Für viele Fahrer bedeutet der Wechsel zum dominierendsten Team im Peloton vor allem Sicherheit. Für
Kevin Vermaerke ist er das Gegenteil. Vor seiner ersten Saison bei
UAE Team Emirates - XRG betritt der US-Amerikaner bewusst ein Umfeld, in dem die Auswahl gnadenlos ist, die Erwartungen kompromisslos gelten und nichts garantiert wird.
„Es sollte schwer sein, es ins Grand-Tour-Aufgebot zu schaffen“, sagte Vermaerke im Gespräch mit
Cycling News über seinen Teamwechsel. Statt sich von dieser Realität abschrecken zu lassen, hat er sie gezielt gesucht.
Komfortzone verlassen, Klarheit finden
Vermaerke kommt nach fünf Saisons bei Picnic PostNL zu
UAE Team Emirates - XRG. Es waren Jahre mit Einsätzen bei Grand Tours und Monumenten, die ihm wertvolle Erfahrung brachten, ihn aber zugleich auf der Suche nach neuer Orientierung zurückließen. „Ich hatte das Gefühl, ich hätte dort mein Potenzial ausgereizt“, erklärte er. „Um weiter zu wachsen und den nächsten Schritt in meiner Karriere zu machen, musste ich mich bewusst in etwas Neues hineinwerfen.“
Diese Suche nach Klarheit war ein zentraler Grund für den Reiz von UAE. Anders als in Teams, in denen Führungsrollen von Rennen zu Rennen wechseln, ist die Hierarchie hier klar definiert, aufgebaut um
Tadej Pogacar und eine feste Unterstützungsstruktur. Für Vermaerke wirkt diese Ordnung nicht einschränkend, sondern motivierend.
Bei der Vuelta a España 2025, in die er kurzfristig nachrückte, fand er sich mehrfach in langen Fluchten wieder. Am Ende unterlag er Fahrern, deren Farben er wenig später selbst tragen sollte. „Leider stand ich immer jemandem gegenüber, der ein bisschen stärker war“, sagte er rückblickend. Der Frust über verpasste Chancen ging dabei Hand in Hand mit der Erkenntnis, sich bereits am höchsten Maßstab des Sports gemessen zu haben.
Lernen an der Messlatte des Sports
Diese Messlatte verkörpert
Tadej Pogacar, dessen Präsenz Erwartungen und Möglichkeiten innerhalb des Teams prägt. Vermaerke ist sich dessen bewusst und sieht darin keinen Widerspruch. „Zu akzeptieren, dass Pogacar der Beste ist, gehört nicht zu dem, worum es bei uns geht“, sagte er und machte deutlich, dass interner Wettbewerb auch in einer dominanten Struktur seinen Platz hat.
Statt Pogacars Niveau als Grenze der eigenen Ambitionen zu begreifen, nutzt Vermaerke es als Referenz. „Wenn ich in ein Team komme, in dem ich die besten Trainer, die besten Ernährungsberater und die besten Teamkollegen habe, geben sie mir die Werkzeuge“, erklärte er. „Es liegt an mir, diese Werkzeuge am Ende zu nutzen und mich zu beweisen.“
Gerade dieses Umfeld unterscheidet
UAE Team Emirates - XRG aus seiner Sicht von anderen Mannschaften. „Alle pushen sich gegenseitig auf wirklich gesunde Weise“, sagte Vermaerke. Die hohen Standards würden täglich gelebt und entstünden aus der Gruppe selbst, nicht durch Vorgaben von oben.
Den härtesten Weg bewusst wählen
Bereits Anfang 2025 stand für Vermaerke fest, dass er Veränderung braucht. „Ich wollte wirklich zu einem Topteam, bei dem ich mit den vorhandenen Ressourcen und dem Personal das Maximum aus mir herausholen kann“, sagte er. Gespräche mit UAE-Sportdirektor
Joxean Matxin bestätigten dieses Gefühl schnell.
Statt Führungsversprechen oder eines vereinfachten Wegs zu Ergebnissen folgte ein nüchterner Austausch über Rollen, Konkurrenz und Chancen. „Ich glaube, ich habe ein gutes Programm mit ein paar einwöchigen WorldTour-Rennen, in denen ich Jungs wie Almeida, Del Toro oder Pogacar helfen kann“, erklärte Vermaerke. Gleichzeitig sieht er Spielraum für eigene Ambitionen, wenn es die Rennsituation erlaubt. „Die Hälfte der Zeit werde ich das machen, und die andere Hälfte andere Rennen fahren, mit der Möglichkeit, selbst auf Sieg zu gehen.“
Dieser erste Profisieg fehlt ihm noch. „Der nächste Schritt in meiner Karriere ist, diesen ersten Profisieg zu holen“, sagte er. Die Saison 2026 versteht er dabei weniger als Neuerfindung denn als klare Bewährungsprobe.
Geduld vor dem nächsten Schritt
Vermaerke blickt realistisch auf das, was vor ihm liegt. Er räumt offen ein, dass eine Grand-Tour-Teilnahme 2026 keineswegs gesetzt ist. „Vielleicht fahre ich dieses Jahr keine Grand Tour“, sagte er und zeigte die Bereitschaft, in der Hierarchie zunächst einen Schritt zurückzugehen, um Selbstvertrauen aufzubauen und Rennhärte zu sammeln.
Für den jüngsten US-Zugang von
UAE Team Emirates - XRG geht es nicht darum, sich im Schatten der Erfolge zu verstecken. Es geht darum, auszuloten, wie weit er kommen kann, wenn die Messlatte vom besten Fahrer seiner Generation gesetzt wird – und er sich ihr bewusst stellt.