Über Jahre folgte
Enric Mas’ Grand-Tour-Kalender dem gleichen Muster. Tour de France. Vuelta a España. Wiederholen. Nun bereitet sich der Movistar-Kapitän erstmals in seiner Karriere auf den Start beim
Giro d’Italia vor, ein Rennen, das er nach eigener Aussage lange im Kopf hatte, aber nie wirklich frei anvisieren konnte.
Vor dem Grande Partenza des Giro d’Italia 2026 in Bulgarien erklärte Mas, dass die Entscheidung, die Tour in dieser Saison auszulassen, weit mehr Gründe habe als reine Terminplanung.
„Ich brauchte mindestens ein Jahr Pause von der Tour de France“,
sagte Mas im Gespräch mit CiclismoAlDía. „Nach mehreren Jahren, in denen es nicht lief, haben mir viele gesagt, der Giro sei etwas Besonderes. Also war dies das Jahr, den Plan zu ändern.“
Der spanische Kletterer teilt beim Giro die Kapitänsrolle, während Cian Uijtdebroeks später im Sommer bei Movistar die Verantwortung für die Tour de France übernimmt.
Neustart nach schwierigen Jahren
Mas kommt mit Ambition und Ungewissheit zum Giro. Der 31-Jährige hat seinen Grand-Tour-Ruf vor allem durch Konstanz bei der Vuelta a España aufgebaut, wo er viermal auf dem Podium stand. Seine Beziehung zur Tour de France wurde in jüngeren Saisons jedoch durch Stürze, Verletzungen und enttäuschende Auftritte zunehmend kompliziert.
Diese Frustration scheint die Kursänderung in diesem Jahr maßgeblich beeinflusst zu haben. „Vor allem wollte ich einen Tapetenwechsel“, räumte Mas ein. „Mein Ziel war es, den Giro wenigstens einmal zu genießen.“
Auch der Weg zum Giro war erneut von Unterbrechungen geprägt. Mas erlitt seit der letztjährigen Tour zwei Verletzungen und ist seit der Katalonien-Rundfahrt im Frühjahr nicht mehr im Rennen gewesen.
Dennoch betonte der Spanier, seine Vorbereitung sei über Höhencamps gezielt gesteuert worden. Er reise mit Vertrauen in Form und Verfassung nach Bulgarien. „Man sagt, es gibt einen Sturz pro Jahr, und meinen hatte ich schon“, witzelte Mas. „Ich hoffe, das Pech ist vorbei.“
Podiumsambition bleibt klar
Auch wenn Mas wiederholt davon sprach, das Erlebnis Giro endlich genießen zu wollen, machte er deutlich, dass er nicht nur zum Mitfahren antritt. „Natürlich ist das Ziel das Gesamtklassement“, sagte er.
Gleichzeitig verwies der Movistar-Kapitän auf die Unwägbarkeiten eines dreiwöchigen Giros. „Es können tausend Dinge passieren, und dann braucht man vielleicht einen Plan B.“
Angeführt wird der Kampf ums Gesamtpodium vom klaren Topfavoriten Jonas Vingegaard. Dahinter hat sich jedoch eine breite zweite Reihe gebildet, unter anderem mit Adam Yates, Egan Bernal, Derek Gee und Giulio Pellizzari.
Mas selbst erkannte die Tiefe des Feldes an. „Es gibt viele Rivalen, es ist ein sehr kompletter Giro“, erklärte er. „Es stimmt, dass es drei sehr wichtige Ausfälle im Podiumskampf gab. Aber wir werden sehen, wie sich das Rennen entwickelt.“
Kälte bleibt größte Sorge
Zwar glaubt Mas, dass ihm die Strecke insgesamt recht gut liegt, doch ein Aspekt macht ihm mehr Sorgen als jeder andere. „Am meisten Angst macht mir die Kälte“, sagte er. „Damit habe ich große Probleme.“
Der Spanier tat sich historisch bei schlechtem Wetter schwer und hofft, dass der Start in Südeuropa statt im Norden Italiens das Risiko in der ersten Woche mindert. „Ich hoffe, dass wir, weil es dieses Jahr weiter südlich losgeht, ein paar Wochen bekommen, in denen das Wetter für uns spielt.“
Mas verwies zudem konkret auf die 20. Etappe als möglichen Schlüsseltag. „Vielleicht ist sie nicht die härteste, aber ich glaube, Etappe 20 wird zur schwierigsten“, prognostizierte er. „Nach drei Rennwochen ist es ein sehr harter Tag. Ich denke, dort können die außergewöhnlichsten Dinge passieren.“
Movistar balanciert Gesamtwertung und Sprintziele
Movistars Giro-Strategie dreht sich nicht ausschließlich um Mas. Das spanische Team reist auch mit Sprintambitionen durch Orluis Aular an, was Mas vor dem Auftakt in Bulgarien offen anerkannte. „Auf Etappe 1 gehört der Tag Orluis Aular“, sagte er. „Darauf stelle ich mich ein.“
Gleichzeitig hob Mas die Bedeutung von Teamkollege Einer Rubio in den Bergen hervor, um die GC-Ziele tief ins Rennen zu stützen. „Das Ziel ist, dass wir in den Bergen zusammenbleiben“, erklärte Mas.
Zum ersten Mal seit Jahren wirkt das Umfeld um Mas vor einer Grand Tour spürbar anders. Statt des gewohnten Drucks und der Erwartungen rund um eine weitere Tour-de-France-Kampagne kommt der Spanier zum Giro mit einem deutlich einfacheren Auftrag: neue Reize, frisches Selbstvertrauen und die Hoffnung, dass ein anderes Rennen endlich wieder das Beste aus ihm herausholt.