Der Profiradsport erlebt einen rasant wachsenden Zustrom an jungen Talenten. Vor zehn Jahren galten 18- oder 19-jährige Fahrer auf Topniveau noch als absolute Ausnahme. 2026 ist diese Ausnahme beinahe zur Regel geworden. Namen wie
Adrià Pericas oder Héctor Álvarez in Spanien sowie
Paul Seixas,
Lorenzo Finn oder Matthew Brennan prägen diese Entwicklung auf internationaler Ebene.
Im Podcast
The Move von Lance Armstrong analysierten
Johan Bruyneel und Spencer Martin detailliert jene Fahrer, die alters- und leistungsbedingt das Peloton der nahen Zukunft formen dürften. Der Fokus lag nicht auf fernen Perspektiven, sondern auf Profis, die bereits heute Rennen beeinflussen, entscheiden oder gewinnen.
Junge Stars, neue Maßstäbe
Spencer Martin formulierte die Grundannahme klar: „Jedes Jahr wird es schwerer, diese Liste zu erstellen, weil die Fahrer, die in den größten Rennen glänzen, immer jünger werden. Um die nächsten zu finden, müssen wir noch weiter im Alter runtergehen.“ Diese Realität richtet den Blick zunehmend auf die U23-Kategorie und sogar auf Fahrer, die Entwicklungsprogramme mit punktuellen WorldTour-Einsätzen verbinden.
Ein Name dominierte große Teile des Gesprächs:
Paul Seixas.
Johan Bruyneel ordnete dessen Status ohne Zögern historisch ein: „Ist Paul Seixas der beste 18-Jährige, den wir je gesehen haben? Ich würde wahrscheinlich ja sagen.“ Angesichts der Entwicklung des modernen Radsports ist das eine gewichtige Aussage, denn Fahrer dieses Alters durften bis vor Kurzem kaum gegen Profis antreten. Für Bruyneel verkörpert Seixas den Paradigmenwechsel, den Fahrer wie Remco Evenepoel angestoßen haben: „Remco war ein bisschen ein Pionier, der das verändert hat, er wurde mit 18 oder 19 Profi.“
Über nackte Zahlen hinaus betonte Bruyneel, wie selbstverständlich Seixas bereits auf höchstem Niveau agiert: „Er ist echt, das wahre Talent.“ Er erinnerte an Auftritte wie beim Dauphiné, als Seixas an den Top Ten kratzte, sowie an seine Reife in Rundfahrten. Dort verzichtete er bewusst auf einen möglichen Sieg zugunsten eines Teamkollegen – etwa bei der Tour of the Alps 2025, als er Nicolas Prodhomme zu dessen erstem Profisieg verhalf, statt selbst zu gewinnen. Für Bruyneel definiert auch diese Geste den Fahrer: „Er sagte, er werde noch viele Chancen bekommen. Diese Mentalität sagt viel aus.“
Ein weiterer Fixpunkt der Analyse war Matthew Brennan. Spencer Martin zeigte sich vom rasanten Aufstieg des Briten beeindruckt: „Ich glaube, er war der Fahrer, der mich letztes Jahr am meisten überrascht hat. Er gewann 12 Profirennen, was verrückt ist.“ Bruyneel stimmte zu und sah eine klare Fortsetzung dieses Trends: „Dieses Jahr, soweit wir ihn gesehen haben, wirkt er noch besser als letztes Jahr. Er verbessert sich klar.“ Für beide steht Brennan exemplarisch für den modernen Fahrertyp: jung, vielseitig und sofort siegfähig.
Die Liste bestätigter Talente umfasst auch Profile wie Tibor Del Grosso, der Cyclocross und Straße erfolgreich verbindet. Bruyneel hob dessen schnelle Anpassung an die WorldTour hervor: „Ich erinnere mich an seine Auftritte bei der Volta a Catalunya, einem WorldTour-Rennen, und das konnte man da schon sehen.“ Sein zweiter Platz bei den Cyclocross-Weltmeisterschaften der Elite, obwohl noch für die U23 startberechtigt, unterstreicht das enorme Potenzial eines Fahrers mit sehr hoher Decke.
Mit Blick auf spekulativere Zukunftswetten nannte
Johan Bruyneel zuerst Jakob Omrzel, einen 19-jährigen Slowenen. Seine Begründung fiel klar aus: „Er ist groß, sehr schmal, aber mit einem riesigen Motor. Er wurde bei der Tour of Slovenia als Kind mit den Profis Vierter.“ Auch der nationale Kontext spielt eine Rolle, denn Slowenien gilt seit einem Jahrzehnt als Brutstätte früher Top-Talente.
Spencer Martin wiederum setzte auf
Lorenzo Finn als seinen großen Tipp. Er verwies auf einen entscheidenden Leistungsnachweis: „Er gewann die Junioren-WM und im Jahr darauf die U23-WM. Das mit 18 gegen Fahrer fast 23 zu schaffen, ist eine enorme körperliche Lücke.“ Für Martin ist genau dieser Sprung ein untrügliches Zeichen für einen künftigen Champion.
Auch junge Kletterer wie
Adrià Pericas fanden in der Analyse besondere Beachtung. Bruyneel lobte dessen taktische Kühnheit und die Bereitschaft, sich mit den Besten zu messen. Beim jüngsten Trofeo Serra de Tramuntana fuhr der U23-Fahrer von UAE Team Emirates - XRG in der Fluchtgruppe und erwies sich anschließend als stärkster Begleiter von Evenepoel, als der Belgier aus dem Feld heraus zum Sieg attackierte.
Adrià Pericas, spanischer Fahrer vom UAE Team Emirates
„Er hat es gewagt, Remco den ganzen Anstieg hoch zu folgen. Am Abstieg abgehängt zu werden, ist eine andere Geschichte, aber es zeigt, wie gut die großen Namen sind.“ Solche Erfahrungen gelten als essenziell für die beschleunigte Lernkurve, der diese Fahrer ausgesetzt sind.
Ein weiterer auffälliger Name war Héctor Álvarez, mit einem für einen reinen Kletterer ungewöhnlichen Körperbau. Bruyneel brachte es auf den Punkt: „Wenn du mit dieser Statur bei einer WM Vierter und bei einer EM Dritter auf derart harten Kursen wirst, hast du einen riesigen Motor.“ Sein zweiter Platz beim Trofeo Calvia, als er António Morgado an den Tagesanstiegen Paroli bot, untermauerte seinen Status nicht nur als Entwicklungstalent, sondern bereits als etablierter Top-Akteur.
Über alle Namen hinaus stand eine zentrale Frage im Raum: Ist es gut, so jung schon so gut zu sein? Bruyneel lieferte die zusammenfassende Reflexion des Podcasts: „Du willst nicht nur der beste 18-Jährige der Geschichte sein. Du willst dich weiter verbessern und vielleicht der beste Fahrer der Geschichte werden.“ Der Bezug zu Pogacar liegt nahe, als Beispiel eines Fahrers, der sich trotz extrem frühen Einstiegs kontinuierlich an die Spitze weiterentwickelt hat.
Spencer Martin schloss mit einem Appell an Geduld und stetige Entwicklung: „Der Schlüssel ist die Verbesserung. Diese Jungs sind alle fantastisch, aber wenn sie große Rennen gewinnen wollen, müssen sie weiter wachsen.“ In einem Sport, in dem Frühreife längst keine Ausnahme mehr ist, besteht die eigentliche Herausforderung für diese künftigen Stars darin, die Entwicklung aufrechtzuerhalten und frühes Talent in eine lange, erfolgreiche Karriere zu überführen.