„Ich will Weltmeister werden“ – LIDL-Treks neuer Diamant will Spanien zurück auf die Klassiker-Landkarte bringen

Radsport
durch Nic Gayer
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Hector Alvarez hatte schon seit Jahren an die Tür zu einem großen internationalen Titel geklopft. Sechster bei der Junioren-Radsport-WM, Vize-Europameister in derselben Altersklasse, Vierter bei seiner ersten U23-Radsport-WM und anschließend Dritter bei der Europameisterschaft: Seine Entwicklung führte ihn kontinuierlich näher an die Spitze. Es folgten Silber bei der Radsport-WM und schließlich Gold bei der Europameisterschaft. Für den Fahrer aus Alicante war dieser Triumph deshalb auch das Begleichen einer lange offenen Rechnung.
Der Gewinn des U23-Europameistertitels war für Alvarez weit mehr als nur eine weitere Medaille. Nach mehreren Saisons, in denen er dem ganz großen Erfolg immer wieder nahegekommen war, konnte er endlich „eine Last von meinen Schultern nehmen“. Alvarez wusste, dass sich die jahrelange Arbeit irgendwann auszahlen musste: „Wir wussten, dass wir so hart angeklopft hatten, dass irgendwann eine Tür aufgehen musste.“

Nach EM-Gold: Alvarez nimmt das Double ins Visier

Nun trägt Alvarez das Europameistertrikot auf den Schultern – und sein Blick richtet sich bereits auf die nächste Herausforderung. Am Mittwoch bestreitet er das Zeitfahren, in dem sich ihm die Chance auf das goldene Double bietet. Angesichts der Streckencharakteristik bezeichnet er dieses Ziel als „gut“ und „überhaupt nicht unrealistisch“. Gleichzeitig weiß Alvarez, dass nach den Strapazen des Straßenrennens vor allem die Regeneration darüber entscheiden wird, was noch möglich ist.
Hector Alvarez in Aktion.
Hector Alvarez hat mit seinem U23-EM-Titel eine lange offene Rechnung beglichen – doch der Spanier träumt bereits von weiteren Titeln und großen Erfolgen bei den Klassikern.
Doch Alvarez geht es nicht allein um Medaillen. Der Spanier möchte in seinem Heimatland ein anderes Bild davon prägen, welche Art von Fahrer an die Weltspitze gelangen kann. „Ich möchte zeigen, dass Spanien auch Klassikerfahrer hervorbringt“, sagte er gegenüber Marca. Seine Vorbilder sind deshalb nicht ausschließlich die großen spanischen Rundfahrer. Alvarez orientiert sich auch an Mads Pedersen, Wout Van Aert und Mathieu van der Poel. Über seinem eigenen Weg steht dabei ein besonders großer Traum: Weltmeister zu werden.

Die offene Rechnung ist endlich beglichen

Die Silbermedaille bei der Radsport-WM hatte bei Alvarez gemischte Gefühle hinterlassen. Nachdem er den Sprint der Verfolgergruppe gewonnen hatte, schlug er beim Überqueren der Ziellinie auf seinen Lenker. Nicht, weil er mit Silber grundsätzlich unzufrieden gewesen wäre. Vielmehr überwog in diesem Moment der Frust über eine große Chance, die zum Greifen nah gewesen war – und dennoch ungenutzt blieb.
„Man weiß, dass man der Stärkste in der Gruppe war und wir vielleicht den Fokus verloren und etwas zu spät reagiert haben“, erinnert sich Alvarez. Ashlin Barry hatte die Favoriten zuvor ausmanövriert. Als Alvarez schließlich reagierte, war der entscheidende Moment bereits vorbei. „Wenn man den Gruppensprint gewinnt und vielleicht der Stärkste war, frustriert einen das ein wenig. Aber dann betrachtet man es von außen und freut sich.“
Bei der Europameisterschaft sollte sich eine andere Geschichte entwickeln. Spanien ging als einer der großen Favoriten ins Rennen, übernahm von Beginn an Verantwortung – und Alvarez entschied sich dazu, offensiv zu fahren. Im richtigen Moment attackierte er, erarbeitete sich auf einem flachen Abschnitt einen kleinen Vorsprung und wurde am folgenden Anstieg zwar wieder eingeholt. Doch genau dort bemerkte Alvarez, dass seine Konkurrenten bereits an ihre Grenzen gehen mussten.
Als das Terrain anschließend wieder besser zu seinen Qualitäten passte, beschleunigte Alvarez ein weiteres Mal. Diesmal konnte niemand mehr folgen. Der Triumph war der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die Jahre zuvor begonnen hatte – und gibt ihm nun die Möglichkeit, mit deutlich größerer Freiheit Rennen zu fahren. „Ich glaube, ich habe den ganzen Druck abgelegt, den ich verspürt habe, weil ich unbedingt gewinnen wollte“, gesteht er. Die offene Rechnung ist endlich beglichen.

Der Klassikerfahrer, der Spaniens Drehbuch ändern will

Alvarez hat nie einen Hehl daraus gemacht, welcher Fahrertyp er sein möchte. Schon früh fühlte er sich besonders von den Klassikern angezogen. Während der spanische Radsport traditionell stark von Kletterern und Rundfahrern geprägt ist, suchte Alvarez seine Inspiration bewusst anderswo. „Wenn ich auf dem Sofa sitze, schaue ich am liebsten die Klassiker“, erklärt er.
Mads Pedersen, Wout Van Aert und Mathieu van der Poel verkörpern genau jene Art des Radsports, die ihn begeistert. Eine besondere Anekdote mit Pedersen steht sinnbildlich dafür, wie Alvarez seine eigene Identität als Fahrer entwickelt hat. Bei den Boucles de la Mayenne klebte der Däne einen Sticker mit seinem Gesicht auf den Helm des Spaniers und erklärte ihm, er dürfe diesen erst entfernen, wenn er ein Rennen gewonnen habe. Seit seinem Europameistertitel hat Alvarez nun offiziell die Erlaubnis dazu.
Auch bei seinem größten Traum gibt es für ihn keine Zweifel: „Ich möchte Weltmeister werden.“ Müsste Alvarez wiederum einen einzigen Klassiker auswählen, den er unbedingt gewinnen möchte, wäre seine Antwort ebenso eindeutig: die Flandern-Rundfahrt. Dennoch will er sein Profil keineswegs auf diese Rennen beschränken. Sein Ziel ist es, ein Fahrer zu werden, der selbst in den Klassikern um Siege kämpfen und gleichzeitig einen Kapitän auf anspruchsvollen Bergetappen unterstützen kann.
Diese angestrebte Vielseitigkeit erklärt auch seine Begeisterung für den Bahnradsport. Alvarez arbeitet weiter daran, beide Disziplinen miteinander zu verbinden, wobei die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles zu seinen großen Zielen gehören. „Wenn ich beides miteinander verbinden kann, wäre das ideal“, sagt er. Auf der Straße wartet bereits in der kommenden Saison der nächste entscheidende Schritt, wenn er in die höchste Kategorie aufsteigt.
Hector Alvarez bei der Baloise Belgium Tour.
Hector Alvarez will sich als einer der besten Klassikerfahrer seiner Generation etablieren und beweisen, dass Spanien auch auf diesem Terrain zur Weltspitze gehören kann.

„Ich muss mich noch in vielen Bereichen verbessern“

Alvarez selbst weiß, dass er sein persönliches Limit noch längst nicht erreicht hat. Seine bisherige Entwicklung verlief bewusst Schritt für Schritt. Nach eigener Einschätzung gibt es praktisch in sämtlichen Bereichen noch Verbesserungspotenzial – vom Training über die Ernährung bis hin zur Vorbereitung. Gerade diese Gelassenheit sei jedoch entscheidend dafür gewesen, dass er sich die Freude am Radsport bis heute bewahrt habe.
„Seit ich klein war, habe ich es immer wie ein Spiel behandelt, und das tue ich noch immer“, sagt Alvarez. Gerade wenn es ihm gelingt, dieses Gefühl zu bewahren, fährt er nach eigener Einschätzung seine besten Rennen. Gleichzeitig ist ihm bewusst, dass nun Veränderungen bevorstehen. Im kommenden Jahr müsse er „alle Karten auf den Tisch legen“ und beweisen, dass er bereit dafür ist, sich mit den Profis zu messen.
Wertvolle Erfahrungen sammelte Alvarez auch an der Seite jener Fahrer, mit denen er bereits zusammengearbeitet hat. Insbesondere die gemeinsame Zeit mit Juan Ayuso eröffnete ihm eine weitere Dimension des Radsports: die Verantwortung eines Kapitäns, aber ebenso den Wert eines Fahrers, der einen Teamkollegen unterstützen kann. Zwischen diesen beiden Rollen möchte Alvarez künftig die richtige Balance finden. „Ich möchte ein Klassikerfahrer sein, der später einen großen Kapitän in den Bergen unterstützen kann“, erklärt er.
Seine persönliche Entwicklung fällt dabei mit dem Aufstieg einer spanischen Generation zusammen, die bereits in den Nachwuchskategorien bedeutende Erfolge feiert. Alvarez hebt insbesondere die Atmosphäre innerhalb dieser Gruppe und das große gegenseitige Vertrauen hervor. Viele der Fahrer treten bereits seit Jahren gemeinsam für die spanische Nationalmannschaft an. „Zu sehen, wie wir unsere Träume verwirklichen und so gut fahren, ist unvergesslich“, sagt Alvarez.

Das Double und eine Zukunft, die bereits anklopft

Schon bei der Europameisterschaft könnte Alvarez seiner Erfolgsgeschichte ein weiteres Kapitel hinzufügen. Nur wenige Tage nach seinem Triumph im Straßenrennen wartet im Zeitfahren die nächste Herausforderung – und der Spanier macht keinen Hehl aus seinem Ehrgeiz. Sein Ziel: „Auch dieses Rennen gewinnen.“ Die Strecke gibt ihm Grund, an das goldene Double zu glauben. Zunächst muss sich allerdings zeigen, wie sein Körper die bisherigen Belastungen verkraftet hat.
Ein weiterer Erfolg würde zudem eine ganz besondere Familientradition fortsetzen. Sämtliche Medaillen von Alvarez landen im Zimmer seines Großvaters. Sollte nun eine zweite Goldmedaille hinzukommen, würden dort künftig beide kontinentalen Titel gemeinsam ihren Platz finden. Doch auch danach warten bereits die nächsten großen Aufgaben: die U23-Ausgabe von Paris-Tours sowie die Bahn-Radsport-WM in China.
Seine Botschaft bringt den enormen Ehrgeiz des Spaniers auf den Punkt. Alvarez will keine Ausnahmeerscheinung bleiben, sondern der erste Vertreter einer neuen Generation sein. „Wir wollen die Besten sein“, sagt er. Mit seinem EM-Gold hat er bereits bewiesen, dass dieser Anspruch keineswegs vermessen ist. Jetzt möchte Alvarez dafür sorgen, dass künftig auch die großen Klassiker Spanisch sprechen.
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