Historischer Rekord für Remco Evenepoel: Als erster Radprofi auf sechs Kontinenten gewonnen

Radsport
durch Nic Gayer
Samstag, 12 September 2026 um 14:00
Tour de France 2026 – Remco Evenepoel
Remco Evenepoel gehört nicht nur zu den erfolgreichsten Fahrern seiner Generation, sondern hat längst seinen Platz in der Radsportgeschichte gefunden. Mit seinem Sprintsieg beim GP de Québec am Freitag setzte der Belgier nun eine weitere historische Bestmarke: Als erster Radprofi überhaupt hat Evenepoel UCI-Straßenrennen auf allen sechs Kontinenten gewonnen, auf denen solche Rennen ausgetragen werden.
In einer Ära, in der Tadej Pogacar mit seinen zahlreichen Rekorden regelmäßig die Schlagzeilen bestimmt, geraten selbst außergewöhnliche Leistungen anderer Fahrer schnell in den Hintergrund. Dabei gelingt es nur äußerst selten, eine historische Bestmarke einzustellen – und noch viel seltener, im modernen Radsport etwas zu schaffen, das zuvor überhaupt keinem Profi gelungen ist.

Evenepoel schreibt erneut Radsportgeschichte

Doch genau das hat der 26-jährige Evenepoel geschafft. Bereits 2024 schrieb er Geschichte, als er als erster Fahrer bei denselben Olympischen Spielen sowohl das Straßenrennen als auch das Einzelzeitfahren gewann. Damit setzte er eine Bestmarke, die im modernen Profiradsport womöglich über Jahrzehnte Bestand haben könnte.
Remco Evenepoel gewinnt das Amstel Gold Race 2026.
Remco Evenepoel schrieb mit seinem Triumph beim GP de Québec Geschichte: Der Belgier hat nun als erster Radprofi UCI-Straßenrennen auf sechs Kontinenten gewonnen.
Am Freitag folgte beim GP de Québec der nächste historische Meilenstein. Evenepoel gewann erstmals in seiner Karriere ein UCI-Rennen in Nordamerika. Da der Belgier zuvor bereits auf den anderen fünf Kontinenten mit UCI-Straßenrennen triumphiert hatte, komplettierte er damit eine einzigartige Sammlung.
Auf die außergewöhnliche Bedeutung des Erfolgs machte zunächst Radsportstatistiker Cilian Kelly aufmerksam. Sportlich dient der GP de Québec Evenepoel vor allem als Vorbereitung auf die Weltmeisterschaften in Montreal, bei denen er in beiden Elite-Wettbewerben zu den großen Favoriten zählt. Für die Geschichtsbücher besitzt sein Sieg vom Freitag jedoch eine Bedeutung, die weit über die unmittelbare WM-Vorbereitung hinausgeht.
Europa, Asien, Afrika, Ozeanien, Nord- und Mittelamerika sowie Südamerika: Auf allen sechs Kontinenten, auf denen professionelle UCI-Straßenrennen stattfinden, hat Evenepoel nun mindestens einmal gewonnen. Die Antarktis bildet naturgemäß die Ausnahme. Dort existieren weder ein relevantes Straßennetz noch UCI-Rennen, weshalb professionelle Straßenrennen auf absehbare Zeit nicht infrage kommen. Damit ist Evenepoel der bislang einzige Fahrer, der auf jedem für den Profiradsport relevanten Kontinent mindestens einen Sieg gefeiert hat.

Welcher Kontinent ist die größte Hürde?

Insgesamt haben 18 Fahrer – Evenepoel eingeschlossen – auf mindestens fünf Kontinenten gewonnen. Sie alle konnten mindestens einen Sieg in Europa feiern, manche allerdings tatsächlich nur ein einziges Mal. Auch in Nordamerika waren sämtliche dieser Fahrer bereits erfolgreich. In Südamerika fehlen lediglich Andre Greipel und Robbie Hunter in der Siegerliste – durchaus bemerkenswert, da beispielsweise die frühere Vuelta a San Juan gerade Sprintern zahlreiche Erfolgsmöglichkeiten bot.
Zwei Fahrern fehlt ein Triumph in Ozeanien: Mauro Abel Richeze und Aldo Ino Ilesic. Auf einen Erfolg in Asien warten dagegen drei Fahrer, die allesamt aus Deutschland stammen: Marcel Wüst, Sven Teutenberg und Olaf Pollack.
Die mit Abstand größte Hürde stellt jedoch Afrika dar. Zwar konnten einige der genannten Fahrer dort mindestens einmal gewinnen, doch zehn der insgesamt 18 Profis mit Siegen auf mindestens fünf Kontinenten blieben in Afrika ohne Erfolg. Bis vor Kurzem gehörte auch Evenepoel zu dieser Gruppe.
Das änderte sich im vergangenen Jahr. Der Profi von Red Bull - BORA - hansgrohe gewann das WM-Zeitfahren in Kigali und ergänzte damit Afrika in seiner persönlichen Siegessammlung. Mit der Tour du Rwanda gibt es derzeit nur ein großes UCI-Rennen auf dem afrikanischen Kontinent, und nur wenige WorldTour-Profis nehmen daran teil. Die Weltmeisterschaften in Kigali eröffneten dem Olympiasieger daher möglicherweise eine im wahrsten Sinne des Wortes einmalige Gelegenheit – und Evenepoel nutzte sie.

78 Siege – doch vor allem die Qualität beeindruckt

Mit Stand vom 12. September 2026 kommt Evenepoel auf 78 Profisiege. Bereits die reine Anzahl wäre für jeden Fahrer eine beeindruckende Bilanz. Doch Evenepoels Karriere definiert sich weniger über die Quantität seiner Erfolge als über deren außergewöhnliche Qualität. In einem Alter, in dem viele Profis vor zehn Jahren erst allmählich ihren Leistungsgipfel erreichten, besitzt der Belgier bereits ein Palmares, mit dem nur wenige Fahrer im aktuellen Peloton mithalten können.
Zu seinen größten Erfolgen zählen der Gesamtsieg bei der Vuelta a Espana 2022 sowie seine beiden Monument-Triumphe bei Liege-Bastogne-Liege 2022 und 2023. Hinzu kommen der Weltmeistertitel im Straßenrennen 2022 und drei aufeinanderfolgende WM-Titel im Zeitfahren zwischen 2023 und 2025. Bei den Olympischen Spielen 2024 krönte Evenepoel seine bisherige Karriere schließlich mit Gold sowohl im Straßenrennen als auch im Einzelzeitfahren. Und selbst damit ist die Liste seiner großen Erfolge noch längst nicht vollständig – besonders bemerkenswert in einer Ära mit Tadej Pogacar, der im selben Jahr Profi wurde.
Remco Evenepoel posiert mit der Goldmedaille.
Remco Evenepoel mit der Goldmedaille nach seinem Zeitfahr-WM-Titel 2025 in Kigali: Mit diesem Triumph in Afrika ebnete der Belgier den Weg zu seinem historischen Sechs-Kontinente-Rekord.
Seinen ersten Profisieg feierte Evenepoel 2019 bei der Baloise Belgium Tour. Damit war sein Heimatkontinent Europa zugleich der erste Kontinent auf seiner späteren Weltreise der Siege. Bereits im Januar 2020 folgte mit seinem Erfolg bei der Vuelta a San Juan der erste Triumph in Südamerika.
Ende 2022 brachte ihm sein Weltmeistertitel in Australien zugleich den ersten Erfolg in Ozeanien. Nur wenige Monate später gewann Evenepoel die Gesamtwertung der UAE Tour 2023 und konnte mit Asien den vierten Kontinent abhaken.
Sein 66. Profisieg, der Triumph im Einzelzeitfahren der Weltmeisterschaften in Kigali, komplettierte im vergangenen Jahr mit Afrika den fünften Kontinent. Am Freitagabend schloss sich beim GP de Québec schließlich der Kreis: Mit seinem ersten Sieg in Nordamerika fügte Evenepoel den letzten noch fehlenden Kontinent hinzu und schrieb damit Geschichte.

Wer kann Evenepoels Rekord noch einstellen?

Laut ProCyclingStats haben neben Evenepoel 17 weitere Fahrer das bemerkenswerte Kunststück vollbracht, auf fünf Kontinenten zu gewinnen. Auf dieser Liste finden sich bekannte Namen wie Fabian Cancellara, Esteban Chaves, Andre Greipel und Elia Viviani. Bei den Frauen gehören die US-Amerikanerinnen Kristin Armstrong und Amber Neben zu diesem exklusiven Kreis. Wie international diese Gruppe ist, zeigt auch ihre Herkunft: Nur neun der 17 Fahrerinnen und Fahrer wurden in Europa geboren.
Unter den derzeit noch aktiven Profis besitzt lediglich eine Fahrerin die Möglichkeit, Evenepoels Bestmarke einzustellen: Arlenis Sierra. Die Kubanerin steht weiterhin bei Movistar Women unter Vertrag und hat bereits auf fünf Kontinenten gewonnen. Sollte ihr künftig noch ein Sieg in Afrika gelingen, würde auch Sierra die historische Marke von Erfolgen auf allen sechs Kontinenten erreichen.
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