Kasia Niewiadoma-Phinneys scharfe Vorwürfe gegen FDJ - Suez erhalten prominente Unterstützung. Der ehemalige Profi und heutige niederländische Radsportanalyst
Thijs Zonneveld ist überzeugt, dass Celia Gery die Polin auf der achten Etappe der
Tour de France Femmes gezielt daran hinderte, auf die entscheidende Attacke von
Demi Vollering zu reagieren.
Niewiadoma-Phinney verlor das Gelbe Trikot in Nizza denkbar knapp. Nachdem sie mit 15 Sekunden Vorsprung in die Etappe gestartet war, erreichte sie das Ziel 17 Sekunden hinter Vollering. Vor der Schlussetappe am Sonntag liegt die Polin damit acht Sekunden hinter ihrer niederländischen Rivalin.
Zonneveld: „Gery versucht absichtlich, sie daran zu hindern“
Niewiadoma-Phinneys Ärger richtete sich anschließend vor allem gegen jene Sekunden unmittelbar vor Vollerings Angriff. Sie warf Gery vor, sie absichtlich in Richtung der Absperrgitter gedrängt und dadurch zum Aufhören mit dem Treten gezwungen zu haben. Das Vorgehen von FDJ bezeichnete sie als „kindisch“ und erklärte, sie habe
„jeglichen Respekt“ vor dem Team verloren.
Kasia Niewiadoma-Phinney verlor in Nizza das Gelbe Trikot an Demi Vollering. Ein umstrittenes Manöver von Celia Gery sorgt vor dem Tour-Finale für heftige Diskussionen.
In seinem Substack
„In de Waaier“ hat Zonneveld die umstrittene Szene nun detailliert analysiert – und kommt im Wesentlichen zum gleichen Ergebnis wie Niewiadoma-Phinney. „Gery versucht absichtlich, sie daran zu hindern, auf Vollering zu reagieren“, schrieb der Niederländer.
Zonneveld nimmt das Manöver vor der Kurve auseinander
FDJ hatte bereits mehrere Kilometer vor der entscheidenden Situation damit begonnen, den Druck auf die Konkurrenz zu erhöhen. Franziska Koch verkleinerte zunächst die Favoritinnengruppe, ehe die französische Meisterin Gery die Aufgabe übernahm, Vollering auf die kurze und steile Rampe oberhalb von Nizza vorzubereiten.
Rund 30 Meter vor der Kurve zog Vollering an Gery vorbei und hatte anschließend freie Fahrt. Gery schwenkte daraufhin hinter ihrer Teamkapitänin wieder nach innen.
FDJ-Sportdirektor Lars Boom erklärte später bei NOS: „Der Plan war, kurz vor der Kurve nach links zu wechseln.“ Dadurch sollte hinter Vollering Platz entstehen, während Niewiadoma-Phinney gezwungen sein sollte, sich zunächst an Gery vorbeizuarbeiten.
Für Zonneveld ist allerdings nicht der grundsätzliche Plan das entscheidende Problem, sondern die Art und Weise, wie Gery ihn umsetzte. „Hätten Gery und Vollering deutlich vor der Kurve, auf der Geraden, die Positionen getauscht, ließe es sich vielleicht noch verteidigen“, schrieb der ehemalige Profi.
Nach seiner Interpretation der Bilder wurde Vollering zunächst auf der Außenseite vorbeigelassen. Anschließend zog Gery jedoch quer über die Straße, während Niewiadoma-Phinney genau diese Linie nehmen wollte.
Zonneveld verweist dabei insbesondere auf Aufnahmen aus dem Scheitelpunkt der Kurve. Diese zeigen seiner Einschätzung nach, dass sich Niewiadoma-Phinneys Ellbogen und Vorderrad bereits leicht vor Gery befanden. „Gery fährt in der Kurve tatsächlich in Niewiadoma hinein“, lautet sein Urteil.
Auch mit dem Scheitelpunkt war die brenzlige Situation noch nicht beendet. Am Kurvenausgang blieb Niewiadoma-Phinney kaum Platz, sodass sie bremsen musste, um nicht auf den Randstein zu geraten. Elisa Longo Borghini zog an ihr vorbei, während sich Niewiadoma-Phinney zunächst hinter Gery einordnen musste, ehe sie wieder freie Fahrt hatte.
„Gegnerinnen absichtlich am Bordstein einklemmen? Nicht mein Ding“
Zonneveld widerspricht zudem der Interpretation, wonach Gery und Niewiadoma-Phinney lediglich auf gewöhnliche Weise um dieselbe Position gekämpft hätten.
Gery hatte ihre Arbeit als Anfahrerin für Vollering zu diesem Zeitpunkt bereits beendet und verlor an Geschwindigkeit, während sie ins Feld zurückfiel. Nach Zonnevelds Einschätzung brachte ihr das Manöver quer über die Straße für die eigene Rennsituation deshalb keinen Vorteil mehr – mit Ausnahme der Tatsache, dass Niewiadoma-Phinneys Reaktion auf Vollerings Angriff erschwert wurde.
„Viele konzentrieren sich nur darauf, wer wie in die Kurve fährt, übersehen aber, dass Gery hier nicht einfach für ihre eigene Position mit Niewiadoma kämpft“, schrieb Zonneveld.
Der Niederländer vergleicht die Situation mit Anfahrern, die nach getaner Arbeit gezielt gegnerische Sprinterinnen behindern. Bei Sprintentscheidungen können vergleichbare Aktionen schließlich Zurückversetzungen oder sogar Disqualifikationen nach sich ziehen.
„Man kann sagen, das gehört zum Radsport, aber ich bin anderer Meinung“, erklärte Zonneveld. „Pläne, Taktik und Strategie: unbedingt. Aber Gegnerinnen absichtlich am Bordstein einklemmen? Nicht mein Ding.“
Seine Kritik verbindet der frühere Profi zugleich mit einem Seitenhieb gegen FDJ und dessen öffentliche Beschwerden während der Tour de France Femmes 2025.
Zonneveld wirft FDJ „heuchlerische“ Doppelmoral vor
Während der Austragung im vergangenen Jahr hatte FDJ öffentlich beklagt, dass es innerhalb des Pelotons an Respekt gegenüber Vollering mangele.
Für Zonneveld steht diese damalige Haltung in deutlichem Widerspruch zu dem, was sich nun in Nizza abgespielt hat. „Für ein Team wie FDJ, das im vergangenen Jahr die ‚Respektlosigkeit gegenüber Demi Vollering‘ im Peloton beklagte, ist eine solche Taktik schlichtweg heuchlerisch“, schrieb er.
Canyon//SRAM hat inzwischen bei der UCI Beschwerde gegen Gerys Verhalten eingelegt. Zonneveld rechnet allerdings nicht damit, dass ein mögliches Urteil noch Auswirkungen auf das Gesamtklassement haben wird. Eine Geldstrafe oder Gelbe Karte gegen Gery würde lediglich die Französin selbst treffen. Die 17 Sekunden, die Niewiadoma-Phinney auf der achten Etappe verlor, und Vollerings daraus resultierender Vorsprung von acht Sekunden blieben bestehen.
Der entscheidende Schaden für Niewiadoma-Phinney entstand nach Zonnevelds Einschätzung ohnehin unmittelbar auf der Straße.
Wie viel kostete das Manöver Niewiadoma-Phinney?
Vollering beschleunigte, während Niewiadoma-Phinney noch damit beschäftigt war, sich von der Situation in der Kurve zu erholen. Die Kapitänin von Canyon//SRAM verlor mehrere Radlängen und einen erheblichen Teil ihrer Geschwindigkeit, ehe Longo Borghini sie wieder an die Gruppe heranführte. Niewiadoma-Phinney gelang es anschließend tatsächlich, die entstandene Lücke wieder zu schließen.
Doch unmittelbar danach verschärfte Vollering auf der steilen Rampe erneut das Tempo. Bei dieser zweiten Beschleunigung war Niewiadoma-Phinney schließlich nicht mehr in der Lage, ihrer Rivalin zu folgen.
Zonneveld vermutet, dass genau die Energie, die Niewiadoma-Phinney zuvor für das Schließen der ersten Lücke aufbringen musste, letztlich den entscheidenden Unterschied ausmachte. Sie habe mehrere Radlängen, enorm viel Geschwindigkeit und „das Streichholz verloren, das sie gebraucht hätte, um Vollering bis ganz oben zu folgen“.
Vollering setzte sich über die Kuppe ab, nahm die Abfahrt offensiv in Angriff und hielt auch auf den letzten flachen Kilometern bis nach Nizza den Druck hoch. Im Ziel lag sie 17 Sekunden vor Longo Borghini und Niewiadoma-Phinney. Zusammen mit den Zeitbonifikationen ergab sich damit eine Verschiebung von insgesamt 23 Sekunden im Gesamtklassement.
Am Ende seiner Analyse formuliert Zonneveld deshalb die größtmögliche Konsequenz des umstrittenen Manövers. Niewiadoma-Phinney habe in dieser Situation nicht nur wertvolle Zeit verloren, sondern „wahrscheinlich auch die Tour“.
Eine letzte Gelegenheit, das Blatt noch einmal zu wenden, bleibt der Polin allerdings. Vollering startet mit acht Sekunden Vorsprung im Gelben Trikot in die 99,2 Kilometer lange Bergetappe am Sonntag – keine 48 Stunden, nachdem Niewiadoma-Phinney ihre große Rivalin am Mont Ventoux noch um mehr als eine Minute distanziert hatte.
Nach zwei aufeinanderfolgenden Etappen, die das Gesamtklassement jeweils völlig auf den Kopf gestellt haben, entscheidet sich die Tour de France Femmes nun im direkten Duell zwischen Vollering und Niewiadoma-Phinney. Gleichzeitig schweben die UCI-Beschwerde von Canyon//SRAM und die Diskussion um Gerys umstrittenes Manöver weiterhin über dem finalen Kampf um das Gelbe Trikot.