Victor Campenaerts kam zu
Team Visma | Lease a Bike als erfahrener Profi mit einem Tour-de-France-Etappensieg, einem Stundenweltrekord und dem Ruf als einer der stärksten Motoren im Peloton. Gut ein Jahr später scheint er für die Grand-Tour-Ambitionen von
Jonas Vingegaard noch wertvoller geworden zu sein.
Laut der belgischen Zeitung Het Laatste Nieuws will Visma den Vertrag von Campenaerts um eine weitere Saison verlängern, obwohl der Belgier bereits bis Ende 2027 an das Team gebunden ist. Der Schritt fällt in einen Giro d’Italia, in dem der 34-Jährige erneut zu den sichtbarsten Helfern rund um Vingegaard zählt. Seine Bedeutung geht deutlich über klassische Domestikenarbeit hinaus.
In den vergangenen 18 Monaten hat sich Campenaerts immer stärker zu einem der Fahrer entwickelt, denen Visma das Kontrollieren des Chaos rund um ihren Tour-de-France-Sieger anvertraut. Auf nervösen Flachetappen lotst er Vingegaard durch Positionskämpfe und heikle Finales. In Bergetappen kommt er deutlich weiter als die meisten traditionellen Rouleure. Im Rennen selbst agiert er faktisch als einer der Straßenkapitäne des Teams.
Diese Entwicklung zählt zu den ungewöhnlicheren Verwandlungen im modernen Radsport. Über weite Teile seiner frühen Karriere konzentrierte sich Campenaerts fast ausschließlich auf die individuelle Leistung. Zeitfahren waren seine Obsession. Marginal Gains, Aerodynamik und Wattwerte prägten seinen Ruf stärker als Taktik oder Unterstützung in Grand Tours.
Inzwischen beschreibt er seine Rolle jedoch ganz anders. „Meine Rolle ist sehr vielfältig. In den Flachetappen versuche ich, der bestmögliche Zeitfahrer zu sein. In den Bergetappen versuche ich, meine besten Kletterbeine zu finden. Ich hoffe, Jonas findet, dass das reicht“, sagte Campenaerts gegenüber Het Laatste Nieuws während des Giro d’Italia.
Vom Stundenrekord-Spezialisten zum Vingegaard-Leutnant
Campenaerts’ Weg in die Elite der Helfer geschah nicht über Nacht. Nach Jahren auf der Jagd nach Individualergebnissen veränderten sein wachsender Fokus auf Klassiker und aggressive Fluchtgruppen schrittweise seinen Blick aufs Rennen. Als er vor 2025 zu Visma kam, war er bereits einer der vielseitigsten Allround-Helfer im Peloton. Genau diese Vielseitigkeit macht ihn für Vingegaard so wertvoll.
Moderne Grand Tours werden längst nicht mehr nur in den Bergen gewonnen. Teams messen Fahrern, die über drei Wochen unterschiedliche Rennszenarien beherrschen, enorme Bedeutung zu. Campenaerts zieht auf flachem Terrain wie ein Klassikerspezialist, fährt Zeitfahren auf Top-Niveau, übersteht Mittelgebirgsetappen und liefert spät im Rennen noch taktische Beiträge.
Ebenso wichtig: Er scheint ein starkes Verständnis mit Vingegaard selbst entwickelt zu haben. „Es ist nicht so, dass wir in der Saisonpause mit der Familie essen gehen oder von Dänemark nach Belgien fliegen oder umgekehrt, aber wir fahren viel zusammen Rennen und wir haben einen guten ‚Match‘, auch weil meine Fähigkeiten als Superdomestik ihm helfen, Rennen zu gewinnen.“
Diese Beziehung ist in Vingegaards Giro-Tour-Double-Projekt in dieser Saison besonders wichtig geworden, in dem Visma stark auf erfahrene Fahrer setzt, die den Dänen durch stressige Rennsituationen bringen, noch bevor die entscheidenden Bergetappen beginnen.
Für Campenaerts erforderte die Anpassung an die Helferrolle einen kompletten Mindset-Wechsel. „Ich musste das lernen. Zuerst war ich Zeitfahrer und hatte in dem Moment wenig Ahnung, wie Teamsport wirklich funktioniert“, gab er zu. „Ich saß mit meinen Teamkollegen am Esstisch, aber wie man ein guter Domestik ist … ehrlich gesagt, das hat mich damals nicht interessiert. Ich wollte nur Zeitfahren gewinnen.“
Erst später, mit stärkerem Fokus auf Klassiker und teamorientiertes Fahren, änderte sich seine Perspektive. „Indem ich mich danach mehr auf die Klassiker konzentriert habe, habe ich diese Teamdynamik viel besser verstanden.“
Dieses Verständnis hat ihn inzwischen offenbar zu einem der vertrauenswürdigsten Fahrer in der gesamten Visma-Struktur gemacht. Und wenn sich die aktuellen Berichte aus Belgien bestätigen, plant das Team bereits, Vingegaards immer wichtigeren Leutnant auch über 2027 hinaus zu halten.