Isaac del Toro konnte zumindest ein wenig Genugtuung daraus ziehen, dass das Regenbogentrikot bei UAE Team Emirates - XRG blieb. Für Mexiko war das allerdings nur ein schwacher Trost. Schließlich war die Mannschaft mit der Überzeugung nach Montreal gereist, eine realistische Chance auf den Titel bei der
Radsport-WM zu besitzen.
Während
Brandon McNulty im Ziel seinen Triumph feierte, erreichte Del Toro nach einem kräftezehrenden Nachmittag voller Aufholjagden den fünften Platz. Immer wieder drohte dem 22-Jährigen das Rennen zu entgleiten. Mexiko verfügte nicht über die personelle Stärke der großen Radsportnationen, weshalb der Kapitän zahlreiche Lücken selbst schließen musste. „Wenn das ganze Peloton ein wenig gegen uns fährt oder ausnutzt, dass wir nicht das beste Team haben, dann werden wir nächstes Jahr umso mehr kämpfen“, sagte Del Toro anschließend bei ESPN MX.
Del Toro muss immer wieder selbst reagieren
Mexiko war mit dem Plan nach Montreal gekommen, das Rennen rund um Del Toro offensiv zu gestalten, anstatt ausschließlich auf die entscheidenden Schlussrunden zu setzen. Als die Radsport-WM jedoch schon früh aus großer Distanz explodierte, ließ sich die zahlenmäßige Unterlegenheit der Mannschaft immer schwieriger kompensieren.
Isaac del Toro musste in Montreal immer wieder selbst auf gefährliche Attacken reagieren und verpasste nach einem kräftezehrenden Rennen als Fünfter knapp die WM-Medaillen.
Die Probleme begannen lange vor jener Attacke, mit der sich McNulty später das Regenbogentrikot sichern sollte. Mathieu van der Poel, Quinn Simmons, Primoz Roglic und weitere Fahrer setzten sich wiederholt ab, als die Favoriten bereits mehr als 80 Kilometer vor dem Ziel die Offensive eröffneten. Eigentlich war erwartet worden, dass Del Toro mit jedem zusätzlichen Höhenmeter stärker werden würde. Stattdessen musste der Mexikaner schon früh wertvolle Energie investieren, um zu verhindern, dass das Rennen vor ihm entschieden wurde.
„Der Moment, in dem ich etwas rausnehmen und dann in den Vollgas-Modus wechseln wollte, war genau der, in dem ich mich in einer sehr komplizierten Situation wiederfand“, räumte Del Toro ein.
Von einer Verschnaufpause konnte anschließend kaum noch die Rede sein. Del Toro attackierte an den Anstiegen, jagte gefährlichen Gruppen hinterher und verbrachte lange Phasen selbst im Wind, während die Spitze immer wieder auseinanderbrach und sich anschließend neu formierte. „Ich wollte die Goldmedaille nicht entgleiten lassen“, erklärte er.
Im weiteren Verlauf des Nachmittags wurde die zahlenmäßige Überlegenheit der USA immer deutlicher. McNulty, Simmons und Matteo Jorgenson hielten sich bis weit in das Rennen hinein in aussichtsreicher Position und verschafften ihrer Mannschaft damit mehrere taktische Optionen. Mexiko hingegen besaß mit Del Toro einen klaren Kapitän – und entsprechend wusste die Konkurrenz genau, von wem die größte Gefahr ausging.
Trotz des verpassten Podiums sah Del Toro in Mexikos erstem ernsthaften Anlauf bei einer Radsport-WM mit ihm als einem der Topfavoriten auch wichtige Fortschritte. „Wir waren sehr entschlossen und ich bin zufrieden mit dem Rennen, das wir gefahren sind, wir sind als Nation sehr gut gefahren“, sagte er. „Wir haben nicht gewonnen, aber wir haben einen guten Schritt nach vorn gemacht, was unsere Gruppenmentalität und unsere Ambitionen für diese Rennformate angeht.“
Als McNulty rund 30 Kilometer vor dem Ziel seine entscheidende Attacke setzte, wuchs dessen Vorsprung schnell auf mehr als eine Minute an. Dahinter kam die Verfolgung nie richtig ins Rollen. Nationale und Team-Interessen vermischten sich, während Del Toro bereits einen großen Teil seiner Kräfte dafür aufgewendet hatte, auf die zahlreichen früheren Angriffe zu reagieren.
Doch als McNulty auf der Schlussrunde erste Ermüdungserscheinungen zeigte und sein Vorsprung plötzlich deutlich zusammenschmolz, war auch Del Toro wieder zur Stelle. Trotz all seiner vorherigen Anstrengungen bekam der Mexikaner noch einmal die Chance, Montreal mit einer Medaille zu verlassen.
„Wir wussten, dass wir gewinnen können“
McNulty rettete seinen Vorsprung ins Ziel und krönte sich zum neuen Weltmeister. 13 Sekunden später sprinteten Michael Matthews und Van der Poel zu Silber und Bronze. Simmons belegte Rang vier, ehe Del Toro eine weitere Sekunde dahinter als Fünfter die Ziellinie überquerte.
Nachdem er einen Großteil des Rennens damit verbracht hatte, überhaupt im Kampf um die Medaillen zu bleiben, blickte Del Toro anschließend noch einmal auf die entscheidenden Schlusskilometer zurück. Dabei beschäftigte ihn vor allem die Frage, ob mit einer besseren Positionierung vielleicht doch noch etwas mehr möglich gewesen wäre.
„Ich glaube, es war klar, dass wir gekommen sind, um zu gewinnen. Ich habe alles gegeben, wir haben alles versucht, vielleicht hätte ich mich für den letzten Sprint besser positionieren sollen“, sagte Del Toro. „Ich bin mit dem Einsatz zufrieden, aber glücklich bin ich überhaupt nicht. Damit gebe ich mich nicht zufrieden. Wir wussten, dass wir gewinnen können, und es ist schade, dass es mir nicht gelungen ist.“
Dass ausgerechnet McNulty den Titel gewann, machte das Ergebnis für Del Toro zumindest auf persönlicher Ebene etwas leichter zu akzeptieren. Der Mexikaner kennt den US-Amerikaner aus dem gemeinsamen Team UAE Team Emirates - XRG und freute sich über dessen Erfolg. Im Nationaltrikot überwog allerdings ein anderes Gefühl. „Ich könnte arrogant sein und sagen, ich will das Regenbogentrikot für mich“, erklärte Del Toro. „Aber auch wenn ich mich für ihn freue, weil ich ihn ein wenig kenne, weiß ich auch, dass Mexiko hierherkam, um zu gewinnen.“
Wie viel diese Radsport-WM auch in seiner Heimat bedeutete, wurde Del Toro spätestens nach dem Zieleinlauf noch einmal vor Augen geführt. Zahlreiche mexikanische Fans waren nach Montreal gekommen. Als der 22-Jährige nach dem Rennen zu ihnen ging, hallten weiterhin „Torito, Torito“-Sprechchöre durch die Menge.
„Wir haben eine unglaubliche Unterstützung erhalten, sie hätten nichts Geringeres als eine Goldmedaille verdient“, sagte Del Toro. „Dafür sind wir gekommen, und das haben wir versucht zu erreichen.“
Am Ende standen für Del Toro Rang fünf, ein Teamkollege im Regenbogentrikot und der Beleg dafür, dass Mexiko mittlerweile mit dem Anspruch zu solchen Rennen anreist, sie aktiv mitzugestalten. Doch während die Fans weiterhin seinen Spitznamen skandierten, war jene Medaille, für die Del Toro den gesamten Nachmittag gekämpft hatte, bereits außer Reichweite.