Matthew Brennan startete in seine erste Grand Tour mit einer großen Unbekannten: Wie würde sein erst 21 Jahre alter Körper auf drei Wochen Rennbelastung reagieren? Am Schlusstag der
Vuelta a Espana 2026 hat der Brite diese Frage eindrucksvoll beantwortet. Fünf Etappensiege stehen auf seinem Konto – und sein Name bereits in den Rekordbüchern.
Der Youngster von
Visma - Lease a Bike ist der jüngste Fahrer überhaupt, der fünf Etappen bei einer einzigen Grand Tour gewonnen hat. Zudem gelang seit Fons De Wolf bei der Vuelta 1979 keinem Debütanten mehr dieses Kunststück. Brennan ist darüber hinaus der erste Brite seit Mark Cavendish im Jahr 2013, der fünf Tagessiege bei einer Grand Tour feiern konnte.
„Ich habe gelernt, dass ich deutlich robuster bin, als ich dachte“
Vor der 21. Etappe in Granada sprach Brennan bei TNT Sports darüber, wie sehr die vergangenen drei Wochen seine eigene Einschätzung seiner Belastbarkeit verändert haben. „Ich habe gelernt, dass ich deutlich robuster bin, als ich dachte“, erklärte er. „Am Start eines Rennens denkst du, 21 Tage sind eine Menge. Aber die Stimmung im Rennen war richtig gut. Du beginnst, dir selbst zu vertrauen.“
Gleichzeitig lernte der 21-Jährige die enormen körperlichen Schwankungen kennen, die eine dreiwöchige Rundfahrt mit sich bringt. „An manchen Tagen fühlst du dich großartig, an anderen katastrophal. Gestern war so ein Beispiel. Ich konnte nicht wirklich viel ausrichten“, räumte Brennan ein. „Es war eine sehr gute Erfahrung zu sehen, wo die Grenzen liegen und wie ich es Tag für Tag angehe.“
Fünf Chancen – und fünfmal schlägt Brennan zu
Brennans beeindruckende Vuelta begann bereits auf der zweiten Etappe von Monaco nach Manosque. Im ansteigenden Finale setzte er sich gegen Pau Miquel und Tadej Pogacar durch und feierte seinen ersten Grand-Tour-Etappensieg.
Nur drei Tage später verdoppelte Brennan seine Ausbeute in Roquetes.
Wout Van Aert und Christophe Laporte bereiteten den Erfolg maßgeblich vor. Auf der elften Etappe in Lorca folgte Sieg Nummer drei, ehe der junge Brite in der Schlusswoche auch in La Rabida und Sevilla zuschlug.
Mit seinem fünften Triumph schrieb Brennan endgültig Geschichte. Seit 47 Jahren hatte kein Fahrer bei seinem Grand-Tour-Debüt fünf Etappen gewinnen können.
Besonders bemerkenswert ist, dass Brennans fünf Erfolge exakt auf jene fünf Etappen fielen, die Visma - Lease a Bike vor dem Start letztlich als seine wichtigsten Siegchancen identifiziert hatte. Ursprünglich hatte die Mannschaft rund zehn mögliche Gelegenheiten ins Auge gefasst, bevor die Auswahl auf fünf Tage reduziert wurde.
Das tatsächliche Ausmaß seines Erfolgs übertraf Brennans persönliche Zielsetzung dennoch bei Weitem. Nach der 16. Etappe, als er bereits vier Siege gesammelt hatte, brachte er seine Überraschung selbst auf den Punkt: „Die Emotion ist trotzdem dieselbe. Es ist unglaublich: vier Siege hier, obwohl der Plan einer war!“
Van Aert und Laporte als entscheidende Helfer
Einen wichtigen Anteil an Brennans außergewöhnlicher Bilanz hatten Van Aert und Laporte. Beide Routiniers spielten während der gesamten Rundfahrt Schlüsselrollen in der Vorbereitung seiner Sprints und brachten ihren jungen Teamkollegen mehrfach in die ideale Ausgangsposition.
Nach seinem zweiten Etappenerfolg bezeichnete Brennan das Duo als „die Besten der Welt für diese Art von Situation“. Auch bei seinem vierten Sieg in La Rabida leistete insbesondere Van Aert erneut entscheidende Vorarbeit.
Doch selbst eine historische Erfolgsserie konnte nicht verhindern, dass Brennan gegen Ende seiner ersten Grand Tour die Belastungen der vergangenen Wochen deutlich spürte. Nach der 20. Etappe waren die körperlichen und mentalen Reserven des 21-Jährigen nahezu aufgebraucht.
„Mein Gehirn konnte physisch nicht mehr funktionieren“
Vor dem Finale beschrieb Brennan bei TNT Sports eindrücklich, wie tief er am Vortag hatte gehen müssen. „Mein Gehirn konnte nach der gestrigen Etappe physisch nicht mehr funktionieren, deshalb bin ich froh, hier an der Startlinie zu stehen, bereit loszulegen“, sagte er. „Gleich gibt’s Koffein. Hoffentlich geht’s noch ein letztes Mal.“
Denn trotz seiner bereits fünf Etappensiege hat Brennan noch nicht genug. Auch auf der Schlussetappe will Visma - Lease a Bike noch einmal zuschlagen. Van Aert hat selbst bereits zwei Etappen gewonnen, womit die Mannschaft vor dem Finale bei bemerkenswerten sieben Tagessiegen steht.
„Fünf Etappensiege, dazu zwei mit Wout. Hoffentlich machen wir es mit ihm zu einem dritten. Vielleicht wird es bei mir ein sechster“, sagte Brennan. Gleichzeitig freut sich der Brite darauf, seine erste dreiwöchige Rundfahrt tatsächlich zu beenden. „Ich bekomme eine dieser hübschen Finisher-Medaillen. Das fühlt sich wie eine Teilnahme-Medaille an, aber es ist eine gute Teilnahme-Medaille. Ich bin sehr glücklich, es so zu Ende zu bringen.“
Besonderer Abschied für Steven Kruijswijk
Die Schlussetappe in Granada besitzt für Visma - Lease a Bike noch eine weitere besondere Bedeutung.
Steven Kruijswijk bestreitet seinen letzten Renntag als Profi und verabschiedet sich damit nach einer langen Karriere aus dem Peloton.
Auch Brennan will diesen Moment gemeinsam mit seinem erfahrenen Teamkollegen genießen. „Wir hatten einige wirklich schöne Momente, aber das ist ein besonderer Tag, an dem wir Steven Kruijswijk verabschieden können, und ich darf das in einem weißen Paar Socken tun“, sagte er. „Ich freue mich, dabei zu sein.“
Brennan geht damit mit einer außergewöhnlichen Bilanz in die 21. Etappe: Fünf Siege aus genau jenen fünf Etappen, die Visma - Lease a Bike letztlich als seine großen Chancen ausgewählt hatte. Dabei war der 21-Jährige mit einem wesentlich bescheideneren Ziel zu seiner ersten Grand Tour gereist – ein einziger Etappensieg sollte es sein. Vor dem Finale in Granada sind daraus bereits fünf geworden.