Auf dem Transfermarkt des internationalen Radsports haben sich in der vergangenen Woche gleich mehrere bemerkenswerte Entwicklungen abgezeichnet. Mit
Richard Carapaz und
Filippo Ganna stehen zwei prominente Fahrer im Mittelpunkt spektakulärer Teamwechsel, für die sie ihre bestehenden Verträge vorzeitig aufgelöst haben. Die Hintergründe dieser Transfers werfen zugleich neue Fragen zur finanziellen Situation mehrerer WorldTour-Mannschaften auf.
Im Podcast
The Move äußerte sich der frühere Teammanager
Johan Bruyneel ausführlich zu den beiden Personalentscheidungen. Besonders der Wechsel von Richard Carapaz sorgt für Gesprächsstoff: Der Ecuadorianer verlässt EF Education-EasyPost vor Ablauf seines Vertrags und schließt sich für drei Jahre NSN Cycling an. Nach Bruyneels Einschätzung soll Carapaz bei seinem neuen Arbeitgeber ein Jahresgehalt von rund 2,5 Millionen Euro beziehen.
Richard Carapaz verlässt EF Education-EasyPost – Bruyneel spricht über finanzielle Probleme
„Ich wusste das, glaube ich, kurz nach der Tour. Ich hatte dazu Informationen aus erster Hand, aber bis zur offiziellen Bestätigung hat es eine Weile gedauert“, erklärte Bruyneel gegenüber seinem Podcast-Kollegen Spencer Martin. Für den Ecuadorianer hält er den Wechsel für einen ausgesprochen guten Schritt: „Für Carapaz ist das großartig. Ich glaube, der Vertrag läuft über drei Jahre. In dieser Phase seiner Karriere ist das natürlich sehr gut. Außerdem wissen wir alle, dass EF finanzielle Probleme hat.“
Richard Carapaz verlässt EF Education-EasyPost vorzeitig und wechselt zu NSN Cycling. Laut Johan Bruyneel sollen finanzielle Schwierigkeiten seines bisherigen Teams eine entscheidende Rolle bei dem Transfer gespielt haben.
Sportlich hatte Carapaz zuletzt eindrucksvoll auf sich aufmerksam gemacht. Bei der Tour de France feierte er zwei Etappensiege und sicherte sich zudem die Bergwertung. Anschließend überzeugte er auch bei der Vuelta a Espana mit starken Leistungen und verpasste einen Platz auf dem Gesamtpodium nur knapp. Mit seiner offensiven und kompromisslosen Fahrweise gewann der ehemalige Olympiasieger in den vergangenen Monaten zahlreiche weitere Anhänger.
Obwohl Carapaz ursprünglich noch für die kommende Saison an EF Education-EasyPost gebunden war, sollen finanzielle Schwierigkeiten des US-amerikanischen Rennstalls den vorzeitigen Abschied ermöglicht haben. Bruyneel deutete an, dass die Mannschaft ihren finanziellen Spielraum offenbar deutlich einschränken müsse. „Anscheinend wird das Budget gekürzt“, erklärte der Belgier.
Die Auswirkungen dieser Entwicklung sollen auch den bestehenden Vertrag des Ecuadorianers betroffen haben. „Carapaz hatte noch einen Vertrag für das nächste Jahr. Man sagte ihm aber, er könne im Team bleiben, werde jedoch nicht das vereinbarte Gehalt bekommen. Das ist keine gute Ausgangslage, um eine Einigung zu erzielen. Besonders Carapaz ist nach seiner großartigen Tour de France und der Vuelta sehr gefragt.“
Bei NSN Cycling soll Carapaz künftig gemeinsam mit Santiago Buitrago und Lennert van Eetvelt einen schlagkräftigen Kletterblock bilden. Bruyneel sieht in seiner Verpflichtung allerdings nicht nur einen sportlichen Gewinn für die Schweizer Mannschaft. Auch aus wirtschaftlicher und medialer Sicht könnte sich der Transfer auszahlen. „Er ist für Sponsoren attraktiv. Ich denke, für NSN ergibt der Wechsel ebenfalls viel Sinn.“
Gleichzeitig bezweifelt der frühere Teammanager, dass Carapaz mit seiner neuen Mannschaft unmittelbar um die ganz großen Erfolge bei den dreiwöchigen Landesrundfahrten kämpfen kann. Seinen Wert für das Team schmälere das jedoch keineswegs. „Auch wenn ich glaube, dass Spitzenleistungen und Podiumsplätze bei den Grand Tours in der aktuellen Lage schwierig werden. Carapaz wird dem Team aber viel Aufmerksamkeit verschaffen. Genau das braucht es meiner Meinung nach.“
Filippo Ganna verlässt INEOS – Bruyneel hinterfragt die Transferstrategie von LIDL-Trek
Für ähnlich großes Aufsehen sorgt der bevorstehende Wechsel von Filippo Ganna zu LIDL-Trek. Der italienische Zeitfahrspezialist verlässt INEOS Grenadiers vorzeitig, obwohl sein laufender Vertrag noch ein weiteres Jahr gültig gewesen wäre. Für die britische Mannschaft bedeutet der Abgang eines ihrer prominentesten Fahrer zugleich, dass nur wenig Zeit bleibt, um einen geeigneten Ersatz zu verpflichten.
Bruyneel vermutet, dass Gannas bisheriger Vertrag noch aus einer Phase stammt, in der INEOS bei der Verpflichtung seiner Fahrer deutlich großzügiger mit finanziellen Mitteln umging. „Ich glaube, er unterschrieb seinen aktuellen Vertrag in einer Phase, in der INEOS ziemlich planlos mit Geld um sich warf“, sagte der Belgier. „Wahrscheinlich hat er einen hoch dotierten Vertrag. Bei einem Verbleib bei INEOS hätte er aber wohl nicht mehr dieselbe Summe bekommen. Ganna ist weiterhin ein sehr guter Fahrer, bringt aber nicht die Leistungen, die wir uns alle von ihm erhofft hatten.“
Insbesondere im Kampf gegen Remco Evenepoel musste Ganna in den vergangenen Jahren immer wieder seine Grenzen erkennen. Während der Italiener zu Beginn der 2020er-Jahre das internationale Zeitfahren maßgeblich prägte und zu den dominierenden Fahrern dieser Disziplin gehörte, entwickelte sich Evenepoel zunehmend zu einem nahezu unüberwindbaren Konkurrenten.
Bei LIDL-Trek erhält Ganna einen Dreijahresvertrag und wird Teil einer Mannschaft, die ihren Kader mit zahlreichen prominenten Verpflichtungen weiter verstärkt. Zu den Neuzugängen gehören auch Felix Gall und Jordi Meeus. Trotz der beeindruckenden personellen Qualität des Teams kann Bruyneel allerdings keine eindeutige sportliche Strategie hinter den zahlreichen Transfers erkennen. „LIDL-Trek hat ein starkes Team zusammengestellt, aber ich erkenne darin keine klare Logik.“
Noch bemerkenswerter findet der Belgier die finanziellen Dimensionen der Transferoffensive. Nach Informationen, die ihm zugetragen worden seien, soll LIDL-Trek bei seinen Ausgaben die ursprünglich vorgesehenen Grenzen erheblich überschritten haben. „Sie müssen ein Scheckbuch mit unterschriftsreifen Blankoschecks haben. Mir wurde gesagt, dass sie Millionen über dem Budget liegen. Und wenn ich Millionen sage, meine ich nicht nur ein paar Millionen. Es geht um einen zweistelligen Millionenbetrag. Sie liegen also mehr als zehn Millionen über dem Budget“, behauptete Bruyneel.
Finanzielle Entlastung für INEOS durch den Ganna-Transfer?
Während LIDL-Trek offenbar bereit ist, erhebliche Summen in die Verstärkung seines Kaders zu investieren, könnte der Abgang von Ganna für INEOS Grenadiers auch wirtschaftliche Vorteile mit sich bringen. Trotz eines geschätzten Jahresbudgets von rund 50 Millionen Euro blieb die britische Mannschaft sportlich zuletzt hinter ihren finanzstarken Konkurrenten zurück. Nach Bruyneels Einschätzung könnte dieser Umstand dazu geführt haben, dass die Verantwortlichen inzwischen deutlich stärker auf die Ausgaben achten.
„Anscheinend achten sie jetzt genauer auf ihr Geld“, erklärte Bruyneel. Vor diesem Hintergrund könnte die vorzeitige Freigabe des italienischen Zeitfahrspezialisten durchaus im Interesse der Mannschaft liegen. Schließlich würde INEOS nicht nur das Gehalt für dessen letztes Vertragsjahr einsparen, sondern möglicherweise auch eine beträchtliche Ablösesumme erhalten. „Auch deshalb kommt die Freigabe von Filippo Ganna gelegen. Sie müssen das zusätzliche Vertragsjahr nicht bezahlen und bekommen wahrscheinlich eine ordentliche Ablösesumme. Allein mit diesem Geld können sie vier oder fünf Fahrer verpflichten.“