Die
Tour de France Femmes ist das bedeutendste Frauenrennen des Jahres. Dennoch müssen sich die Zuschauer weiterhin mit einer teilweise eingeschränkten Liveübertragung begnügen, während große TV-Plattformen zeitgleich der Polen-Rundfahrt der Männer den Vorzug geben und diese vollständig übertragen. Und damit nicht genug.
Lediglich drei Etappen der Tour de France Femmes 2026 – die erste, fünfte und neunte Etappe – werden von Start bis Ziel live gezeigt. An allen anderen Renntagen setzt die TV-Übertragung erst später ein.
Entscheidende Rennmomente bleiben den Zuschauern verborgen
An diesen Tagen stehen lediglich zwei bis drei Stunden Livebilder zur Verfügung. Das hat zur Folge, dass selbst entscheidende Momente des Rennens nicht live zu sehen sind. So verpassten die Zuschauer beispielsweise den Angriff von Sigrid Ytterhus Haugset am Col de la Savine, der den Ausgangspunkt für eine beeindruckende 88 Kilometer lange Solofahrt bildete. Haugset krönte ihren Vorstoß schließlich mit dem Etappensieg auf der dritten Etappe und der Übernahme des Gelben Trikots.
Auch den Sturz von
Demi Vollering bekamen die Zuschauer nicht live zu sehen – obwohl es sich dabei um einen kritischen Moment für eine der großen Favoritinnen auf den Gesamtsieg handelte.
Der Sturz von Demi Vollering war einer der entscheidenden Momente der Tour de France Femmes, den die Zuschauer aufgrund der eingeschränkten TV-Übertragung nicht live verfolgen konnten.
„Ich bin wirklich genervt, ich bin richtig, richtig wütend. Entschuldigt die Wortwahl, aber was soll das?“ TNT-Sports-Moderatorin Orla Chennaoui machte aus ihrem Ärger über die Situation keinen Hehl.
„Warum können wir nicht alle Etappen live sehen?“
In ihrer Forderung nach einer vollständigen Liveübertragung verweist Chennaoui insbesondere darauf, wie unberechenbar, chaotisch und mitreißend der Frauenradsport immer wieder sein kann – und dass die Rennen dadurch mitunter sogar spannender verlaufen als manche Wettbewerbe der Männer.
„Es gibt so viel Begeisterung und Interesse an der Tour de France Femmes avec Zwift. Die Fahrerinnen, das Rennen haben immer wieder gezeigt, wie dynamisch und dramatisch dieser Sport ist. Mein Algorithmus war noch nie so überflutet mit Begeisterung, Freude und Jubel über dieses Rennen.“
Für Chennaoui zeigt sich das wachsende Interesse längst nicht mehr nur an den klassischen Zuschauerzahlen. Auch in den sozialen Netzwerken und auf anderen digitalen Plattformen sei deutlich zu erkennen, wie stark die Aufmerksamkeit für den Frauenradsport in den vergangenen Jahren gestiegen ist.
„Es ist überall auf Instagram, Podcasts schießen aus dem Boden. YouTube-Videos, mehr geschriebene Artikel, als ich mir je vorgestellt hätte, als ich vor zehn Jahren begonnen habe, den Frauenradsport zu begleiten. Und trotzdem, trotz dieses klar belegten Interesses, bekommen wir keine vollständige Live-TV-Übertragung“, führt sie aus.
Besonders unverständlich ist für die Moderatorin, dass selbst potenziell rennentscheidende Situationen zunächst nur über Aufnahmen von Zuschauern sichtbar werden, während die offizielle TV-Übertragung noch gar nicht begonnen hat.
„Warum können wir nicht alle Etappen live sehen? Jede Etappe, komplett live. Warum schauen wir uns Demi Vollerings Sturz auf einem Handyvideo an, bevor die TV-Kameras überhaupt drauf sind? Eine Ex-Siegerin, eine der großen Favoritinnen, und sie hätte aus dem Rennen stürzen können. Und wir hätten es nicht gesehen.“
Chennaoui spricht von einem „Bärendienst für den Frauenradsport“
Noch problematischer ist aus Chennaouis Sicht, dass das Interesse an vollständigen Übertragungen bei nahezu allen Beteiligten vorhanden sei – insbesondere bei den Fans und internationalen TV-Sendern. Ausgerechnet bei den entscheidenden Akteuren scheint es ihrer Einschätzung nach jedoch an der nötigen Dringlichkeit zu fehlen. Sowohl Veranstalter ASO als auch Host Broadcaster France Télévisions hätten es in der Hand, die Situation zu verändern.
„Es gibt einen großen Willen, dieses Rennen von Anfang bis Ende zu senden, wie bei jedem Frauenradrennen. Wir brauchen die ASO, um es anzusetzen. Wir brauchen France Télévisions, um es zu senden“, erklärt Chennaoui und unterstreicht damit erneut ihre klare Position.
Eine Wiederholung der Situation, wie sie bereits bei Paris-Roubaix Femmes zu beobachten war, möchte die Moderatorin keinesfalls akzeptieren. Für Chennaoui stellte die dortige TV-Situation sogar einen Rückschritt dar.
„Es tut mir leid, aber Paris-Roubaix in diesem Jahr war – egal, was man zu den TV-Zahlen sagt – ein Schritt zurück. Das ist weiterhin ein Bärendienst für den Frauenradsport.“
Den möglichen Einwand, dass eine umfangreichere Übertragung aufgrund mangelnden Zuschauerinteresses nicht gerechtfertigt sei, lässt Chennaoui ebenfalls nicht gelten. Für sie ist längst bewiesen, dass sowohl das Publikum als auch andere TV-Sender mehr von der Tour de France Femmes sehen wollen.
„Und dann können wir nicht behaupten, das Publikum sei nicht da – das können wir nicht. Es ist da, der Wille anderer Sender ist da. Wir wollen dieses Rennen sehen und wissen, was mit Demi Vollering passiert, und mit allen anderen Mitfavoritinnen und Fahrerinnen in diesem Rennen.“