Welt zu messen, sei für ihn stets auch eine zusätzliche Motivation gewesen. Zudem erkennt er an, dass die außergewöhnlichen Leistungen der dominierenden Stars maßgeblich zur wachsenden Attraktivität des Radsports beigetragen haben. Für ihre Konkurrenten bleibt die Kehrseite dieser Entwicklung allerdings unübersehbar.
„Einerseits war es ein Ansporn, mit diesen außergewöhnlichen Fahrern zu konkurrieren. Man sieht, wie das Spektakel wächst, und sie haben dazu beigetragen, den Radsport groß zu machen. Andererseits weiß man, dass es extrem schwierig ist, um den Sieg zu kämpfen.“
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